Neuer Papst und utopische Wunschzettel: Franziskus, bescheidener Rockstar

Artikel veröffentlicht am 14. März 2013
Artikel veröffentlicht am 14. März 2013
Der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, ist neues Oberhaupt der katholischen Kirche. Das Konklave in Rom wählte ihn am Mittwochabend zum Nachfolger von Benedikt XVI. Der erste Papst aus Lateinamerika markiert eine Revolution, freuen sich die einen. Andere fürchten, dass auch während dieses Pontifikats die Modernisierung der Kirche ausbleiben wird.

Corriere della Sera: Abkehr von Europa ist ein gutes Zeichen; Italien

Mit der Wahl eines argentinischen Papstes wendet sich die Kirche endlich den Armen der Welt zu, jubelt die liberal-konservative Tageszeitung Corriere della Sera: "Das Papsttum wandert aus, es zieht von Europa nach Amerika: Dieses Ereignis rückt die Kirche in einer Zeit weltweiter Umwälzungen wieder einmal ins Rampenlicht der Geschichte. Die Kirche überquert den Atlantik und wählt einen Mann aus dem Süden - zu einem Zeitpunkt, da der arme Süden den reichen Norden herausfordert und seine Rechte und Bedürfnisse einfordert. [...] Dass das Pontifikat jetzt aus Europa fortzieht, hat die gleiche epochale Bedeutung wie 1978 die Absage an Italien: Damals stand, in der Endphase der Auseinandersetzung zwischen Ost und West, die Neuordnung Europas zur Debatte. Heute geht es um eine neue Weltordnung. Die Abkehr von Europa ist ein gutes Zeichen, denn es entgeht niemandem, dass zuviel historischer Ballast den Blick der Kirchen Europas auf die neuen Herausforderungen trübt, mit denen die Armen der Welt an sie herantreten. Vielleicht werden sie nun lernen, die Welt mit den Augen von Franziskus zu sehen." (14.03.2013)

Gość Niedzielny: All seine Gesten verbindet eins: Demut; Polen

Franziskus' Gesten der Demut könnten die Kirche erneuern, glaubt der Journalist Szymon Babuchowski auf dem nationalreligiösen Nachrichtenportal Gość Niedzielny: "Ich weiß nicht viel von ihm, doch hat er mein Herz trotzdem bereits einige Male berührt. Erstens: Der Name Franziskus. Das klingt wie eine Aufforderung, in Armut zu leben und die Kirche zu erneuern. Die Tatsache, dass er in Argentinien als Jesuit der Armen bezeichnet wird, dürfte diesen Anspruch noch untermauern. Zweitens: Sein Gebet für seinen Vorgänger. Damit betont er die ewige Tradition und vertraut der Weisheit der Kirche. Und drittens: Sein Gemeinschaftsgeist. [...] Es ist eine ungewöhnliche Geste, dass der Bischof von Rom sein Haupt vor den Frommen senkt, sich ausdrücklich verneigt und um das Gebet bittet. [...] All diese Gesten verbindet eins: Demut. Vielleicht ist dies gerade das Heilmittel für eine Welt, die erschüttert ist und an Egoismus krankt? Mein Herz sagt mir, dass dies ein wirklich großes Pontifikat wird." (14.03.2013)

Bernardinai.lt: Papst Franziskus und seine Forderung nach mehr Bescheidenheit; Litauen

Bescheidenheit ist das herausstechende Merkmal des neuen Papst Franziskus, betont das christlich-konservative Portal Bernardinai.lt: "Der neue Papst hat den Namen Franziskus gewählt und damit ausdrücklich gezeigt, dass er entschlossen ist, der neuen Evangelisierung seine Aufmerksamkeit zu schenken und zu versuchen, die Schönheit und die Lebhaftigkeit des einfachen Christentums zu erschließen. [...] Kardinal Jorge Mario Bergoglio hat die Menschen mit seiner Einfachheit, Bescheidenheit und Frömmigkeit sowie mit seinem Einsatz für soziale Themen bezaubert. Von anderen Kardinälen unterschied er sich durch seinen asketisches Lebensstil. [...] Mehrmals kritisierte er den Klerikalismus und den Hang vieler Geistlicher zum luxuriösen Leben. In diesem Sinne ist es sehr symbolhaft, dass er den Namen des Heiligen gewählt hat, der mit seiner Forderung nach Bescheidenheit einst eine echte Revolution in der Kirche angestoßen hat." (13.03.2013)

El Huffington Post: Profil ähnelt eher Rockstar-Papst Wojtyla als dem düsteren und intellektuellen Ratzinger; Spanien

Der neue Papst ist weitaus volksnaher und publikumstauglicher als sein Vorgänger, analysiert die Chefredakteurin der spanischen Ausgabe der Huffington Post, Montserrat Domínguez, in ihrem Blog: "Jorge Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, trinkt Mate oder Ristretto, bewundert Borges und Dostojewski und benutzt die U-Bahn und den Bus. Er ist Fan von San Lorenzo de Almagro und liebt den Tango. [...] Bergoglio scheint ein starker Papst zu sein und durchaus in der Lage, sich den zahlreichen Herausforderungen zu stellen, vor denen die katholische Kirche in der globalisierten Welt steht. Zudem braucht die Kirche prominente Persönlichkeiten, die die Massen sowohl über das Fernsehen als auch in den sozialen Netzwerken mitreißen können. In dieser Hinsicht scheint das Profil von Franziskus dem Rockstar-Papst Wojtyla viel mehr zu ähneln als dem des düsteren und intellektuellen Ratzinger." (14.03.2013)

NRC Handelsblad: Utopischer Wunschzettel; Niederlande

Ein Reformpapst Franziskus wird nur ein Wunschtraum bleiben, bedauert die liberale Tageszeitung NRC Handelsblad: "Ein Papst, der den Frauen die gleichen Rechte zuerkennt, am liebsten auch innerhalb der Kirche. [...] Ein Papst, der in der römisch-katholischen Kirche eine Kultur schafft, die es undenkbar macht, dass Jungen und Mädchen massiv sexuell missbraucht oder Opfer anderer Arten von Gewalt werden. Ein Papst, der unmissverständlich klarmacht, dass von einer ungleichen Behandlung von Homo- und Heterosexuellen keine Rede sein darf. Kurz, ein Papst, der versteht, dass seine Kirche im 21. Jahrhundert noch Auffassungen vertritt, die in weiten Teilen der westlichen Welt als verwerflich gelten und die die Säkularisierung in einem Land wie den Niederlanden vorangetrieben haben. Doch dies ist ein utopischer Wunschzettel, eine Agenda, die nicht umgesetzt werden wird. Die Macht des Papsts ist nicht grenzenlos. [...] Er trifft auf Widerstand und Seilschaften in Rom, wo all diese Auffassungen nicht akzeptiert werden. Sie verkörpern die Kluft zwischen Verstand und Glaube." (14.03.2013)

Le Temps: Kuschen vor wahrhaftigem Wandel; Schweiz

Mit Jorge Bergoglio wird nur die mit Joseph Ratzinger eingeläutete Übergangsphase fortgeschrieben, bedauert die liberal-konservative Tageszeitung Le Temps: "Der Wandel, von dem alle sprechen, auf den alle warten, den alle herbeisehnen, wird weiter aufgeschoben. Er ist beginnt gerade erst, könnte man sagen. Das Ausmaß der Krise, die die Katholiken plagt, hat die Kardinäle möglicherweise gelähmt. Aus Angst vor einem schwindelerregenden, wahrhaftigen Wandel haben die Würdenträger gekuscht. [...] Jorge Bergoglio wird sich vorrangig den einfachen Menschen, den Armen, den Bedürftigen und den Opfern zuwenden, die am Tiber bisweilen vernachlässigt werden. Doch er wird die Doktrin nicht revolutionieren, was so heiße Eisen wie Scheidung, Abtreibung, Verhütung, Zölibat betrifft. Hinzu kommt, dass das Schweigen des neuen Pontifex während der Diktatur in Argentinien für die damaligen Regime-Gegner einen bitteren Nachgeschmack hat." (14.03.2013

Illustrationen: Teaserbild (cc)postbear/flickr; Im Text: Jorge Bergoglio (cc)aibdescalzo/Wikimedia