Nicht noch eine Bombe

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Europa hat sich entschieden, den Rufen nach einer Beteiligung am Wiederaufbau des Irak nicht nachzugeben. Und diese Entscheidung ist auch angemessen: Diese Last müssen nicht wir tragen.

Es sind schon mehrere Monate vergangen, seit die letzte Bombe auf Bagdad fiel, aber dennoch platzte letzte Woche eine weitere: die Rechnung für den Wiederaufbau des Irak. Die Weltbank schätzt den Betrag auf etwa 55 Milliarden$. Im Gegensatz zu früheren, relativ optimistischen Schätzungen dieses Jahres ist diese hier wahrscheinlich realistisch.

Am letzten Montag trafen sich Europas Außenminister in Luxemburg, um sich auf den Beitrag Europas für den Wiederaufbau zu einigen. Nur ein einziges Land, England - das seine Hände im Irak bereits im Spiel hat - versprach Hilfe und bot 375 Millionen Euro an. Andere Länder hingegen hielten sich zurück: Deutschland und Schweden lehnten zusätzliche Hilfe ab, Frankreich schwieg beharrlich. Kleinere Länder wiesen darauf hin, dass die EU bereits 200 Millionen Euro beigesteuert hätte - deshalb würde kein zusätzliches Geld zur Verfügung gestellt werden. Das alles ist aber nur ein kleiner Bruchteil der 55 Milliarden Dollar, die letztendlich benötigt werden.

Amerikanische Journalisten wie Thomas Friedman von der „New York Times“ mögen darin ein Zeichen des zynischen ‚alten Europa’ sehen. Und es gibt auch gewisse Anzeichen von Zynismus. So bemerkte kürzlich ein europäischer Diplomat: „Diejenigen, die den Irak zerstört haben, müssen ihn jetzt auch wieder aufbauen.“

Eigentlich aber ist es der Zynismus der gegenwärtigen US-Administration der Kern des Problems. Man kann nicht von europäischen Ländern verlangen, sich an einem Wiederaufbau zu beteiligen, bei dem Verträge fast ausschließlich mit amerikanischen Firmen geschlossen wurden - die gleichen Firmen, die die Kampagne für die Wiederwahl der gegenwärtigen amerikanischen Administration finanzieren. Es ist verständlich, dass Aufträge an amerikanische Firmen verteilt wurden, solange angenommen werden konnte, dass die Kosten vom amerikanischen Steuerzahler und Iraks enormen Ölvorkommen gedeckt werden würden. Jetzt aber, wo mit letzteren nicht gerechnet werden kann, liegt es nicht an uns, diese Lücke zu füllen.

Außerdem wären Europas Hilfsgelder anderswo besser angelegt. Afghanistan ist im Laufe des letzten Jahres fast völlig in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz zu Irak hat aber Afghanistan keine Ölvorkommen, um die Anstrengungen für den Wiederaufbau zu beschleunigen, und bleibt so ein fruchtbarer Nährboden für Opiumanbau, die Verletzung von Menschenrechten und islamische Zwietracht.

Es ist nämlich immer noch Afghanistan, und nicht, wie Bush kürzlich behauptete der Irak, wo sich die ‚Hauptfront’ im Kampf gegen den Terrorismus befindet. Deswegen sollte es unser primäres Ziel sein, die afghanische Regierung wiederaufzubauen, die Wirtschaft des Landes wieder zu beleben und die Anzahl der UN-Streitkräfte im ganzen Land zu vervielfachen. Die heutige Ankündigung der deutschen Regierung, 450 Mann in die nördliche Region von Kundus zu senden, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, und zweifellos werden wir noch weiter gehen müssen.

Europa bleibt der größte Hilfesteller der Welt: die Rechnung für den Wiederaufbau des Irak aber ist eine Bombe, die nicht vor unsere Haustür fallen wird.