Nichi Vendola: Ist Italien bereit für einen schwulen Premierminister?

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2011
« Es wäre nicht das erste Mal, das haben wir alles schonmal gehabt »: So antwortete Mina, eine bekannte italienische Sängerin, auf die Frage einer Leserin, ob Italien für einen schwulen Premier bereit sei. Ebendiesen gab es mit Emilio Colombo nämlich bereits in Italien, allerdings hatte dieser sich nie geoutet.
Mit Nichi Vendola könnte vielleicht ein weiterer homosexueller Regierungschef in Italien an den Start gehen: Vorstellbar?

Kann man in Italien von einem notgeilen Berlusconi so einfach zu einem schwulen Vendola übergehen? Unvorstellbar! So lautet das Urteil 5 europäischer Redakteure (von insgesamt 6) in der cafebabel.com Redaktion. Das ist das Bild, welches Italien im Ausland nährt. Doch nun ist es an der Zeit, seine Meinung zu ändern. Denn in letzter Zeit verwandelt Nichi Vendola alles, was er anfasst, in Gold.

Auch wenn Vendola der Chef einer nur kleinen Partei ist, hat er zweimal in Folge die Regionalwahlen in der traditionell urkonservativen Region Apulien gewonnen. Anschließend führte er die Leutnants seiner Partei Sinistra Ecologia Libertà in den rechtskonservativen Städten Mailand und Cagliariim Rahmen der Kommunalwahlen zum Sieg. Aber vor allem hat er der verkaterten italienischen Jugend eine gehörige Portion Enthusiasmus eingehaucht. Ebendiese Jugend gab ihre Stimme zahlreich zum Referendum (Quorum am 12. Und 13. Juni) ab und ist prinzipielle Botschafterin eines italienischen Anti-Berlusconismus.

Italien wird voraussichtlich einen schwulen Premierminister haben – und diesmal einen geouteten! Denn Vendola ist der einzige, der momentan die Waffen beherrscht, mit denen Berlusconi jahrelang versucht hat die Italiener an der Nase herumzuführen: Er ist Meister der Kommunikation und des Rednerpults. Nur dass sein Diskurs im Gegensatz zu dem seiner Opponenten kultiviert, philosophisch und sowohl mit Metaphern gespickt als auch von linken Werten bestimmt ist - und das zu einem Moment, in dem die Krise weiterhin wütet.

Nichis schärfster Feind: das Mitte-Links-Lager

Nichi Vendola: Kommunismus als einzige Alternative zum Berlusconismus?

Nichi Vendola wird die Vorwahlen des linken Zentrums haushoch gewinnen. Das zeigen die desaströsen Wahlergebnisse seiner altbackenen Gegner. Vendola ist Katholik, die Bibel sein Brevier. Das bereits reicht schon für seine frommen Kollegen, um ihm immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass er die Kommunion nicht empfangen darf. Der Imam von Mailand hatte seine Anhänger dazu aufgerufen, gegen Vendolas Werte zu stimmen. Doch die Muslime der Stadt haben schlussendlich für den parteilosen Giuliano Pisapia aus dem Mitte-Links-Lager gestimmt. Vendola spricht von Minderheiten und Bruderschaft, er stellt sich dem Kapitalismus entgegen, schließt aber Privatisierung in seiner Region nicht aus. Er ist ein erfahrener Politiker, der die kommunistische Terminologie mittlerweile abgeschüttelt hat und bereit ist, mit dem Zentrum Dialoge zu führen. Vendola ist mindestens ebenso ein Medienstar wie Berlusconi.

Wer kann also sagen, dass ein schwuler Politiker in Italien nicht Premierminister sein kann? Nur wenige seiner Opponenten würden es wagen zu widersprechen, denn sie wissen, dass Nichi Vendola der einzige ist, der sich gegen die konservative Partei Berlusconis (Popolo della Libertà) durchsetzen könnte. Viele aus dem Mitte-Links-Lager könnten Vendolas sexuelle Orientierung aus der Furcht heraus verurteilen, dieses „Handicap“ sei imageschädigend für die Wahlkampagne. Sie täuschen sich: Es ist ebendiese Vielseitigkeit, die Nichi Vendola mit Stolz lebt und mit Kraft verteidigt, die aus dem Politiker die einzige mögliche Alternative für das morgige Italien macht.

Fotos: (cc) Nichi Vendola/facebook fan page