„Nicht jeder polnische Student hat die Chance, im Ausland zu studieren“

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2007

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Lidia Skrobowska hilft Erasmus-Studenten in Krakau, sich zurecht zu finden. Ein Gespräch über Polen, die ins Ausland gehen und Ausländer, die nach Polen kommen.

Lidia Skrobowska ist so etwas wie der Schutzengel der Erasmusstudenten im osteuopäischen Exil. Die Studentin arbeitet im „Erasmus Student Network (ESN)“ an der Jagiellonen-Universität Krakau. Der Verein wurde vor fünf Jahren gegründet und zählt etwa 30 aktive Mitglieder.

Frau Skrobowska, was sind die Aufgaben der Freiwilligen des ESN in Krakau?

Sie sind sehr vielfältig. Wir sollen den Gästen das kulturelle Erbe Polens durch Exkursionen und Themenabende näherbringen. Wir wollen dabei zeigen, dass man Polen nicht auf die Gewerkschaft Solidarnosc, billigen Wodka und Karol Wojtyla reduzieren kann. Oder wir entdecken das Krakauer Nachtleben mit ihnen.

Aber manchmal müssen wir auch Übersetzer, Vermittler, Psychologen oder Schutzengel spielen! Dies ist vor allem der Fall bei denjenigen Studierenden, die sich als „Mentor“ zur Verfügung stellen: jedem Erasmusstudenten wird auf Wunsch ein polnischer Student „zugewiesen“, der die Muttersprache des Gastes oder zumindest Englisch beherrscht. Sie sollen bei der Erledigung aller Formalitäten helfen.

Im Studienjahr 2005-2006 sind 646 Studenten der Jagiellonen-Universität in Krakau im Rahmen des Erasmus-Programms ins Ausland gegangen. Steigen die Zahlen? Um welche Art Studenten handelt es sich?

Den polnischen Studenten ist bewusst, dass ein Auslandsstudium ihre Berufschancen erhöht. Die Kenntnis einer Fremdsprache ist ein Trumpf für ihre Zukunft. Aber leider bekommen nicht alle diese Chance. Je nach Zielland bekommt jeder Erasmus-Student ein Stipendium im Höhe von 250 bis 350 Euro im Monat. Am beliebtesten sind die Länder Westeuropas, wo diese Zuwendung aber nur einen Bruchteil der Ausgaben deckt. Aus diesem Grund gehen die polnischen Studenten meist nur ein Semster ins Ausland.

Ihre Universität hat gerade ein Austauschabkommen mit der Türkei abgeschlossen. Die größte Gruppe der internationalen Austauschstudenten kommt derzeit aus Deutschland und Frankreich. Was motiviert diese jungen Leute, Polen als Zielland für ihr Auslandsstudium zu wählen?

Es gibt drei Kategorien von Sokrates- bzw. Erasmus-Studenten in Polen. Viele von ihnen haben polnische Vorfahren, ob nun Eltern oder Großeltern. Einige davon sprechen Polnisch als Muttersprache, weil es ihnen von den ausgewanderten Eltern eingeimpft wurde. Andere kommen im Gegensatz dazu extra nach Polen, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen und wieder an ihre Wurzeln anzuknüpfen. Ihre Beweggründe sind Identitätssuche oder einfach Neugier.

Es gibt aber auch Studenten, die sich aufgrund ihres Studiums für die Geschichte und Sprache Polens interessieren. Im letzten Jahr zum Beispiel habe ich einem französischen Politologiestudenten bei seiner Magisterarbeit zum Thema „Solidarnosc“ geholfen, indem ich historische Texte über die Schlüsselereignisse dieser Epoche unserer Geschichte übersetzt habe. Eine andere Studentin hat über Radio Marja geforscht [ein umstrittener erzkatholischer Radiosender, der einen erheblichen Einfluß auf die politschen Debatten in Polen hat, Anm. d. Red.].

Kurz gesagt, man trifft Studenten, die der Zufall hierher verschlagen hat, oder solche, die aus Neugier gekommen sind. Wieder andere wissen überhaupt nichts von Mitteleuropa und seiner Kultur.

Die unterschiedlichen Lebensstandards lassen sich am einfachsten an der Wohnungssuche festmachen. In ihren Inseraten suchen die ausländischen Studenten ein möbliertes Zimmer in zentraler Lage für etwa 800 Zloty, sprich 225 Euro pro Monat. Ich hingegen teile mein Zimmer mit einer anderen Studentin und zahle dafür 270 Zloty, also 85 Euro. Ich wohne am Rande des Stadtzentrums. Die Stipendien der ausländischen Studenten sind hoch genug, um sich Essen zu kaufen und abends auszugehen.