Netzpolitik: Piraten bereit zum Entern in Bosnien

Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2012
"In Bosnia they don't have roads but they have Facebook": Dieser Satz ist keine bosnische Weisheit, sondern entstammt dem Film The Social Network. Noch immer ist die Situation in Bosnien chaotisch. Nach wie vor bestehen ethnische Gegensätze und das Land verwandelt sich zusehends in ein politisch-administratives Puzzle.
Aber die langsam zunehmende Bedeutung des Internet und Sozialer Netzwerke könnte zu einer dauerhaften und tiefgreifenden sozialen Wende beitragen.

Im Februar 2012 fand in Sarajevo zum 1. Mal eine Konferenz zum Thema Verantwortung der Politik im Zeitalter der neuen Medien statt. Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten aus der Region, aber auch arabische und US-amerikanische Teilnehmer, diskutierten, wie das Internet dazu beiträgt, dass sich zivile Bewegungen zusammenschließen und die Regierungen zunehmend kontrollieren. Die bosnischen Parteien, die der Einladung gefolgt waren, um ihre Internet-Kommunikationsstrategie zu erläutern, fanden sich schnell heftiger Kritik ausgesetzt.

"Alle Parteien nutzen Facebook, Twitter und YouTube, aber sie nutzen diese nur als eine weitere Plattform für ihre Propaganda. Es findet kein Dialog statt, keine Interaktion mit der Wählerschaft", sagt Damir Kapidzic, Politikwissenschaftler an der Universität Sarajevo. "Nur zwei Parteien haben ihre Profile seit den vergangenen Wahlen überhaupt upgedatet." Das Problem liegt natürlich auch an der mangelnden Dialogkultur in Sozialen Netzwerken. Das Internet hat erst in den Jahren 2004-2007 seine Einkehr in die bosnische Gesellschaft gehalten. Im gleichen Maße, wie sich die Social Media rasant entwickeln, dauert es, bis die Bürger deren volles Potential erkannt haben und auch nutzen.

Korruption und Vetternwirtschaft

Seit dem Friedensabkommen von Dayton gleicht das politische System Bosnien-Herzegowinas einem Strategiespiel für Verrückte: Da wären drei Einheiten mit unterschiedlichem völkerrechtlichem Status, eine Föderation bestehend aus einem bosnischen und einem kroatischen Distrikt, eine serbische Republik, ein neutraler Teil, der von der UNO verwaltet wird; die auf 4 Jahre ausgelegte Präsidentschaft teilen sich ein Serbe, ein Kroate und ein Bosnier, die nach dem Rotationsprinzip für jeweils 8 Monate regieren. All diese Elemente garantieren zwar eine relative Stabilität, aber sie tragen nicht zu einem nationalen Zusammenhalt bei. Korruption und Günstlingswirtschaft bestehen fort und gefährden die Entwicklung des Landes. Ein großer Teil der Wählerschaft gibt seine Stimme nach ethnischer Gesinnung ab, was wiederum natürlich keine Abstimmung für Kompromiss und Verantwortung ist. "Die Parteien stehen entweder im Dienste einer Ethnie oder sie sind multiethnisch, aber populistisch", sagt Damit Kapidzic. "Und genauso sind die Zeitungen einer Partei oder einer ethnischen Gruppe verbunden."

Tariq Kapetanovic scheut sich nicht, öffentlich über seinen Twitter-Account Minister zu lokalen Problemen zu befragen. Lachend und fröhlich sitzt er auf der Terrasse seines Cyber Cafés im Nordwesten der Stadt, wo früher die Apparatschiks unter Tito lebten. Aber sein Weg war kein einfacher. Solange Sarajevo belagert war, saß er in der Stadt fest und musste auf das Ende des Krieges warten, bis er in die Vereinigten Staaten gehen konnte, um Journalismus zu studieren. Als er zurück kam, musste er feststellen, dass sein Diplom in Bosnien nicht erkannt wurde.

"Ich hätte Politik studieren können, aber ich wollte mich nicht in einem System der Vetternwirtschaftt gefangen sehen. Deswegen habe ich mich entschieden ein Cyber Café [das KA5aNCafe] aufzumachen. So kann ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen, ohne mir die Hände binden zu lassen." Gleichzeitig betreibt Tariq einen Blog, in dem er über den Alltag in Sarajevo schreibt und darüber, wie die Politik dieses lokale Leben beeinflusst. In seinem Alltag pendelt er zwischen Cyber Café und einem Job als Social Media PR-Berater für bestimmte Brands und eine politische Nachwuchspartei.

Der technologische Wandel stimmt Tariq zwar optimistisch. Doch dieser Optimismus verblasst direkt, wenn es um die Themen Politik und Korruption geht. "Egal ob du Ingenieur, Astronaut oder Hochschullehrer bist, deine Wahlmöglichkeiten werden immer limitiert sein. Aus diesem Grund finden viele Leute einfach keine Arbeit. Veränderungen brauchen ihre Zeit - das ist in unserer Mentalität verankert."

"Das Einzige, was man machen kann, ist weiter kämpfen"

Aber es existieren auch andere Auswege: Internetportale wie  Klix und Buka, auf denen die jungen Bosnier unterwegs sind, hängen viel weniger von Parteien und ethnischen Gruppen ab als die traditionelle Presse oder das Fernsehen. Und auch andere Initiativen entziehen sich dem System. So zum Beispiel eines der Projekte von Ermin Zatega. Seit 6 Jahren recherchiert der Riese mit dem klaren Blick für das Center for Investigative Reporting, eine der wenigen, vollkommen unabhängigen Medien. Von Korruption über die Nutzung natürlicher Ressourcen durch die Privatindustrie - nichts entgeht seiner Spürnase. Trotzdem sieht Ermin die Zukunft eher schwarz. "Normalerweise bin ich ziemlich optimistisch, aber momentan sieht die Lage anders aus. Ich habe das Gefühl, dass wir den Kampf gegen die Korruption verlieren werden. Als Gesellschaft, als Journalisten und als Menschen. Doch das Einzige, was man machen kann, ist weiter kämpfen."

Und genau das hat sich auch Zasto ne auf die Fahnen geschrieben. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, soziale Initiativen mit und durch die neuen Technologien zu unterstützen. Anfang 2000 als pazifistische Bewegung gestartet, hat sich die Organisation nun zu einer Plattform für Projekte entwickelt, die das Internet auf militante Art und Weise nutzen. Das winzige Lokal von Zasto ne verbirgt sich in einem Viertel mit Häusern im Stile der 1960er Jahre, deren vergilbte Rasenflächen in der Juli-Sonne brüten.

Es scheint, als könne in dieser Einöde nichts wirklich Neues geschaffen werden. Doch auch Tijuana Cevticanin widerlegt dieses Gefühl des Stillstands. Tijuana ist die Gründerin von Istinometer, einer Internetseite, die das sogenannte fact checking nutzt, um die Widersprüche und Lügen hiesiger Politiker aufzudecken. Auf diese Weise können Bosnier egal welcher Ethnie sich auf dem politischen Parkett besser zurechtfinden.

Und wie beeinflussen die neuen Technologien die Politik? "Seit 20 Jahren befindet sich Bosnien in einem Zustand ethnischer Apartheid", sagt das Mitglied der bosnischen Piratenpartei, die erst kürzlich gegründet wurde. Wie ihre europäischen Schwesterparteien, will auch der bosnische Ableger ein System aufbauen, dass sich jeglichem nationalistischen Einfluss entzieht und stattdessen die individuelle Verantwortung seiner Mitglieder fördern, die alle an einer kollektiven Vision mitarbeiten.

Ein ziemlicher Kontrast zu anderen bosnischen Parteien, die mehrheitlich dem Prinzip "eine Ethnie, ein Chef, eine Struktur" gehorchen. Die Idee steckt zwar nicht mehr in den Kinderschuhen, aber das Kollektiv nimmt sich Zeit, um eine glaubwürdige und dauerhafte Bewegung zu formen. "Die Leute verstehen zwar nicht zwangsläufig alle unsere Vorhaben, aber sie reagieren sehr positiv auf das Wort "Pirat". Das scheint vielleicht unerheblich, aber für uns ist es ein Zeichen, dass die Bosnier die Trägheit des Systems nicht mehr akzeptieren und eine Alternative verlangen."

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Um Mitglied der Facebook Gruppe cafebabel-Sarajevo zu werden, hier klicken.

Illustrationen: Teaserbild (cc)guerry-monero/flickr; Im Text ©Alfredo Chiarappa für 'Orient Express Reporter II von cafebabel.com; Video (cc)piratskapartijaBA/YouTube