Neonazis: Griechische Jugend wählt Goldene Morgenröte

Artikel veröffentlicht am 19. April 2016
Artikel veröffentlicht am 19. April 2016

Die Goldene Morgenröte gilt als Neonazi-Partei. Unter der griechischen Jugend erfährt sie besorgniserregende Zustimmung, die nicht mehr nur durch die Krise erklärt werden kann. Wir stellen uns die Frage: was motiviert diese jungen Menschen, die rechte Partei zu wählen? Von Kapuzenpullis, Graffitti und stämmigen Skinheads.

„Ihr dürft meinen Namen und meinen Job nicht erwähnen.“ Gleich am Anfang macht Kostas (der anonym bleiben möchte) seine Bedingungen für das Interview klar. Er schämt sich nicht, die Goldene Morgenröte zu wählen - die rechtsradikale Partei, die als faschistisch eingestuft und der Neonazi-Szene zugeschrieben wird. Er besteht aus rein professionellen Gründen auf Anonymität. „Ich sollte meine Meinung nicht äußern“, erklärt er.

Auf dem Rücken der Jugend

Wir treffen Kostas gleich nach der Arbeit, in einem kleinen Park in dem Mittelschicht-Viertel Kallithea in Athen. Trotz des guten Wetters sind nur wenige Leute unterwegs. Kostas wartet schon, in Hoodie und Laufschuhen. Obwohl er sehr höflich ist, versteckt der 25-Jährige sein Misstrauen nicht. Das Interview aufzunehmen kommt zum Beispiel gar nicht in Frage. Wir müssen uns mit Notizen behelfen.

Das „Meander“-Symbol der Goldenen Morgenröte starrt uns wie ein zwinkerndes Auge von der Wand gegenüber an. In einer Stadt, wo Gebäude ohne Graffitti die Ausnahme darstellen, findet man nicht selten das Parteisymbol in schwarzer Sprühfarbe oder mit Markern an Wände geschmiert. Kostas scheint das Symbol kaum oder gar nicht zu bemerken. Er sitzt auf einer niedrigen Mauer und macht sich bereit, uns zu erzählen, was ihn dazu gebracht hat, die Goldene Morgenröte zu wählen.

Wofür steht die Goldene Morgenröte neben Kapuzenpullis und Anonymität? In Griechenland kennt man sie als Χρυσή Αυγή (Chrysí Avgí), die Partei hat in den letzten Wahlen 7 % der Stimmen auf sich verbuchen können. Damit wurde sie zur drittgrößten Partei des Landes, hinter Syriza und der konservativen Neue Demokratie (ND). Für eine Partei, die 30 Jahre lang praktisch unbekannt war - 2009 bekamen sie lediglich 0,3% der Wählerstimmen - sind die heutigen Zahlen ein durchschlagender Erfolg.

Und doch hat die Partei einen ernüchternden Ruf. Sogar Marine Le Pen vom französischen Front National hat eine Allianz im Europäischen Parlament ausgeschlossen. Nicht ohne Grund: die Partei steht in Verbindung mit Gewalt gegen Einwanderer, sie hat rassistische und ultra-nationalistische Ansichten und einen Vorsitzenden, der das Dritte Reich bewundert. Und das sind nur einige ausgewählte Beispiele. Besagter Vorsitzender Nikolaos Michaloliako - sein Spitzname ist „der kleine griechische Führer“ - steht momentan vor Gericht, weil er Teil einer kriminellen Organisation war.

Obwohl ihr Ruf immer schlechter wird, steht die Partei immer noch für einen frischen Ansatz in einem von vielerlei Übeln befallenen politischen System. Als populistische und grenzwertige Anti-Establishment-Partei wird die Goldene Morgenröte trotzdem von immer mehr jungen Menschen unterstützt. Die Statistiken zeigen: je jünger man ist, desto wahrscheinlicher stimmt man für die Goldene Morgenröte. Es ist noch nicht klar, ob das Proteststimmen sind oder ob sie sich wahrhaft mit den extremen Ansichten der Partei identifizieren.

Die Ohrfeige

Kostas war sehr jung - erst 13 oder 14 - als er zuerst von der Goldenen Morgenröte hörte. „Ich war in der Schule und habe es mit meinen Mitschülern diskutiert“, erinnert er sich, „Am Anfang war ich gegen das alles. Erst später, nachdem ich Zeitungen und Onlineartikel gelesen hatte, war ich überzeugt.“

Ein paar Jahre später, 2012, gab er zum ersten Mal seine erste Stimme für die Goldene Morgenröte ab, genau wie 450 000 andere Griechen, die der Partei damit ihren sensationellen Einzug ins Parlament ermöglichten. Es war eine Wahl gegen das System, ein Zeichen der Unzufriedenheit mit einer politischen Klasse, die anfällig für Skandale und Korruption war.

„Am Anfang habe ich sie nur gewählt, um den anderen Parteien ihre Macht zu nehmen“, vertraut Kostas uns an. „Aber als ich den offenen Krieg der Medien und Politiker gegen sie sah, gab mir das Vertrauen in meine Entscheidung. Ich habe seitdem in jeder Wahl für sie gestimmt.“

Nikos (30) will auch an diesem „offenen Krieg“ teilnehmen. Er ist Sicherheitsbeauftragter für eine große private Firma und hat vor 4 Jahren zum ersten Mal für die Goldene Morgenröte gestimmt. Als er seine Perspektive erklärt, bezieht er sich auf einen berüchtigten Vorfall von 2012. Bei einer Fernsehdebatte schlug Repräsentant und Parlamentsmitglied Ilias Kasidiaris - ein stämmiger Skinhead - gewalttätig auf ein kommunistisches Parlamentsmitglied ein. „Sie haben nur auf die Schläge geachtet, nicht auf das, was die Schläge verursacht hat“, stellt Nikos fest. Seitdem hat er den Vorfall als Beweis für eine entschlossene Kampagne gegen die Partei gesehen.

Der Vorfall beginnt bei 1:20

Diese Argumentation mag Schwächen haben, aber die Anti-Establishment Position der Goldenen Morgenröte bleibt das Herz ihrer Strategie - auch wenn das zu einigen absurden Situationen führt. Alexandros Sakellarious besitzt einen Doktorgrad in Soziologie von der Panteion Universität in Athen und hat eine Studie zur Einstellung der jungen Griechen zur Goldenen Morgenröte verfasst. Er erklärt, dass eine Meinungsumfrage 2012 gezeigt habe, dass „einge Wähler zwischen Syriza und der Goldenen Morgenröte schwanken“. Zwischen linksradikal und rechtsradikal also. Was haben diese Rivalen gemeinsam? Sie sind gegen das System und gegen die Sparpolitik.

Die Goldene Morgenröte hat sicherlich Grund zu feiern. Wie es bei ultra-Rechten so oft der Fall ist, schwimmt die Partei auf einer Unterstützungswelle, weil sie sich selbst als Opfer der Medien und des politischen Systems hinstellt. Mit Slogans wie „Mach den Fernseher aus, du findest uns online“ machen sie deutlich, dass die anderen „die Wahrheit verstecken“. Wir erfahren diese Haltung gegenüber den Medien, als der Presseservice der Partei uns kontaktiert. „Wir achten nicht viel auf Medien und Interviews“, sagen sie, „weil Journalisten am Ende nur schreiben, was sie wollen.“ Das wird auch durch einen unmissverständlichen Spruch eines Parteimitglieds auf den Punkt gebracht, das uns verbietet, ein Parteitreffen zu betreten: „Journalist zu sein, ist schlimmer als zu Syriza zu gehören.“

„Ich weiß, dass es einige Arschlöcher in der Partei gibt“

Die Tatsache, dass tausende junge Menschen sich entschieden haben, für eine der gewalttätigsten und radikalsten Parteien Europas zu stimmen, kann nicht nur mit dem Misstrauen gegen das System erklärt werden. Der wichtigste Grund, den die Medien und viele Griechen uns geben konnten, bleibt das große Problem des 21. Jahrhunderts: die Wirtschaftskrise. Die Erklärung ist bekannt: die Krise traf das Land schwer, und trieb tausende arbeitslose und verzweifelte junge Menschen in die Arme von Neonazis.

Aber Sakellariou hält diese Erklärung für verzerrt und vereinfachend. Der Soziologe zeigt auf, dass die jungen Griechen zu wenig über die Vergangenheit der Partei und die Geschichte des Landes wissen. Aus seiner Sicht ist der Einfluss der Krise „nicht zu leugnen“, aber sie „hat lediglich die, die bereits der Ideologie nahe standen, dazu angestoßen, die Partei zu wählen.“

„Wir können unsere Augen davor nicht verschließen“, betont er, „es gibt eine ideologische Verbundenheit zur Goldenen Morgenröte in der Bevölkerung. Andere Länder - wie Spanien oder Portugal - wurden auch von der Krise getroffen, aber dort ist keine vergleichbare Partei aufgestiegen.“ Er glaubt, dass das Übel tief verwurzelt ist: „Wenn die Krise heute aus Griechenland verschwinden würde, bezweifle ich, dass die Goldene Morgenröte auch so schnell weg wäre.“

Die ideologische Verbundenheit ist besonder bemerkbar, wenn es um Immigration geht (besonders von Muslimen). Diese feindlichen Einstellungen werden als einer der Hauptgründe hingestellt, für die Partei zu stimmen. Einstellungen, die Kostas und Nikos, sowie andere Wähler der Goldenen Morgenröte, die Sakellariou für seine Studie interviewte, teilen. Ausländer werden als Bedrohung angesehen - für Arbeitsplätze, für die Sicherheit, für die griechische Kultur. „Muslimen wird beigebracht, dass sie 70 Jungfrauen im Paradies bekommen, wenn sie einen Christen töten“, erzählen Kostas und Nikos uns gleichzeitig, als würden sie eine auswendig gelernte Phrase rezitieren.

Davon abgesehen teilen die beiden nicht alle Ideen der Goldenen Morgenröte. „Physische Gewalt gegen illegale Einwanderer ist nicht akzeptabel“, sagt Kostas uns. „Es gibt Arschlöcher in der Partei, das weiß ich“, gibt Nikos zu, obwohl ihn die Gewalt der Partei weniger stört als der historische Revisionismus vieler Parteimitglieder, die „Hitler glorifizieren“. Das ist der Grund, warum beide eine Parteimitgliedschaft komplett ausgeschlossen haben.

Könnten sie regieren?

„Die Partei ist nationalsozialistisch, ihre Wählerschaft nicht unbedingt“, sagt Sakellariou. Das heißt, dass die Goldene Morgenröte nicht mal ihr Image entgiften muss, um Stimmen zu gewinnen.

„Sie sind gerade erst ein wenig diskreter in Bezug auf Neonazi-Verbindungen geworden“, erklärt der Soziologe. „Sich als nationalistische Partei zu verkaufen bringt mehr Vorteile. Aber nicht so viel, dass man seine Vergangenheit vertuschen müsste.“ Was immer der Fall sein mag, anscheinend reicht das, um „moderate“ Wähler zu gewinnen.

Das führt zur nächsten Frage: Wie viele Wähler der Goldenen Morgenröte sind komplett überzeugt und wie viele bleiben skeptisch? Schwer zu sagen, aber Sakellariou glaubt in jedem Fall: „wenn die Leute wieder und wieder für sie stimmen, kann man das nicht mehr nur als Protestwahl sehen.“

Eine letzte Frage: „Könnten sie regieren?“ Kostas und Nikos vergessen ihre Zurückhaltung und antworten schnell mit „Ja“. „Vielleicht sogar besser als die anderen“, fügt Kostas hinzu, ohne mit der Wimper zu zucken.

Heute könnte die Goldene Morgenröte gut weiter an Land gewinnen, angesichts der Flüchtlingskrise, in der Griechenland an der Frontlinie steht. Es ist ein wichtiges Durchgangsland und die Situation hat sich kürzlich durch die teilweise Schließung der griechisch-mazedonischen Grenze weiter verschlimmert. Tausende Migranten stecken in einem Land fest, in dem sie nicht bleiben wollen. In der Hauptstadt tauchen jeden Tag provisorische Camps auf.

Nur 150 Meter vom Hauptquartier der Goldenen Morgenröte, in der Nähe der Larissa Station, haben einige Familien Matrazen und Decken ausgebreitet. Ein überraschend gesprächiger Polizist vertraut uns an, dass er fürchtet, es sei nur eine Frage der Zeit, bevor es Probleme mit Parteimitgliedern gäbe – es sei denn, sie hoffen, dass die Situation von sich aus aus dem Ruder läuft, damit sie sich als einzige Lösung präsentieren können.

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Danke an Stathis Ketitzian und Marinos Tzotzis, die an dieser Reportage mitgewirkt haben.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.