Nepal: Und vor dem Nashorn läuft man weg

Artikel veröffentlicht am 7. März 2013
Artikel veröffentlicht am 7. März 2013

„So ein Dschungel ist natürlich gefährlich, aber es gibt da ein paar ganz einfache Tricks: Wenn ein Nashorn angreift, kletterst du auf den nächsten Baum oder läufst in Zickzacklinien davon. Dann kann es nicht so schnell hinterher.“ Während Mohan mir erklärt, wie man im subtropischen Urwald sein Überleben sichert, wird mir ganz anders zumute. 

Ist der hoch angepriesene jungle walk vielleicht doch nicht ganz so ungefährlich? Mohans Ratschläge gehen jedenfalls noch weiter: „Wenn ein Tiger vor dir steht, musst du Augenkontakt halten und dich bloß nicht umdrehen, denn Tiger greifen immer nur von hinten an. Und bei Bären müsen wir zusammen bleiben, um ihnen in der Gruppe mehr Angst einzujagen.“ Mohan lächelt etwas beschämt: „Wir werden natürlich versuchen, dich zu verteidigen.“ Beim Anblick meiner beiden nicht sonderlich hochgewachsenen nepalesischen Führer mit Bambusstöcken will nur leider so gar kein Sicherheitsgefühl aufkommen. 

Da ist es aber schon zu spät zum Umkehren, denn wir wandern bereits in den Wald hinein. Während man die meisten Nationalparks der Welt nur im Jeep oder auf dem Rücken eines Elefanten erkunden darf, ist die Leitung des Chitwan National Park im südlichen Flachland Nepals verhältnismäßig entspannt. Natürlich könne ich zu Fuß durch den Dschungel wandern, versichert mir Raj, der Besitzer meines Hotels. Das sei nun mal auch die billigere Variante. Wenn man bedenkt, dass im Nationalpark aber Nashörner, wilde Elefanten, Lippenbären, Leoparden und an die 80 Bengalische Tiger frei herum laufen, kann das einem Europäer nur grob fahrlässig erscheinen. Dessen ungeachtet versichert Mohan mir, dass all diese Raubtiere eigentlich gar nicht gefährlich seien und man sich nur vor Bären und Elefanten mit Jungen in Acht nehmen müsse. Je weiter wir uns vom Fluss Rapti entfernen, der im Norden des Parks die natürliche Grenze zu den Siedlungen der einheimischen Tharus bildet, desto atemberaubender wird die Landschaft: Trockene Salbaum-Wälder, in denen das braune Laub heimatlich raschelt, wechseln ab mit weiten Graslandschaften, über denen sich mächtige graue Regenwolken vor einem violetten Himmel auftürmen. In der Ferne erkennt man gewaltige Elefantenäpfel-Bäume, noch vom Frühnebel verschleiert, und erste Hügel und dichtere Wälder, die ins „Herz des Dschungels“ überleiten. Viele Nepalesen bezeichnen ganz Chitwan mit eben dieser dunkelschönen Metapher.  Mohan und Ashish scheinen sich von der unmittelbaren Nähe ungezählter Nashörner und Bären aber nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Während wir unser Mittagessen, fried rice und hart gekochte Eier, verzehren, hören wir in nicht ganz weiter Ferne das Gebrüll kämpfender Nashörner. Mohan lächelt: „Es ist gerade Paarungszeit!“

Chitwan ist eines der beliebtesten Touristenziele Nepals: Der 1973 gegründete Nationalpark ist nicht nur der erste Nepals, sondern gehört seit 1984 auch zum Weltkulturerbe. Umwerfende Landschaften und eine relative hohe Anzahl von Säugetieren und Vögeln haben dem Park in den letzten zwanzig Jahren so viele Touristen zuströmen lassen, dass man während der Hauptsaison mit Hunderschaften anderer Ausländer durch die Wälder stapfe und die Wahrscheinlichkeit einer Nashornsichtung gen Null gehe. Das meint Raj, der die Kommerzialisierung des Parks zwar bedauert, als Hotelbesitzer aber natürlich auch davon profitiert. Glücklicherweise bin ich in der absoluten Nebensaison, bei brütender Hitze und in Erwartung des Monsuns, in Chitwan gelandet und sehe  nur zu Beginn des Spaziergangs ein oder zwei Touristen. Große Raubtiere lassen auf sich warten, kleine nicht: Im Wald muss ich mich immer wieder gegen hartnäckige Zecken werden.

Gegen Mittag habe ich nur ein Krokodil, einige Rehe und zahlreiche hüpfende, flatternde und unermüdlich trillernde Vögel gesichtet. Doch Mohan, der jede Wegbiegung, Baumart und jeden Raubtierkot im Park zu kennen scheint, predigt mir Geduld. Nachdem wir einen Pfau mit Jungen aus dem Unterholz aus Versehen aufgescheucht und unreife grüne Mango mit Salz gegessen haben, wandern wir schließlich über eine Art Deich durch das Grasland, dessen strahlend grüne Ebenen sich rechts und links von uns ausbreiten. Während sich über unseren Köpfen ein Sturm zusammen braut und Mohan sich über die Wasserdammbauprojekte in der Gegend erhitzt, schieben sich nicht weit von uns entfernt plötzlich zwei Nashörner behäbig über den Deich. Mohan lächelt zufrieden: „Da sind sie also doch. Ein Männchen und ein Weibchen!“ Ob sie uns bemerkt haben, ist ungewiss. Nashörner seien, so erklärt mir Ashish, sehr kurzsichtig. Ich denke noch über die beiden im Schilf verschwundenen Nashörner nach, als Mohan plötzlich anhält. Links von uns im meterhohen Gras kaut und grummelt ein weiteres gaindaa, von dem wir aber nur das Hinterteil sehen können.

Während ich mich noch frage, ob wir dem Nashorn nicht etwas zu nahe gekommen sind, ertönt aus dem Gras hinter uns plötzlich dumpfes Gebrüll. Mohan und Ashish schauen augenblicklich auf, werfen sich schnelle Worte auf Nepalesisch zu und bedeuten mir, mich bloß ruhig zu verhalten. Ein Tiger. Im zwei Meter hohen Gras hinter uns, wohl nicht so weit entfernt. Sehen kann man allerdings wegen des Grases nichts, auch als wir auf einen nahe gelegenen kleinen Hügel klettern. Als sich gespannte Stille ausbreitet und selbst die Vögel keine Warnrufe mehr verlauten lassen, ertönt das Gebrüll aufs Neue. Die Wolken über unseren Köpfen türmen sich zu grauen Stahlgebilden auf, es beginnt zu nieseln und ich frage mich stumm, ob dies wohl meine letzten Lebensmomente sind. Während wir lange Minuten unbeweglich auf dem Hügel sitzen und ich im Kopf Mohans Überlebenstipps durchgehe, entfernt sich das dumpfe Gebrüll schließlich langsam. Der Tiger scheint abzuziehen. Ich wische mir den Angstschweiß von der Stirn, doch Mohan lacht: „Das ist das Schöne an diesem Beruf: das Risiko!“

Zwei Stunden später geht die Sonne langsam unter und wir durchwaten den Fluss Rapti. Wie sicher diese Spaziergänge eigentlich seien, frage ich Mohan, der seine Hosenbeine hochkrempelt. „Da passiert nie etwas. Nur manchmal werden einheimische Dschungelführer von Nashörnern oder Elefanten angefallen, aber das ist selten.“ Zurück im Dorf hält ein Jeep mit quietschenden Reifen vor uns. Ein junger Nepalese mit einer tiefen, noch frischen Narbe im Gesicht grüßt Mohan und lacht: „Guck dir meine Narbe an! Da hat mich letzte Woche ein Bär angefallen!“ Als wir uns in der Dämmerung auf den Weg nach Hause machen, muss ich an das denken, was mir Prakash, der auch im Hotel arbeitet, gesagt hatte: „Wenn dich ein Tiger anfällt, dann legst du einfach die Hände auf der Brust zusammen, verbeugst dich und sagst namasté!“ Was so viel heißt wie: „Ich füge mich in mein Schicksal. Du darfst mich jetzt fressen.“

Wirklich abgeschreckt hat mich das Ganze dann aber doch nicht. Dafür waren die weiten Graslandschaften, die dunstigen Hügel und dunklen Gewitterwolken zu schön. Das nächste Mal werde ich aber mindestens drei Tage durch den Park wandern, ins wirkliche „Herz des Dschungels“. Dann nehme ich aber auch meinen eigenen Bambusstock mit.