Nichi Vendola: Kommunismus als einzige Alternative zum Berlusconismus?

Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2011
Er ist katholisch, homosexuell, Kommunist und Umweltschützer und hat sich selbst zu Silvio Berlusconis Herausforderer bei den nächsten Wahlen erklärt. Er hat zweimal die Regionalwahlen in Apulien gewonnen.
Seit nahezu einem Jahr ist er - der manchmal auch spöttisch als "roter Berlusconi" bezeichnet wird - mit seinen "Fabriken" der Kreativität unterwegs, zunächst in Apulien, mittlerweile auch weltweit.

"Ich kandidiere für die nächste Wahl gegen Silvio Berlusconi, um die Mitte-Links-Koalition zu sprengen", sagte er am 15. Juli des vergangenen Jahres während seiner Rede zum Abschluss der "Fabbriche di Nichi" gegenüber den Generalständen. Und so geschah es: Nichi Vendola empfand es geradezu als seine Pflicht, einen Ausweg aus der schwierigen Situation der größten Partei der italienischen Mitte-Links-Koalition zu finden und hat eine Debatte in ihrem Innern ausgelöst. Für einige ist er die leibhaftige Inkarnation der beiden nebeneinander existierenden Seelen der italienischen Linken - der sozialistischen und der christlichen; für andere ist er nichts als ein Scharlatan, der sich hinter Dichtung und Rhetorik versteckt, oder der Promotor eines "Leaderismus", den die Linke nicht braucht, oder sogar ein "roter Berlusconi". Betrachtet man die Ergebnisse der Vorwahlen, soweit welche stattgefunden haben, wird man feststellen, dass die Wähler sich stets einstimmig für ihn aussprachen, was die Strategien der Parteien durcheinander brachte.

Wenn man ihn allerdings als Alter Ego des Cavaliere bezeichnet, ist Vendola nicht einverstanden. Er gibt zwar zu, dass ihnen eine Begabung zum Reden gemeinsam ist, betont aber den Unterschied zwischen seinem und Berlusconis Populismus: "Meiner ist ein 'antipopulistischer Populismus'. Ein Populist spielt mit den Ängsten der Menschen und sagt ihnen, der Zigeuner sei ihr Feind. Ich bin dagegen ein Populist, der sagt, Ausländer seien in menschlicher, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht eine Ressource für uns." Mit noch mehr Nachdruck erklärt er: "Die Kraft des Berlusconismus liegt vor allem in jenem unrealistischen 'Traum' begründet, den er den Italienern erfolgreich vermittelt hat: dem Gefühl, es gehe ihnen gut. Er hat diese Botschaft im Fernsehen, in den Zeitungen und über andere Kommunikationskanäle verkündet, die ihm zur Verfügung stehen."

Vendolas "Fabbriche"

Seine Siege "und das nicht in irgendeiner Region", sagt er selbst, "sondern in Apulien, wo die Rechte traditionell stark ist und es eine qualifizierte Führungsschicht gibt" hat er sicherlich dadurch erreicht, dass er den "Stiefelabsatz" jahrelang durchreist und sich die Geschichten der Menschen angehört hat. Hinzu käme seine Fähigkeit, die Zuhörer während seiner Reden emotional anzusprechen und auch denjenigen Hoffnung zu vermitteln, die der Politik gegenüber skeptisch eingestellt sind. Was seine Strategien angeht, war es sicherlich keine schlechte Strategie, auf Facebook und Videobriefe zurückzugreifen, Slogans in Gedichtform zu deklamieren und vor allem, die Netzwerke der "Fabbriche" zu nutzen. Letztere sind als Wahlkomitees entstanden und entwickeln sich jetzt zu "sozialen Netzen, bei denen die politische Leidenschaft die Knoten bildet" (so beschreibt er sie selbst). Sie bieten Raum für Kreativität und soziales und kulturelles Engagement und stellen eine Art Alternative zu Parteien dar, da sie vor allem von jungen Menschen leben, die sich mit Nichi Vendola als Person identifizieren.

Muster an Fortschrittlichkeit im Gomorra-Land Süditalien?

Vielleicht jedoch ist Vendolas Talent als Verwalter noch höher als Strategien und Kommunikation einzuschätzen. Dank ihm gibt es in Süditalien, Schauplatz des Saviano-Romans Gomorra, ein Stück Land, das es geschafft hat, sich aus der Welt zu befreien, wie Roberto Saviano sie beschreibt und sich in ein Muster an Fortschrittlichkeit verwandelt hat. Dank ihm nimmt Apulien eine Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz ein (die CO2 - Emissionen des Stahlwerks Ilva in Taranto wurden gesenkt und man setzt nun auf Photovoltaik), ebenso in der Wasserwirtschaft ( für die Aktiengesellschaft Acquedotto Pugliese wird nun wieder geworben) und bei der unbefristeten Arbeit (mit den sogenannten "Internationalisierungen", die von der italienischen Regierung kritisiert und dann gestoppt wurden). Und vor allem, sagt Vendola, "werden die jungen Menschen zum Zentrum des wirtschaftlichen Systems einer Region (und gleichzeitig einer ganzen Nation), in der es nie eine Jugendpolitik gab."

Die Ausschreibung “Principi Attivi” ermöglicht es z.B., dass ein junger Mensch bis zu 25.000 Euro Unterstützung für die Umsetzung des Projekts erhält, mit dem er sich bewirbt. Wenn dagegen ein junger Apulier den "Contratto Etico" ("ethischer Vertrag") unterschreibt, bekommt er ein Stipendium für einen Masterstudiengang oder eine Spezialisierung im Ausland und verpflichtet sich, dass er versuchen wird, in seine Heimat zurückzukehren und seine Kenntnisse der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen, die ihm die Spezialisierung ermöglicht hat.

Die "Rückkehr der Gehirne"

Und dann hat es auch ein echtes Wunder gegeben: Giuseppe Beccia ist das erste Beispiel für einen umgekehrten Fall von Brain Drain. So etwas ist in Italien, wo Talente ausgebildet und dann exportiert werden, eine Ausnahme. Er hat vor einigen Monaten beschlossen, auf seine Arbeit und eine Verlängerung seines Doktorandenstipendiums in Brüssel zu verzichten, um in seine Heimatstadt in Apulien zurückzukehren und mit seinen Freunden ein Projekt zu entwickeln, das bei den "Principi Attivi" als Sieger hervorging. Beccia betont allerdings: "Es war nicht Nichi Vendola, der mich zur Rückkehr bewogen hat, weil ich davon überzeugt bin, dass er allein noch nicht die Lösung ist (ich hasse Leaderismus!). Die immer stärker werdende Hoffnung in Apulien, die Hoffnung, mir in meiner Heimat eine Existenz aufzubauen, hat in mir den Wunsch geweckt, zurückzukehren. Denn wenn du heute in Apulien etwas wert bist und Talent hast, gibt es jemanden, der dir sagt: Versuch es, wir geben dir eine Chance!"

Das größte Verdienst Vendolas scheint momentan also eine Art "Parallelitalien" mit Neuraum und Möglichkeiten zu sein, das neben dem Italien existiert, das man vereinfachend als "Land Berlusconis" bezeichnen könnte. Jenes neue Italien besteht aus kleinen Genies, kleinen Künstlern, kleinen Unternehmern oder Forschern, die ins Ausland geflohen sind und die man dann eines Tages aus irgendeinem Grund auf der ersten Seite einer englischen Zeitschrift wiederfindet.

Illustrationen: (cc)paride de carlo/flickr; Video: YouTube