Neuauflage des Patriotismus in Europa

Artikel veröffentlicht am 26. April 2004
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Artikel veröffentlicht am 26. April 2004

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Die Geiselkrise im Irak hat in Italien den Patriotismus verschärft. Bei genauem Hinsehen jedoch entdeckt man, dass sich dieses Phänomen in ganz Europa verbreitet.

"Ich werde euch zeigen, wie ein Italiener stirbt". Die letzten Worte von Fabrizio Quattrocchi, der italienischen Geisel, die letzte Woche im Irak getötet wurde, stimmen nachdenklich. Vor allem wegen der Art, wie sie von Medien und Politik verbreitet wurden. Für den Außenminister, Franco Frattini, ist Quattrocchi "als Held gestorben": ein "Nationalheld" für die große Tageszeitung "Corriere della Sera", ein "Patriot" für die Wochenzeitschrift "Panorama". Es ist deutlich zu erkennen, dass der Nationalstolz der Italiener sich in ähnliche Höhen hinaufgeschwungen hat wie zu Zeiten des Risorgimento (der italienischen Vereinigung im 19. Jahrhundert).

Der 11. März: spanische Fahnen an den Fenstern

Aber ist es tatsächlich so, dass in Zeiten des globalen Dorfes und der auf 25 Staaten erweiterten EU sich Europa wieder einer Gefühlsregung wie dem Patriotismus zuwendet, die noch vor wenigen Jahren als längst überholt angesehen wurde?

An Beispielen mangelt es nicht. Man denke nur an die spanische Reaktion auf die schrecklichen Attentate des 11. März: laut Manuel Ansede, café babels Spezialreporter in Madrid, "gab es in der spanischen Hauptstadt nicht ein Gebäude, das nicht durchgehend mit Fahnen in den Nationalfarben behängt gewesen wäre." Ein anderes Kaliber als die "PACE" – Fahnen in Italien. Und damit nicht genug: Bei den Demonstrationen auf den Plätzen konnte man einen Chor von Slogans hören: "E-spa-ña, E-spa-ña". Ansede fasst zusammen: Insgesamt kann man sagen, "dass sich die Spanier seit dem 11. März mehr als Spanier fühlen". Heißt das auch, dass sie sich weniger als Europäer fühlen?

Deutschland und die Spaghettifresser

Für Ulrich, mit dem café babel in Berlin sprach, geht es um etwas anderes: "In Wirklichkeit hat es ein echtes europäisches Bewusstsein nie gegeben. Wahr ist höchstens, dass dieses Revival des Nationalstolzes am Ende dem Aufbau Europas schaden wird". In Deutschland gibt es dafür reichlich Beispiele. Das letzte in der Reihe sind die antiitalienischen Äußerungen des bekannten Fernsehmoderators Karl Moik, der in seiner vielgesehenen Show vor 7 Millionen Fernsehzuschauern am 17. April die Italiener verächtlich als "Spaghettifresser" bezeichnet hat. Aber das ist nur die letzte Folge der unendlichen Geschichte des Austauschs von Beleidigungen zwischen Italien und Deutschland. Ein Deutschland, in dem es in den letzten Jahren tatsächlich ein Wiederaufleben des Nationalstolzes gegeben hat, obwohl, wie Ulrich erklärt, "wegen unserer Geschichte bisher noch selten Sätze wie 'Ich bin stolz, Deutscher zu sein' zu hören sind". Dennoch ist etwas in Gang gekommen. Immer mehr konservative Vertreter, vor allem aus den Reihen der CDU, berufen sich auf die "deutsche Leitkultur" als Verteidigung gegen die Einwanderung, die in der öffentlichen Meinung nur zu oft als eine Überflutung, eine Bedrohung empfunden wird.

Das war’s dann mit der gemeinsamen öffentlichen Meinung in Europa...

Genau hier liegt der Hund begraben. Gerade die aktuellen Bedrohungen (Krieg, Terrorismus, Einwanderung) gefährden unsere Wahrnehmung der Tatsachen. Und verzerren sie unwiederbringlich. Tatsache ist, dass dieses Wiederaufleben des Nationalstolzes in einem historischen Zeitabschnitt stattfindet, in dem die Nationalstaaten so wenig Macht besitzen wie nie zuvor in ihrer Geschichte.

Sie sehen sich nämlich Bedrohungen gegenüber, mit sie gar nicht alleine fertig werden können. Italiens politische Rolle im Irak - dreitausend tüchtige Männer hat es dort stationiert - geht doch nicht über eine armselige Komparsenrolle in einer Koalition hinaus, in der ganz klar die Stars and Stripes die Überhand behalten. Und ebenso wenig konnte der sehr fähige spanische Geheimdienst ausrichten, um den ungeheuerlichen Anschlag von Atocha vorherzusehen: Der islamische Terrorismus ist eben globaler Natur und hat für nationale Grenzen nur Spott übrig. Das gleiche gilt für die Einwanderung: was man darüber auch sagen mag, jetzt, wo durch den Schengen-Raum die Grenzen zwischen den EU-Staaten aufgehoben sind, wird jede nationale Einwanderungspolitik zu einem Anachronismus.

Die Realität sieht so aus, dass sich Europa angesichts dieser Herausforderungen einig zeigen sollte; sonst wird es nicht nur in politischer Hinsicht schwächer, sondern auch wirrer, konfuser und, leider, auch stärker manipuliert werden; Italien wird immer "an der Front" sein, wie in den Unabhängigkeitskriegen des 19. Jahrhunderts. Dann wird es auch weiterhin keine funktionierende Kommunikation zwischen den öffentlichen Meinungen in Europa geben. Eine europäische Meinungsbildung wird so hinausgeschoben. Wenn das so weitergeht, wird Europa nie gebaut.