Neue Runde Berlusconi: Der Anfang vom Ende

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2010
Italiens Premier Silvio Berlusconi hat am Dienstag einen Misstrauensantrag der Opposition im Abgeordnetenhaus mit nur drei Stimmen Vorsprung überstanden. Daraufhin kam es bei Demonstrationen im ganzen Land zu Gewaltausbrüchen. Die Selbstherrlichkeit von Berlusconi macht das Land unregierbar, meint die Presse und vermisst einen ernstzunehmenden Gegner.

La Stampa: "Wut über ein Leben ohne Zukunft und ohne Zuversicht"; Italien

Der Gewaltausbruch auf den Straßen nach Silvio Berlusconis Erfolg im Abgeordnetenhaus ist die Folge einer selbstbezogenen Politik, die den Kontakt zur Bevölkerung verloren hat, schreibt die liberale Tageszeitung La Stampa: "Die Politik, verbarrikadiert im Regierungspalast, rechnet mit sich selbst ab. Draußen brennt die Stadt, die Tore des Palasts werden verriegelt. Um Welten zu trennen, die Lichtjahre voneinander entfernt scheinen. [...] Gewaltszenen, die an die 1970er Jahre erinnern. Doch sollte man lieber nach London [...] und nach Athen schauen, überall dorthin, wo Jugendliche Gewalt anwenden, weil sie die Parteien als Bezugspunkt verloren haben, weil sie davon überzeugt sind, das Recht zu haben, ihrer Wut über ein Leben ohne Zukunft und ohne Zuversicht freie Bahn lassen zu dürfen. [...] Die Jugendlichen, die mit Helmen, Benzin und Schlagstöcken Krieg spielen, repräsentieren zwar nicht die Bevölkerung. Doch die Politik täte gut daran, hinter die brennenden Kulissen zu schauen, um eine schweigende und resignierte Mehrheit zu entdecken, die nicht einmal mehr die Kraft hat sich Illusionen zu machen." (Artikel vom 15.12.2010)

Mladá fronta Dnes: "Und so macht Berlusconi weiter"; Tschechien

Silvio Berlusconi ist politisch nicht unterzukriegen, weil ihm niemand in Italien die Stirn bieten kann, meint die liberale Tageszeitung Mladá fronta Dnes: "Es sah wie der Anfang vom Ende aus. Seit dem Sommer war es mit der Freundschaft zu seinem Verbündeten [Gianfranco] Fini vorbei. Der nahm bei seinem Abgang drei Dutzend Abgeordnete und vier Minister mit. Das jetzige Misstrauensvotum sollte die Scheidung bestätigen. Finis Leute waren aber nicht so wahnsinnig entschlossen, die Regierung zu blamieren. Zudem herrscht Wirtschaftskrise. Und so macht Berlusconi weiter. [...] 'Ich bin der beste Premier Italiens seit 150 Jahren', prahlt er. Und auch wenn er gemeinsam mit dem russischen Premier Putin scherzt, dass beide bis zum Alter von 120 Jahren regieren werden - das Geheimnis seiner Langlebigkeit liegt nicht in irgend einem Hausmittelchen. Italien hat einfach niemanden, der sich mit ihm messen und ihm entgegen stellen könnte." (Artikel vom 15.12.2010)

El Periódico de Catalunya: "Land verfällt in Unregierbarkeit"; Spanien

Nach dem Erfolg Silvio Berlusconis ist es in Rom und anderen Städten zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Regierungskritikern und der Polizei gekommen. Italien ist nicht mehr zu regieren, meint die linksliberale Tageszeitung El Periódico de Catalunya: "In Italien zieht sich der Niedergang des verfaulenden politischen Systems weiter in die Länge. Es sind nicht nur die Sex-Eskapaden in den Residenzen des Premiers oder die Enthüllungen durch Wikileaks. [...] Gegen den Premierminister hat sich eine neue Front formiert, auf der Straße. Gestern ist eine Gewalttätigkeit ausgebrochen, wie man sie seit den 1970er Jahren nicht mehr gesehen hatte, jenen Jahren des Bleis, die zu den schlimmsten Alpträumen der italienischen Geschichte gehören. Zu einem Zeitpunkt, an dem Italien dringend eine stabile Regierung braucht, um die politische und wirtschaftliche Krise zu überwinden, verfällt das Land in die Unregierbarkeit. Berlusconi rettet sich, aber das Land geht unter." (Artikel vom 15.12.2010)

De Morgen: "Übermacho, Rollenmodell für die italienische Identität"; Belgien

Der italienische Premier Silvio Berlusconi hat sich erneut als politischer Überlebenskünstler gezeigt, und jede Erklärung dafür beunruhigt die Tageszeitung De Morgen: "Berlusconi ist der Teflon-Mann, von dem alles abperlt. Dass er die meiste Macht in den italienischen Medien hat, die das Volk mit ihrer Version der Tatsachen überschütten, hilft ihm zwar, aber als Erklärung reicht das nicht aus. [...] Eine andere, weniger schöne Erklärung bietet die Geste seiner Fraktion, die nach dem Sieg im Parlament wild italienische Flaggen schwenkte. In einem ökonomisch schwer angeschlagenen Land, in dem Dorfmädchen vor allem von einer Karriere als Modepüppchen in einer Berlusconi-TV-Show träumen und in dem viele Männer neidisch sind auf seinen Wohlstand, seine Unantastbarkeit und die Aufmerksamkeit von Frauen für den Übermacho, könnte Berlusconi für einen großen Teil der Bevölkerung ein Rollenmodell für die italienische Identität sein." (Artikel vom 15.12.2010)

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