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Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2017
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Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2017

Nur gut gemeint, aber nicht gut gemacht?

Die anhaltende Flüchtlingskrise – derzeit wieder verstärkt im Mittelmeer – sollte auch die Tätigkeiten von humanitären Hilfsdiensten unter die Lupe nehmen. NGOs sind wichtig, zweifelsfrei, aber es gibt Entwicklungen, die nachdenklich machen müssen und Kritik muss gehört werden dürfen, auch wenn es um den hart umkämpften Spendenmarkt geht.

Millionen leben schon seit Jahrzehnten in Lagern. Es ist also nichts Neues, nur derzeit eben sichtbarer. Manche Lager existieren seit 20 Jahren (Kenia), 30 Jahre (in Pakistan, Algerien, Sambia und um Sudan) oder seit über 60 Jahren im Nahen Osten. Seit zehn Jahren hat sich die Zahl derer, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind auf 125 Millionen verdoppelt. Immer öfter kann keine adäquate Hilfe geleistet werden und Menschen (die UNO rechnet mit bis zu 700 Millionen) bleiben auf sich alleine gestellt. Fehlendes Geld wird oft als Hauptproblem gebracht – der Nothilfebedarf verdoppelte sich auch während der letzten fünf Jahre, während die Spenden gleich blieben. Doch kann mit den vorhandenen Geldern nicht mehr erreicht werden? Wie auch in anderen Bereichen könnte es auch im humanitären „Geschäft“ eine Systemkrise geben. Die Krisen weltweit nahmen zuletzt massiv zu, die Struktur in Ländern ist kaum vorhanden um monetäre Hilfen kanalisieren zu können und Menschen werden nur schlecht erreicht. Eine Armee an Hilfsorganisationen kämpft um Aufträge, doch die meisten haben unterschiedliche Ideen, Methoden oder Prioritäten und arbeiten eher neben, als miteinander. Hilfe, die am eigenen Gutdünken orientiert ist und nicht an koordinierten Zielen verursacht eher Durcheinander, als dass Not gelindert wird. Erschwerend dabei ist die hohe Zahl an bürokratischen Hürden und nachfolgende Kontrollmechanismen. Auch sind die meisten NGOs von sich selbst überzeugt genau zu wissen woran es mangelt und fragen kaum bei den Betroffenen nach deren Bedürfnissen nach. Aus dem Grund kommen kaum Hilfsgelder bei lokalen Hilfsorganisationen an, obwohl genau die wissen würden woran es mangelt. Darüber hinaus wären es auch sie, die in Gebieten sind in die sich westliche Hilfsorganisationen kaum hin trauen. Auch die zweckgebundenen Hilfen direkt von Staaten scheinen nicht nachvollziehbar. Die Hälfte der Nahrungsmittelhilfen der USA sind amerikanische Produkte, statt sie vor Ort einzukaufen. Eine schöne Exportsubvention könnte man einwenden. Auch die immense Verflechtung von Kommerz und humanitäre Hilfe ist enorm gestiegen. Im Jahr 2016 war IKEA mit 32 Millionen Euro der größte private Spender. Das Unternehmen lieferte u.a. hochwertige Zelte. Das UNHCR ist zwar offiziell eine UNO Organisation, doch die USA übernehmen 40% der Budgets (7 Mrd. EUR), Deutschland, Schweden und Japan den Rest. Doch das Geld wird nicht mehr und die Not nicht weniger. Man versucht nun mehr die Privatwirtschaft ins Boot zu holen, was auch nicht schlecht ist, aber eben auch Risiken birgt. Humanitäres Engagement ist ein richtiger Beruf geworden. IKEA kümmert sich um Unterkünfte, UPS ist für die Logistik zuständig und Google möge sich um den Schulunterricht kümmern. Zweifelsfrei eine gute Sache, doch es gilt manches kritisch zu hinterfragen. Was ist, wenn Firmen neue Materialien testen möchten? Wer prüft dies? Könnte man auch bei manchem Konzern Steuervorteile geltend machen weil sonst etwaige Hilfszahlungen ausbleiben könnten? In einem jordanischen Flüchtlingscamp kaufen die Flüchtlinge per Augenaufschlag mit Iris Abdruck im Supermarkt ein. Das UNHCR hat dort für jeden Flüchtling ein digitales Konto bei einer jordanischen Bank eingerichtet von dem aus sie 50 Euro monatlich für Einkäufe erhalten. Oftmals gibt es auch keine Lebensmittelpakete mehr, sondern Supermärkte die den informellen „selbstverwalteten“ Handel mit Essen regelt. Doch wäre es nicht sinnvoller, wenn man den Flüchtlingen beibringt, wie sie ein Geschäft aufmachen um dann so den Handel selbst stellen zu können? So versteht niemand, wozu man eigentlich noch arbeiten muss, wenn man von einer Bank Geld erhält ohne etwas geleistet zu haben. Dabei wären die Menschen mit Sicherheit in der Lage sich mit tatkräftiger Hilfe langfristig selber zu organisieren, statt ständig nur Bittsteller zu sein. Das UNHCR bestätigt zwar nicht offiziell den massiven Einfluss der USA oder mancher Sponsoren auf ihre Arbeit, doch wird hinter vorgehaltener Hand sehr wohl bestätigt, dass dort geholfen wird, wofür die Gelder auch gewährt worden sind und nicht dort wo es vielleicht am drängendsten wäre. Hilfsorganisationen schaffen einen großen Beitrag bei der Bewältigung von Krisen. Die Kritik daran, dass nicht nur immer mehr an Geld auch bessere Hilfe ist soll die Arbeit der NGOs nicht schlecht machen. Sie müssen sich aber auch selbst hinterfragen, ob beispielsweise gewisse Rettungsmassnahmen im Mittelmeer so oder eben anders einen besseren Ausgang haben könnten. Es geht nämlich um Menschenleben, das geht manchmal in der Diskussion unter und man kann nicht immer nur mit dem moralischen Holzhammer gegen Jedermann vorgehen, nur weil scheinbar Gutes kritisiert wird. Ein effizienteres System zu schaffen bedeutet auch, dass man mehr Menschen retten kann. Wieviel mehr Anreiz kann es noch geben?

Dr. Wolfgang GLASS ist Politologe und Personalberater in Wien.