Nie mehr Okzident und Orient

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2008
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Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2008
Wenn der Okzident auf den Orient trifft, darf man Spannung erwarten. Doch die Begriffe, die derzeit Konjunktur in deutschen Feuilletons haben, sind ebenso vielschichtig wie unscharf. Solange nicht klar ist, was sie bezeichnen, vermitteln sie nur Klischees - und sollten daher vermieden werden. Freitag, 12.
Dezember 2008

Brücke über den Bosporus, Credit to: GunnarinIstanbul/FlickrIn Istanbul trifft der Okzident besonders gern auf den Orient. Doch die Stadt am Bosporus ist, so scheint es, keineswegs die einzige Nahstelle zwischen den Kontinenten und Kulturen, die von deutschen Feuilletonisten gerne mit den ebenso vielschichtigen wie unscharfen Begriffen Orient und Okzident bezeichnet werden. Auch in Montenegro, Aserbaidschan und Usbekistan, Sarajevo, Beirut und Dubai stoßen Osten und Westen aufeinander - kaum ein Land östlich von Marokko, wo nicht die eine Kultur in die andere überzugehen scheint.

Die Begriffe haben Konjunktur in einer Zeit, da man sich für das Verhältnis der eigenen Kultur zu der Kultur des Islam interessiert, die als anders wahrgenommen wird, zu der man sich aber auch in Beziehung zu setzen versucht. Besonders gern werden die Begriffe in Bezug auf Schriftsteller und Intellektuelle verwendet. Erstaunlich wie viel da zwischen Orient und Okzident vermittelt (Orhan Pamuk), gewandert (Amin Maalouf) und flaniert wird (Mourad Kusserow).

Wenn man den mittelalterlichen Gelehrten Leo Africanus als Reisenden zwischen Okzident und Orient bezeichnet, hat dies noch eine gewisse Berechtigung, stammen die Begriffe doch aus seiner Lebzeit. Allerdings dürfte ihre Bedeutung schon damals kaum besser definiert gewesen sein als heute. Heute wirken die Begriffe in jedem Fall veraltet und verquer. Sie entstammen einer Sprache, mit der sich die heutige Realität kaum fassen lässt.

Der Okzident ist immer westlich des Betrachters

Wenn man den Okzident als geografischen Raum versteht, muss man fragen, wo er beginnt und endet. Versteht man den Okzident als Westen, ist er kaum fassbar, liegt der Westen doch jeweils westlich des Betrachters. So ist im Arabischen auch der Maghreb Westen. Okzident als Synonym für Europa zu nehmen, funktioniert ebenfalls nicht, gilt doch vielen bereits Andalusien, Sizilien oder der Balkan als Schnittstelle zum Orient.

Tatsächlich werden die beiden Begriffe auch weniger geografisch als kulturell definiert. Dabei ist der Orient klar islamisch bestimmt. Weniger klar ist hingegen, ob der Okzident sich allein auf die christliche oder judeo-christliche Zivilisation bezieht, wie man heute gerne politisch korrekt formuliert, oder nicht doch allgemein auf die Kultur der Aufklärung, um nicht zu sagen der Moderne.

Tatsächlich läuft es oft darauf hinaus, dass der Okzident als Statthalter der Moderne, der Orient aber als Hort der Tradition gesehen wird, der abwechselnd als pittoresk-exotisch verklärt und als rückständig-despotisch verteufelt wird. Moderne und Islam werden dabei als Gegensätze konstruiert, wie überhaupt dem „Orient“ eine eigene Definition der Moderne verweigert wird. Alles was modern ist, wird automatisch als westlich vereinnahmt.

Letztlich weckt die Gegenüberstellung der Begriffe zwar vielfältige Assoziationen, führt aber nicht weiter, da sie kaum voneinander abgrenzbar sind, sondern lediglich Klischees transportieren, die ebenso altertümlich anmuten wie der Klang der Begriffe selbst - Okzident und Orient.