No-río, Kritik muss erlaubt sein

Artikel veröffentlicht am 16. März 2007
Artikel veröffentlicht am 16. März 2007

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No-río ist Japans bekanntester Cartoonist. Ein Gespräch über Pressefreiheit, seine Jahre in Frankreich und den Playboy.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort, sich für einen Brunch zu treffen: Wir befinden uns 50 Kilometer vom Japanischen Meer und nur zehn Kilometer vom nächsten Vulkan entfernt. Der Sturm pfeift durch die Straße der Provinzstadt Hirosaki, in der wir an einem dunklen Winterabend auf No-río Yamanoi warten. Schließlich kommt Japans bekanntester politischer Cartoonist und wir flüchten vor dem sich verdichtenden Sturm in ein nahe gelegenes Café mit Wiener Ambiente.

Stationen einer Karriere

No-río lächelt spitzbübisch: „Mein Name – No-río – bedeutet im Spanischen soviel wie ‚Ich lache nicht’”. No-ríos graziler Körperbau und seine leuchtenden Augen täuschen leicht darüber hinweg, dass er bereits 60 Jahre alt ist. Er trägt einen Schemagh, das charakteristische arabische Halstuch, den ihm sein palästinensischer Kollege Boukhari Baha geschenkt hat. No-río passt in keine der Schubladen, in die man ihn schon stecken wollte. Er ist ein japanischer Freigeist, der seine Meinung lautstark vertritt und gerne diskutiert – eine seltsam anmutende Erscheinung in einem Land, in dem „schweigender Konsens“ die Norm darstellt. Die Japaner neigen nicht gerade dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Wenn es aber einer tut, dann richtig.

Wir bestellen Wiener Kaffee, obwohl Irish Coffee besser zu dem Wetter draußen passen würde. No-río fängt an zu erzählen. „Mit 13 Jahren habe ich angefangen, den Playboy zu lesen. Cartoons haben mich besonders interessiert, vor allem solche mit sexuellen Motiven. Hauptsächlich aber ging es mir dabei um die Ausdrucksformen.” Er lächelt und fährt fort: „Wenn uns ein Artikel nicht gefällt, können wir einfach aufhören, ihn zu lesen. Mit Cartoons ist das anders. Sie sind unheimlich ausdrucksstark. Innerhalb weniger Sekunden erfassen wir die Aussage des Künstlers, ob wir wollen oder nicht.”

No-ríos Talent zum Zeichnen blieb lange unentdeckt. Als Schüler fühlte er sich nicht gerade zum Künstler berufen. „In der Schule hatte ich ziemlich schlechte Noten im Fach Kunst“. 1969 schwappten die Studentenproteste aus Frankreich nach Japan über, und rissen auch No-río mit, der in Tokio Spanisch studierte. „Ich habe das passende Medium gesucht, um meinen Protest gegen die herrschenden gesellschaftlichen Zustände ausdrücken. Allerdings war ich überzeugt, dass ich kein Talent zum Zeichnen habe und dachte, dass Film das Richtige für mich ist.”

Mozarts fünfte Symphonie hallt durch das Café. No-río erzählt, dass er nach Paris zog, um dort seinem Interesse am Filmgeschäft nachzugehen. Dieser Schritt stand am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn, die in eine Karriere als Cartoonist mündete. „Das war damals die Zeit der Nouvelle Vague und der Cinémathèque française. Es gab eine ganze Reihe junger Leute, die zwar keine Karriere im Filmgeschäft gemacht haben, aber doch einige Erfolge im In- und Ausland verzeichnen konnten. Frankreich bot jungen Künstlern damals unglaublich viele Möglichkeiten.”

No-ríos Karriere als politischer Cartoonist ist natürlich hauptsächlich seinem kreativen Talent zu verdanken. Ein Missgeschick in seiner damaligen WG, das seine Improvisationskünste auf den Plan rief, hat jedoch das seinige dazugetan. „Ich wohnte mit drei anderen jungen Leuten in einer großen Wohnung zusammen. Irgendwann ist der Schlüssel der Toilettentür abgebrochen, und das hat mich dazu inspiriert, Cartoons für das ‚Besetzt’- und das ‚Frei’-Zeichen zu zeichnen.” Er nimmt sich eine Seite aus unserem Notizblock und skizziert seine Zeichnungen von damals. Der Cartoon „Besetzt“ zeigt eine Toilette als Panzer und nimmt Bezug auf die Besetzung der Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen. Für den Cartoon, der das „Frei“-Zeichen symbolisiert, hat No-río den Spülkasten einer Toilette in die Freiheitsstatue verwandelt.

Um dieses Motiv herum hat No-río eine ganze Serie mit 20 Cartoons gezeichnet. „Ich hatte die Gelegenheit, sie einem japanischen Cartoonisten zu zeigen. Er war begeistert und hat mich dazu angeregt, mein Glück als professionell arbeitender Cartoonist zu versuchen.”

Die EU hat großes Potential

Der Kellner bringt uns zwei Gebäckstücke, die an Rosinenbrötchen erinnern. Die vermeintlichen Rosinen entpuppen sich jedoch als Rote-Bohnen-Paste. Wir sind inzwischen bei den internationalen Beziehungen angelangt. „Meine Cartoons spiegeln ganz klar meine Sympathie für die Arbeit der Vereinten Nationen und der Europäischen Union wider.” Das überrascht mich. In Japan und im übrigen asiatischen Raum tritt man der EU eher skeptisch als bewundernd gegenüber – wenn sie überhaupt als politische Einheit wahrgenommen wird. No-río fährt fort: „Ich glaube fest daran, dass die EU das Potential hat, den Frieden auf der Welt zu sichern. Im Moment erleben wir die Konfrontation zwischen dem Islam und der christlich geprägten Welt. Meiner Meinung nach ist die Aufnahme der Türkei in die EU der richtige Weg, um das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen zu verbessern.”

No-río hat insgesamt zehn Jahre in Frankreich gelebt und dort sein Geld als Japanischlehrer und Cartoonist verdient. Ich frage ihn, was er am meisten an Europa vermisst. Er überlegt kurz und überrascht mich mit dieser Antwort: „Meinungsfreiheit. Man kann dort seine Ansichten offen äußern, es gibt keine Zensur. In Japan ist es oftmals sehr schwer, bestimmte Themen anzuschneiden. Ich denke beispielsweise, dass der Kaiser eine Mitschuld am Kriegsverlauf getragen hat. Es ist aber einfach nicht möglich, hier in Japan offen darüber zu diskutieren.“

Das Wetter draußen wird immer ungemütlicher und das Café immer voller. No-río spricht gerade über die Medien(ohn)macht in seiner Heimat. Er erzählt, dass die große Leserschaft japanischer Tageszeitungen deren politische Ausrichtung maßgeblich bestimmt. Etwa zehn Millionen Japaner lesen regelmäßig eine Tageszeitung. Von der gemäßigten Linie abweichende Beiträge könnten zu schwindenden Verkaufszahlen und damit niedrigeren Werbeeinnahmen führen – und werden deshalb nicht gedruckt. „Die japanische Presse ist wirtschaftlich nicht unabhängig und kann es sich daher auch nicht leisten, unabhängig zu berichten. Ich habe einige Cartoons gezeichnet, die diese Zeitungen niemals veröffentlichen würden. Einige sind der Meinung, dass meine Cartoons zu direkt sind, zu unverblümt kritisieren. Wir müssen uns aber frei äußern können – wir brauchen mehr Freiraum für Kritik.”

Cartoon-Kunst und Humanismus

Den Freiraum, den er zuhause vermisst, findet No-río im Ausland. Von 2003 bis 2006 hat er am Weltwirtschaftstreffen teilgenommen, das alljährlich im schweizerischen Davos stattfindet. Außerdem ist er an der UNO-Kampagne Cartooning for Peace („Cartoonisten für den Frieden“) beteiligt, die kürzlich ins Leben gerufen wurde. Etwa zwei Monate im Jahr reist No-río durch die Welt und wirbt mit seinen Cartoons für Toleranz und Frieden.

Wir sind inzwischen bei der zweiten Tasse Kaffee und Mozarts Sechster angelangt. Unser nächstes Thema ist die Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen, die der Weltöffentlichkeit die potentielle Brisanz politischer Cartoon-Kunst vor Augen geführt haben. No-río erinnert sich an eine Rede, die er letzten Oktober vor Hauptversammlung der UNO gehalten hat. Führende Zeitungs-Cartoonisten hatten sich dort getroffen, um über die Rolle zu diskutieren, die sie in der modernen Medienlandschaft einnehmen. „Ich bin Buddhist, aber ich nehme mir das Recht heraus, den Buddhismus zu kritisieren. Wie kann ich als unbedeutender Cartoonist dem großen Buddha mit meiner Kritik schaden?“ Dieser rhetorischen Frage folgt die Bemerkung, dass andere Religionen und Bräuche „respektiert werden”, diese jedoch auch kritikfähig sein müssen. „Kritik muss erlaubt sein.” Er legt seinen Kopf schief und fügt hinzu: „Für Muslime ist Allah eine unfehlbare Gottheit. Religiöse Führer jedoch sind keine Götter sondern Menschen, die Fehler machen. Daher muss man sie auch kritisieren dürfen.”

Der Sturm kommt immer näher. Abschließend frage ich No-río, wie er persönlich die Rolle des politischen Cartoonisten sieht. „Die Kunst des Cartoonisten ist im Humanismus verankert. Ein Cartoonist setzt sich tagtäglich für Frieden und Freiheit und gegen Krieg und Diskriminierung ein.” Unser Gespräch ist beendet. Ich schalte mein Aufnahmegerät aus, während No-río seinen Shemagh enger um Hals und Schultern zieht. Wir verabschieden uns mit einem herzlichen Händedruck und einer kurzen Verbeugung und brechen auf in die stürmische Nacht.