Neuauflage von Mein Kampf: Reaktionen aus Europa

Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2016

Seit dem 1. Januar 2016 ist die kritische Neuauflage von Mein Kampf, dem einzigen von Adolf Hitler verfassten Buch, wieder auf dem Markt. Der Freistaat Bayern, der die Urheberrechte bisher innehatte, kann Neuauflagen und Übersetzungen nun nicht mehr bremsen. Wie reagiert Europa?

Großbritannien

„Nein, die Neuauflage von Mein Kampf stört mich nicht. Im Internet konnten sich Extremisten bereits seit langer Zeit im Handumdrehen eine Version herunterladen, um ihre verbohrte Weltanschauung zu nähren. Mein Kampf ist auch ein nützliches Instrument, um in die psychologischen Tiefen einer der wichtigsten historischen Figuren des 20. Jahrhunderts einzutauchen. Wenn wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen wollen, müssen wir aufhören zu zensieren, egal wie verstörend die Lektüre sein kann.“

Hugh, 24 Jahre

Deutschland

„Worte haben Macht, aber ich denke, im Fall von Mein Kampf wird den Worten in einem Buch durch die ganze Diskussion darüber, wie gefährlich dieses Buch sei, mehr Macht verliehen, als sie eigentlich haben. Was spricht dagegen, eine kritische, kommentierte Ausgabe von Mein Kampf herauszugeben? Eine sachliche Auseinandersetzung ist doch besser als die Mystifizierung, die das Buch erlebt. Es ist ein bisschen wie in Der Name der Rose, wo die ganze Zeit von einem angeblich gefährlichen Buch die Rede ist, welches aber niemand gelesen hat - was das Bedürfnis, dieses Buch jetzt aber unbedingt zu lesen, nur steigert. In Deutschland dürfen heute Hitler-Witze gemacht werden, der Kino-Film Er ist wieder da ist ein Hit - aber sich kritisch mit einer Original-Schrift Hitlers auseinander zu setzen, das darf nicht sein? Es muss aber sein, um den überlebensgroßen Hitler, der immer noch in vielen Köpfen herumspukt, auf menschliches Maß zu bringen. Hitler war ein Mensch, ein Mensch mit grauenvollen, menschenverachtenden Überzeugungen. Und diesen Überzeugungen, festgehalten in Mein Kampf, in einer Neuausgabe einen wissenschaftlichen und kritischen Kontext zu geben - warum nicht? Im Prinzip zeugt die ganze Diskussion von einem traurigen Menschenbild: Man traut den Menschen, insbesondere den Deutschen, nicht zu, dass sie aus dem Holocaust etwas gelernt haben. Man traut ihnen zu, sich durch ein jahrzehntealtes Propaganda-Buch wieder verführen zu lassen. Und ja, Antisemitismus ist ein Problem in Deutschland, in Europa - aber ich setzte einfach darauf, dass die Mehrheit der Menschen es heute besser weiß."

Julia, 27 Jahre

Frankreich

„Jetzt zu sagen, dass die Neuauflage bei mir kein mulmiges Gefühl hervorruft, wäre gelogen. Ich werde es mir nicht gleich zulegen, um es auf meinen Kaminsockel zu stellen. Aber oft haben die Leute, die über Mein Kampf sprechen, das Buch nicht gelesen und erklären lauthals, ‚man muss es nicht gelesen haben, um zu wissen, was darin steht‘. Das stimmt gewissermaßen. Als ich das Buch für einen Master-Vortrag über die Propaganda zwischen den beiden Weltkriegen illegal im Netz heruntergeladen habe (nicht ganz ohne die Angst, direkt in der Woche darauf meine Mitgliedskarte für den Front National per Post zugestellt zu bekommen), habe ich nichts gelernt, was ich nicht bereits wusste. Wenn Historiker sagen, dass es in diesem Buch keinen Plan zur Auslöschung der Juden in Europa gibt, stimmt das. Der Text bringt dem Antisemiten keine neuen Einsichten. Keine neuen Zauberformeln, keine Beschwörungen. Das Einzige, was ich mir damals gesagt habe, war ‚Wie haben die Diplomaten aus dieser Zeit nur so tun können, als würden sie nicht sehen, dass dieser Typ Europa erobern wollte, und das Münchner Abkommen mit ihm unterzeichnet?“ Hitler war viel weniger subtil als die Rechtsextremisten von heute. Und ich denke, dass die Lektüre und Analyse von Mein Kampf einigen helfen könnte, zwischen den Linien zu lesen und zu verstehen, was heute geschieht.“

Margaux, 28 Jahre

Er Ist Wieder Da (Trailer, 2015)

Italien

„Ich denke, die Neuauflage von Mein Kampf führt zu folgender Fragestellung: Warum hat ein Verlag wie Fayard entschieden, eine Neufassung des Nazi-Manifests zu bringen? Die erste Antwort, wenn auch sarkastisch, könnte im eventuellen kommerziellen Erfolg des Buches liegen. Eine Fassung mit kritischen Anmerkungen kann sowohl für Historiker als auch für die Leser von Nutzen sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sich die Leute auf diese neue Version stürzen werden. Genauso gut könnten sie diese ignorieren, wie viele Leader der aktuellen Rechtsextremisten. Was zu einer weiteren Frage führt: Ist Mein Kampf heute eine wichtige Grundsatzlektüre für rechtsextreme Parteien? Das einzige jemals von Hitler verfasste Buch könnte eine theoretische Grundlage für die verschrobenen Ideen der Neonazis sein. Wenn ich mir ansehe, was in Italien mit Casa Pound los ist (soziales Zentrum neofaschistischen Ursprungs in Rom), die sich selbst als „Faschisten des dritten Jahrtausends“ mit neuen Slogans und kulturellen Referenzen bezeichnen, dann denke ich mir, dass wir sehr weit von der Vorstellungswelt der Nazis im 20. Jahrhundert entfernt sind.“

Dario , 24 Jahre

Polen

„Es gibt Werke, die genauso viel Hass hervorrufen wie Hitlers Mein Kampf und niemand interessiert sich für sie. Außerdem konnten die Leute, die das Buch lesen wollten, sich problemlos auch schon, bevor die Urheberrechte ausliefen, eine Version beschaffen. Es sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass derlei Texte systematisch mit kritischen Anmerkungen von Historikern versehen sind. Sie können also eine wichtige didaktische Quelle sein und eine Waffe, um fanatische Denkansätze zu dekonstruieren.“

Agnieszka, 27 Jahre

„Der Hype um die Neuauflage wird auch junge Menschen dazu bringen, das Buch zu lesen. Der Text ist aber mit Fußnoten gespickt, die immer wieder verdeutlichen, in welchem Zeitraum und aus welcher Motivation heraus das Buch geschrieben wurde. Für viele junge Menschen liegen die beiden Weltkriege aus heutiger Sicht sehr weit in der Vergangenheit. Heutzutage scheint es vielleicht nur schwer vorstellbar, dass sich jemand von der Nazi-Propaganda verleiten lassen konnte. Man sollte nicht vergessen, dass der Nationalsozialismus damals auch in einer gut situierten Mittelklasse Anklang fand. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern, damit derartige Fehler in Zukunft verhindert werden können.“

Jakub, 26 Jahre