Neue Superhelden für Berlin

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2014

Berlin ist ein riesiger, kunterbunter Eintopf aus den unterschiedlichsten Menschen. Hier leben Punks, Hipster, Touristen und Bettler. Viele junge Menschen, die um Geld bitten, vertreiben sich so ihre Zeit, andere tun es, weil sie  darauf angewiesen sind. Von vielen werden sie ignoriert. Ein neuer Superheld hat nun die Stadt eingenommen um dies zu ändern.

 Schon dreißig Minuten nach meiner Ankunft in Berlin, am U-Bahnhof in Neukölln, laufe ich ihm über den Weg. Ein Junge, etwa 25 Jahre alt. Auf Deutsch und Englisch fragt er nach Geld. Als ich zwei Stunden später die Station wieder betrete, steht er immer noch da. Meine Suche nach den jungen Bettlern und sozialen Außenseitern fing vielversprechend an.

In Wahrheit beginnt meine Geschichte in Berlin mit einem Comic. Der Comic SuperPenner - eine Idee von Stefan Lenz. Inoffizielle Statistiken schätzen, dass zwischen 4.000 und 12.000 Menschen in Berlin auf der Straße leben. Diese Stadt ist voll von Rockern, Punks, Aussteigern, Hipstern und Alternativen: für manche von ihnen ist Betteln eine Lebenseinstellung, eine Form von Protest gegen ein System, das sie nicht unterstützen wollen. Aber das wirkliche Problem sind jene, die keine andere Wahl haben und auf die man trotzdem hinabsieht, falls man sie denn überhaupt sieht.

Ich habe kaum Zeit meinen Koffer auszupacken, bevor ich Andreas Düllick treffe, der  Chefredakteur des Straßenfegers ist. Straßenfeger so heißt sowohl eine Straßenzeitung, sowie ein Treffpunkt für Obdachlose. Die Zeitung wird von Obdachlosen verkauft. 1,50 Euro kostet eine Ausgabe, 90 Cent davon gehen direkt an den Verkäufer. Mitten in einem Industriegebiet im Osten der Stadt, befindet sich die kleine Redaktion, eine Bar für Mittellose, eine kleine Herberge und ein Laden in dem man Produkte tauschen kann: Sofas, Feuerlöscher, Betten.... Alltagskram halt. Der Comic SuperPenner gibt es beim Kauf des wöchentlich erscheinenden Straßenfegers gratis dazu. 

Andreas ist ein netter Kerl mit grauen Haaren, Jeans und schwarzem Hemd. Er kritisiert das kapitalistische System und die Immobilienspekulationen, die in Berlin Überhand nähmen. „Es ist lustig: Die Leute kommen immer an und glauben, dass wir eine große Organisation sind, die viel Geld hat. Aber da müssen wir sie leider enttäuschen. Wir sind klein und wir machen diese Arbeit, weil wir sie machen wollen, weil es uns Freude macht. Die Arbeit die wir machen, sollte eigentlich der Staat erledigen. Staatliche Unterstützung erhalten wir keine.“ Eine Zeitung die ihre Mitarbeiter bezahlt, ohne öffentliche Gelder auskommt und die trotzdem genug hat um Menschen zu helfen, die ohne Mittel sind ist eine große Herausforderung, schnauft Andreas. 

Ein Spaziergang und neue Freunde

Auf dem Rückweg schwirren mir Andreas' Worte immer noch im Kopf herum. Ich spaziere über den Alexanderplatz. Im Park unter dem Fernsehturm fragt mich ein junger Mann nach ein paar Münzen. Er ist wahrscheinlich kaum älter als ich. Er erzählt mir, dass er bettelt, weil er nichts Besseres zu tun hat. Er sieht müde aus. Müde aber dennoch stolz. Ich laufe weiter. Ich möchte diese Stadt kennenlernen, möchte ihre Menschen treffen und ihre innersten Geheimnisse lüften. Als ich in die Line 2 einsteige, treffe ich den Nächsten. Ich schätze ihn auf weniger als 30 Jahre: er trägt lange Haare, Bart und einen langen grünen Militärmantel, unter dem es sehr heiß sein muss an diesem sommerlichen Tag mit Temperaturen an die 30 Grad. Er spricht kaum Englisch. Für die nächsten fünf Stationen, vielleicht waren es auch sieben, ich weiß es nicht mehr genau, folge ich ihm von einem Wagon in den nächsten. Er heißt Friedrich. Auch mich fragt er nach Geld. Als ich ihn frage warum er bettelt, sieht er mich ungläubig an. „Ich weiß nicht. Das ist halt mein Leben." Er steigt am Hermannplatz aus und verschwindet in der Menschenmenge. Ich weiß nicht ob er bettelt, weil es ihm gefällt, oder weil er keine andere Möglichkeit hat.

Am nächsten Morgen treffe ich Stefan Lenz, den Autor des Comics SuperPenner in einer netten Bar mit ruhiger Musik. Er ist um die 30, hat Tätowierungen - ein sympathischer Typ. Er empfiehlt mir ein Bier, das in Berlin gebraut wird. Die Idee zu dem Comic sei ihm an einem besonders kalten Wintertag gekommen, als die Menschen in der U-Bahn einen bettelnden Mann einfach ignorierten. Er entschied sich bewusst für das Wort „Penner", das als solches immer abwertend benutzt wird. Er sprach mit ebendiesen

„Pennern" über seine Idee. Seine Idee kam gut an und so machte er sich an die Arbeit. Mit diesem Comic möchte er die zwei verschiedenen Seiten der Gesellschaft vereinen: jene die nichts haben und jene die alles haben. Auch die  „Hippensollen mit dem Comic ihre Sichtweise etwas verändern. Diese Idee scheint aufzugehen, denn die erste und bislang einzige Ausgabe von SuperPenner, verkaufte sich mehr als 20.000 mal.

Teaser des Comics 'Su­per­pen­ner'. 

Der Comic spart nicht mit Klischees über Berlin und zeigt das Leben in dieser Stadt auf und abseits der Straße. „New York hat Superman und Berlin hat SuperPenner", lacht Stefan. Anonyme Superhelden.

Wie in jedem Comic hat auch der Held SuperPenner einen Gegenspieler: Monstren aus schlechter Laune der Berliner Busfahrer und jungen Hipstern, die sich zwar der Nachhaltigkeit verschrieben haben, aber dennoch mit ihrem Auto die Luft verpesten, betrunkenen Touristen und dem Teammaskottchen der Hertha Berlin, das sich über die Misserfolge der Mannschaft ärgert. Ein Portrait einer Stadt mit Bier und bärtigen Superhelden. Der Freitag ist wolkig hier in Berlin. Es ist Markttag. Ich laufe vom Hermannlatz zum Kottbusser Tor. Gestern hat mir Friedrich gesagt, dass er heute hier zu finden wäre. Als ich den Markt erreiche, fängt es an zu schütten. Trotz des Regens sieht man Menschen mit kurzen Ärmeln und Shorts – müssen Deutsche sein. Ich betrete eine Bar und bestelle mir etwas zu trinken. Friedrich ist bestimmt irgendwo vor dem Regen in Deckung gegangen, denke ich mir. Doch plötzlich sehe ich ihn draußen vorbeilaufen, er grüßt mich winkend, aber mit griesgrämigem Gesicht. Nass zu werden, ohne ein Dach zu haben, unter dem man verschwinden könnte, ist verdammt unangenehm.

Während der letzten fünf Tage habe ich mich daran gewöhnt junge Menschen betteln zu sehen. Eine kleine Anekdote noch: Auf den Resten der Berliner Mauer am Potsdamer Platz sah ich eine Punkerin mit gelbem Irokesen. Sie hielt ein Pappkartonschild auf dem stand: „Brauche Geld für Bier und Gras."

DIESE REPORTAGE WURDE IM RAHMEN DES PROJEKTS "EUTOPIA – TIME TO VOTE" IN BERLIN VERFASST. DAS PROJEKT IST IN ZUSAMMENARBEIT MIT DER HIPPOCRÈNE-STIFTUNG, DER EUROPÄISCHE KOMMISSION DEM FRANZÖSISCHEN AUSSENMINISTERIUM UND DER EVENS-STIFTUNG DURCHGEFÜHRT WORDEN. FINDE BALD ALLE ARTIKEL AUS BERLIN AUF DER STARTSEITE VON CAFÉBABEL.