Nuit Debout Berlin: Wach bleiben, wenn wir es wagen

Artikel veröffentlicht am 12. April 2016
Artikel veröffentlicht am 12. April 2016

Auch nach Berlin hat es die neue Bewegung „Nuit Debout“ (Wach in der Nacht) geschafft. Frei nach dem Pariser Vorbild trafen sich Franzosen und Nicht-Franzosen letzten Samstag zu einer Kundgebung am Mariannenplatz. Worum es ging? Um neue Wagnisse und Europa.

Wir dachten, der Frühling sei bereits angekommen, doch es ist noch zu frisch an diesem Samstagabend auf dem Berliner Mariannenplatz. Die Organisatoren stellen gleich klar: „Wir werden hier nicht die ganze Nacht verbringen, dafür ist es viel zu kalt“. Die Initiative Nuit Debout Berlin hat zu der Kundgebung aufgerufen und damit auf den Appell der Pariser Kollegen geantwortet, die seit dem 31. März den Place de la République besetzen. Auf Facebook hatten 600 Personen Interesse an der Veranstaltung gezeigt und 200 zugesagt. Angesichts der Tatsache, dass die Organisatoren sich ursprünglich eine überschaubare Versammlung in einer Bar vorgestellt hatten, eine ganze Menge. Es ist 19 Uhr und rund 100 Menschen haben den Weg zu dem bekannten Schauplatz linker Bewegungen gefunden - in der Luft liegt eine Stimmung, die die Band Ton Steine Scherben mal mit „Rauch-Haus“ beschrieben hat.

Keine Angst, Fehler zu machen

Die Anwesenden reichen sich das Megaphon, jung, alt, Frau, Mann, mit viel oder wenig Akzent. „Wir sind nicht damit einverstanden, was gerade in die Welt passiert, aber wissen nicht, wie wir es sagen sollen“, sagt eine ältere Frau aus Frankreich und wagt den Vergleich mit der Weimarer Republik. Daraufhin ergreift ein junger Mann das Wort: „Wenn ihr euch in Deutschland engagieren wollt - wir haben eine Menge Strukturen“ und fügt hinzu „die Rechte von Hartz-IV-Empfängern zum Beispiel“. Es geht um deutsche Probleme.

Genau das ist der Anspruch der kleinen Orga-Gruppe gewesen: Über die deutsch-französische Problematik der Arbeitsrechtsreform hinauszugehen und sie auf europäischer Ebene zu diskutieren. Das Prekariat sei kein rein französisches Problem, so Julie (Name auf Wunsch der Betroffenen geändert), die zum achtköpfigen Kern des Teams gehört. Die Berliner Bewegung zielt definitiv nicht nur auf den französischen Nachbarn, sondern will ausdrücklich auch Berliner und Europäer erreichen. Zweiter Vorsatz: die Basisdemokratie wieder an die vorderste Front bringen. „Wir zeichnen uns durch eine vollkommene Offenheit aus“, erklärt Julie, „wir haben keine Angst, Fehler zu machen, keine Angst, unsere Meinung zu sagen. Wir wollen nur einen Ort schaffen, an dem wir uns willkommen fühlen, uns auszudrücken“.

Wer hat Lust? Schnell wird nach dem Megaphon gerufen und dieses von Hand zu Hand weitergereicht. Erste Kommissionen bilden sich: Nachhaltigkeit, Sprache, Ideologie, digital tools, Arbeitsrecht. Hier ist man nicht nur engagiert, sondern auch strukturiert. Während die Nacht über den Platz hereinbricht, findet jede Gruppe schnell zusammen, sucht ein Plätzchen, einen Moderator, einen Protokollanten - und legt los.

Im selben Boot

Ob Abiturientin, Studierende, Arbeitssuchende, Angestellte, Freischaffende, Gewerkschafter aus Deutschland, Frankreich oder anderswo in Europa: Die Kommission ist so bunt, wie man Berlin kennt und mag. Alle haben Meinungen und diese müssen erstmals raus. Wir diskutieren: über den Sinn der Arbeit, ihren Platz in der Gesellschaft, die Einkommensunterschiede, die Arbeitnehmerrechte, das bedingungslose Grundeinkommen, Frauen und Migranten, auch über Europa. Nach einer Viertelstunde entscheiden wir uns für eine Vorstellungsrunde. Auch das ist eine Kernidee der Initiative: Es geht nicht um die Personen, sondern um die Themen, und diese sind noch relativ offen.

Empörung kommt von einer Teilnehmerin, als der Begriff „Produktivität“ fällt: „Was du sagst, ist ein total kapitalistischer Gedanke!“. Es wird deutlich, dass Deutsche und Franzosen anders argumentieren, anders diskutieren - während den Einen Konsens schon im Kindergarten nahe gelegt wird, sind die Anderen streitlustig – doch hier kämpfen sie zusammen. „In den europäischen Gesellschaften sitzen wir nicht alle im gleichen Boot, was Arbeit und die Arbeitsbedingungen angeht“, ruft ein Teilnehmer, „hier geht es darum, wie wir die Anderen ins Boot holen“.

Es wagen

Der Grad des Engagements sowie die persönlichen Hintergründe der im Durchschnitt 20 bis 25-Jährigen, die am Mariannenplatz stehen, sind ganz unterschiedlich. Krishna aus dem Großraum Paris zum Beispiel, ist seit sechs Monaten in Berlin und derzeit Fremdsprachenassistent in Neuruppin. In Frankreich war er nicht besonders engagiert, doch durch seinen Umzug nach Deutschland sieht er nun gesellschaftliche Probleme aus einer globaleren Perspektive. Heute wollte er es selber besser wissen.

Die Organisatoren von Nuit Debout Berlin sind mehr oder weniger in die Sache hineingeschlittert. Erst vier Tage vor der Versammlung, am 5. April, hat sich die bunte Truppe aus acht frankophonen Europäern auf Facebook zusammengefunden. „Wir sind so neu, so frisch, dass keine Verallgemeinerung möglich ist“, beschreibt Julie. Die gelernte Dramaturgin ist seit drei Monaten in Berlin, um ihr Glück in der Kunstszene zu versuchen. Viel Deutsch kann sie nicht und besonders engagiert ist sie zuvor auch nicht gewesen. Doch die Zeit war reif, um selber Initiative zu ergreifen - und das hat offenbar viele angesprochen. Am Anfang war die Idee, an die Pariser Bewegung anzuknüpfen und eine Austauschplattform anzubieten, mehr nicht. „Wir hatten keine besonderen Erwartungen“, so Julie.

Doch jetzt soll es weiter gehen: Priorität Nr. 1 ist es, noch mehr Leute zu erreichen, eine Durchmischung zu schaffen und die Berliner Kreise gezielt anzusprechen. Auch ein Bündnis mit weiteren Initiativen im Hinblick auf den 1. Mai ist im Gespräch. „Wir sind noch komplett im Selbstfindungsprozess, auf der Suche nach dem, was jetzt kommen soll“, beschreibt Julie den Ist-Zustand. Die konkreten Erwartungen für die Zukunft? Erstmal möchte Julie aus dieser Bewegung einen Erfolg machen, und das heißt auch: die Menschen politisieren. „Es kann klappen, wenn wir es wagen“, so die Französin.

Wie weiter wach bleiben?

Viele Ideen sind bei dem Treffen herausgekommen, doch noch keine eindeutige Leitlinie. Daher wird am Mittwoch, dem 13. April, um 19 Uhr auf dem Mariannenplatz weiter diskutiert und debattiert – genauso am Samstag, den 16. April, um 17 Uhr (der Ort wird noch bekannt gegeben). „Es heißt zwar Nuit Debout, aber wir erheben nicht den Anspruch, die ganze Nacht wach zu bleiben“, erklärt Julie, „schließlich möchten wir für alle offen sein, auch für die, die vor allem tagsüber kommen können.“

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Ich bin ein Berliner. Dieser Artikel stammt von unserer Lokalredaktion cafébabel Berlin