Neolaia Syriza: Athens neues Links-Labor

Artikel veröffentlicht am 28. November 2014
Artikel veröffentlicht am 28. November 2014

Vom Universitätscampus im Stadtviertel Exarchia aus startet cafébabel seine Reportage über die Jugendorganisation der radikalen Linkspartei Neolaia SyrizaAlexis Tsipras heißt ihr Gründer, der auszog, um als jüngster Parteivorsitzender das krisengeplagte Land zu regieren.

Die Straße, die sich sanft den Hügel von Strefi hochschlängelt, heißt Temistokleus und ist so eng wie der Kanal, in dem Themistokles bei Salamis die Perser schlug. Wir sind in Exarchia, der gefürchteten Bastion des Anarchismus in Athen sowie Kunst- und Kulturzentrum, das sich seit 1973 der gesetzlichen Gewalt entzieht, als die ruhmreiche Technische Hochschule sich gegen das Regime der Obristen auflehnte. Das Straßenbild dieser „Freizone“ ist von Wandmalereien, autonomen Zentren, Cafés und alternativen Buchhandlungen geprägt. Weit und breit ist keine einzige Bank in Sicht. Es ist kein Zufall, dass hier 2008 auf dem größten Platz die Proteste begannen, nachdem der 15-jährige Alexandros Grigoropulos von einem Polizisten erschossen worden war.

Nur wenige hundert Meter entfernt bewacht ein Parteiposten den Sitz der Jugendorganisation der stark kritisierten Pasok-Partei. Direkt neben dem Exarchia-Platz stößt man auf den Sitz der Neolaia Syriza, die junge Sektion der Bewegung von Alexis Tsipras (33 Jahre), aufgehender Stern der griechischen Politik und Albtraum der Brüssler Troika (und der Märkte). Das Gebäude macht einen anonymen und etwas trostlosen Eindruck. Nur durch die Parteifahnen kann es als politische Einrichtung identifiziert werden und hebt sich von den anarchischen oder antifaschistischen Gruppen ab, die das Viertel dominieren. Geschlossene Rollläden, Schlösser und Totenstille. Wir werden den Sitz in der Temistokleus-Straße 52 nie betreten. Die jungen Aktivisten halten sich nämlich auf dem Athener Universitätscampus auf, wo vom 2. bis 5. Oktober das nationale Fest der Partei stattfindet, die Griechenland in Zukunft regieren möchte.

Unser Annäherungsversuch an das junge Herz der „radikalen“ Linken ist gespickt von „Zwischenfällen“, die einen Überblick über das politische Thermometer des Landes bieten. An einem warmen Vormittag protestieren auf dem Sintagma-Platz die Schüler der Musikschule mit Entschlossenheit vor einem Polizeiaufgebot gegen die jüngsten Einschnitte im öffentlichen Nahverkehr. «Nach fünf Jahren des Protestes wendet sich Griechenland nach links», erzählt ein junger Medizinstudent. Nicht weit entfernt, vor dem Sitz des Wirtschaftsministeriums demonstrieren einige Studenten gegen die Regierung, während sie die Fahnen der kommunistischen Gewerkschaft PAME schwenken. Die Spannung ist spürbar, es liegt was in der Luft. Zum Schutz des Gebäudes sind sogar einige grüne Uniformen der Armee zu sehen. Einer der Soldaten fragt uns aggressiv nach unserer Erlaubnis zu fotografieren.

Die Neo-Kommunisten kommen

An der U-Bahn-Haltestelle Panepistimio treffen wir Alexandros Zachiotis. Der 25-jährige Student war in der Jugendorganisation von Synaspismós aktiv, der größten Gruppe des Bündnis', das 2004 die Syriza-Koalition ins Leben rief. Syriza steht für Synaspismós Rizospastikís Aristerás (Koalition der Radikalen Linken) und ist seit 2012 eine richtige Partei. Auf den Weg zum Campus der Nationalen und Kapodistrias-Universität gibt uns Alexandros eine aufschlussreiche und teils auch methodische Erklärung, die eine gewisse Vertrautheit im Umgang mit den Medien erkennen lässt. Die 2013 offiziell ins Leben gerufene Partei Neolaia Syriza ist aus dem Versuch heraus entstanden, dem Kampf gegen die Krise und der Opposition gegen das neoliberale Modell durch „Solidarität zwischen Staaten und Völkern in Europa“ eine internationale und europäische Richtung zu geben.

Alexandros erzählt die Geschichte der Partei mit Leidenschaft und Präzision. «Syriza ist eine Tochter der kommunistischen Tradition. Wir haben einige Gemeinsamkeiten mit der Kommunistischen Partei Griechenlands KKE, aber sie verfolgt eine stalinistische Linie und eine sehr strenge und verschlossen Bündnispolitik. Sie kritisieren alles und denken, einen Alleinanspruch auf die Wahrheit zu besitzen. Meiner Meinung nach muss das politische Handeln jedoch zu Ergebnissen führen, und daher habe ich Syriza gewählt», sagt er mit Überzeugung. Und was bedeutet es, in der modernen Gesellschaft ein junger Aktivist einer linken Partei wie Syriza zu sein? «Die Antwort auf diese Frage suchen wir ständig», gesteht er. «Unsere Generation versucht, die positiven Dinge der kommunistischen Tradition zu übernehmen und sie zu erneuern. Unser Ziel ist es, einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts zu schaffen», wie auch im offiziellen Manifest im Internet zu lesen ist.

«Der neue Sozialismus sollte sich auf Wissen und Fähigkeiten begründen»

Mit einem Hauch von unbewusstem, jugendlichen Idealismus zitiert Alexandros die lateinamerikanischen Modelle von Hugo Chavez und Evo Morales, während er von der Überwindung der aktuellen kapitalistischen Sichtweise, von Zusammenarbeit und Menschenrechten spricht. Erfreut darüber, dass wir aus Italien kommen, zitiert er sogar Antonio Gramsci [einer der Gründer der komm. Partei Italiens; A.d.R.], dessen Ideen das Kulturzentrum Nicos Poulantzas inspiriert haben, wichtiger Vertreter des griechischen Marxismus und einer der Väter des Eurokommunismus. Aber warum sollte ein Jugendlicher im Jahr 2014 einen neuen Sozialismus anstreben? «Viele Jugendliche haben heute ein Bildungsniveau und Fähigkeiten erlangt, die man viel besser auf andere Art und Weise nutzen könnte. Es besteht ein riesiges Potenzial. Der neue Sozialismus sollte sich auf Wissen und Fähigkeiten begründen».

Aber in Krisenzeiten ist Neolaia Syriza auch sehr lokal verhaftet. «Bevor Syriza zur Partei wurde, war es eine Bewegung». Die Aktivisten sind das «schlagende Herz», haben ein Parteibuch und zahlen einen symbolischen Jahresbeitrag. Das Organisationsmodell hingegen ist eher «hybrid»: neben dem Zentralkomitee in Athen gibt es kleine Büros in den größeren Städten des Landes wie Thessaloniki und Patras. «Wir versuchen eine horizontale Struktur aufzubauen und eine alternative Informationsplattform auf Englisch einzurichten, um auch Leser außerhalb Griechenlands zu informieren», fügt Alexandros hinzu. Jeder Aspekt des sozialen Lebens wird innerhalb der Struktur von einem Ad-hoc-Komitee geregelt. «Wir arbeiten an einem Solidaritätsnetzwerk, welches das ganze Land umfasst». Und das alles mit wenig Geld und viel Enthusiasmus. «Wir brauchen keine großen finanziellen Mittel, das Meiste fließt ins Festival».

«Wenn du nicht radikal bist, kannst du keinen Unterschied machen»

Wir erreichen den Campus gerade rechtzeitig, um die letzten Vorbereitungen zu verfolgen. Das viertägige Musik- und Kulturfestival wird mit einer Abschlussrede von Tsipras und den Auftritten der europäischen „Freunde“, Maurizio Landini von der italienischen Gewerkschaft FIOM und Pablo Iglesias von der neuen spanischen Linkspartei Podemos, enden. Aber auch einige typisch griechische Momente wie die Hommage an den berühmten Liedermacher Vassilis Tsitsanis, eine politisierte Version der grichischen Volksmusik Rembetiko oder das köstlich gegrillte Souvlaki mit Alpha-Bier dürfen nicht fehlen. Im Park findet man eine Vielzahl an Workshops und Diskussionsrunden, europäischen Film- und Fotoausstellungen, internationalen Ständen, z.B. über Palästina, und sogar einen Platz für Arbeiter, die von multinationalen Unternehmen entlassen wurden.

Überall packen Freiwillige mit an. «Wenn wir einzigartig sein wollen, müssen wir unser Bestes geben. Wir sind nicht die Besten und wir haben die Wahrheit nicht für uns gepachtet. Aber wir wünschen uns, dass die Leute hierherkommen und mitmachen, sodass wir ihnen zeigen können, worum es uns geht», sagt der zwanzigjährige Kiriakos mit der Spontanität von jemandem, der sich als Teil von etwas Positivem und Großen fühlt. «In Zeiten wie diesen musst du radikal sein, sonst kannst du nicht wirklich den Unterschied machen und die Dinge ändern».

Zoon Politikon

Langsam geht die Sonne unter und die ersten Besucher treffen ein, aber unsere Aufmerksamkeit wird von der violetten Farbe angezogen, die einen Teil der Aufbauten dominiert. «Rot symbolisiert den Eurokommunismus und die Revolution, Grün die Ökologie und Violett steht für den Feminismus», erklärt mir Aliki, Mitglied des Zentralbüros von Neolaia Syriza. «In der Jugendorganisation beschäftigen wir uns viel mit Gender-Politik», fährt sie fort, während sie mir die Ausstellung zeigt, die sich dem Feminismus widmet.

Je turbulenter der Abend, desto butner auch die Mischung aus Farben und Ritualen der linken oder eurokommunistischen Tradition. Hier und da trifft man auf einige ältere Besucher, die aus nostalgischen Erinnerungen an die 1968er hierher gekommen sind. Vier Tage sind kurz, um die Gefühle eines Volkes zu entdecken und das Porträt der griechischen Jugend, dessen Herz neuerdings auch links schlägt, zu zeichnen. Aber Aristoteles hatte recht, als er seine Mitbürger als „politische Tiere“ bezeichnete.

Dieser Artikel ist Teil des cafébabel-Projekts EU in motion, mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und der Fondation Hippocrène.