Naturschutz: Nachholbedarf in Belgien

Artikel veröffentlicht am 9. September 2015
Artikel veröffentlicht am 9. September 2015

Die Politik behandelt Klima und Naturschutz zu oft getrennt voneinander, ohne direkten Zusammenhang. Dabei trägt die Natur stark  zum Erhalt der Ökosysteme bei. Und sie generiert Vorteile für Klimaschutz und Klimaanpassung. Warum also werden die beiden politischen Bereiche nicht besser miteinander vernetzt und die Vorteile ihres Zusammenspiels ausgenutzt?

Am 10. Mai 2015 rief die Naturschutzvereinigung Natagora den Minister für Landwirtschaft und Natur der belgischen Region Wallonie René Collin zur Einrichtung neuer Naturschutzgebiete auf. Dieser Appell  folgte auf die Entscheidung der Wallonischen Region, die Kofinanzierung von Naturschutzgebieten, die von privaten Organisationen wie Natagora verwaltet werden und ihnen teilweise auch gehören, zu beenden.

Tiervielfalt in Gefahr

Es gibt mehr als 400 Naturgelände in der Wallonie. Oft wird unterschätzt, wie wichtig diese Gebiete sind. Sie schützen unser Naturerbe und bieten eine große Vielfalt an kostenlosen Diensten zum Wohl der Gesellschaft und der Wirtschaft. Das Europäische Netzwerk Natura 2000 verwaltet ungefähr 27 000 Naturgelände „allgemeinen Interesses“ in der EU.  Die finanziellen Vorteile des Netzwerks betragen im Jahr rund  200-300 Milliarden Euro, also 2-3% des Bruttoinlandsprodukts der EU.

Die European Environment Agency veröffentlichte am 20. Mai einen Bericht zum Zustand der Natur in der EU. Demzufolge scheint Natura 2000 eine effektive Maßnahme zum Schutz bedrohter Arten zu sein. Naturschutz in geschützten Gebieten ist erfolgreicher als in nicht geschützten Bereichen. Der Bericht zeigt außerdem auf, dass rund 70 Prozent der Habitate in Belgien in ungünstigem oder schlechtem Zustand sind. Diese Zahl bestätigt die bereits schlechten Statistiken zur Biodiversität in Wallonien. 31 Prozent der Arten sind gefährdet oder bedroht, neun Prozent sind bereits verschwunden. Abgesehen von ihrem Wert für Natur und Kultur machen es auch klimabezogene Herausforderungen notwendig, die wallonische Artenvielfalt und Ökosysteme zu bewahren und zu stärken.

Der International Union for Conservation of Nature (IUCN) zufolge ist das globale Netzwerk geschützter Gebiete für rund 15% der Kohlenstoffspeicher verantwortlich. Es bietet außerdem eine Reihe von Vorteilen, die die Anpassung der Gesellschaft an den Klimawandel (z. B. Nahrungs- und Wasserangebot) unterstützen und das Risiko von Naturkatastrophen vermindern. Die Torfmoore der Region „Les Hautes Fagnes“ in Ostbelgien spielen zum Beispiel eine entscheidende Rolle für den Klimaschutz. Sie können bis zu zehnmal mehr CO2 aufnehmen, als Mineralböden. Eine unter der  Leitung von Jean Pascal van Ypersele und Philippe Marbaix veröffentlichte Studie zu den Einflüssen des Klimawandels auf Belgien schlug schon 2004 Alarm. Die Prognose: In den nächsten 20-50 Jahren werden die letzten unberührten Torflandgebiete wahrscheinlich verschwinden.

Hinzu  kommt, dass Sümpfe und andere Feuchtbiotope Überflutungen reduzieren und die Wahrscheinlichkeit von Dürre vermindern. Gleichzeitig unterstützen sie eine reichere und florierende Artenvielfalt. Mehr städtische Naturschutzgebiete und Grünflächen würden die Temperaturen senken. Auch Luft- und (in manchen Fällen) die Wasserqualität würden sich verbessern. Eine gesunde Natur mit einer reichen biologischen Vielfalt hilft den Ökosystemen Einflüssen des Klimawandels besser stand zu halten und sich anzupassen.

Eine Strategie zum Erhalt der Natur

Die Belgian Climate Change Adaptation Strategy aus dem Jahr 2010 fordert den Erhalt der genetischen Vielfalt unserer Wälder und die Bewahrung von Ökosystemen, die von menschlichen Aktivitäten nur geringfügig betroffen sind. So soll ihre Widerstandsfähigkeit verbessert werden. Diese Strategie unterstreicht, wie wichtig es ist, Politik zu Klima und Artenvielfalt so gut wie möglich zu verbinden. Die Empfehlung: Den Schutz natürlicher Systeme als eine Kategorie in Belgiens zukünftigem Anpassungsaktionsplan.

Der Final Report on Climate Change Adaptation in Wallonia, in Auftrag gegeben von der Walloon Agency for Air and Climate, unterstützt die Strategie und erinnert daran, dass Artenvielfalt die Basis für genetisches Kapital darstellt. Es stellt uns die benötigten Ressourcen zur Verfügung, um uns an den Klimawandel anzupassen; sei es in der Land- und Waldwirtschaft oder im Gesundheitswesen. Der Bericht geht noch weiter mit der Aussage, dass es notwendig sei, Artenvielfalt zu bewahren, um anpassungsfähig zu bleiben.

Warum also baut die Wallonie nicht schneller adäquate Schutzmaßnahmen auf, die so entscheidend für den zukünftigen Erfolg unserer Region sind? Nur 0,7 Prozent der Fläche der Wallonie sind Naturschutzgebiete. Experten sehen eine ideale Größe bei 5-10 Prozent des Landes, um erfolgreichen Erhalt zu garantieren. Des Weiteren ist die wallonische Region besonders von Habitat-Trennung betroffen. Das heißt, dass der Lebensraum von Tieren und Pflanzen aufgespalten wird. Grund sind das hohe Niveau der Urbanisierung und verschiedene schädliche Praktiken der Land- und Forstwirtschaft. Diese Aufspaltung bedroht die wallonische Artenvielfalt weiter, da die Tiere daran gehindert werden, sich umzusiedeln. Doch dies ist ein Schlüsselfaktor in der Klimawandelanpassung der Tierwelt.

Klima und Naturschutz unter einen Hut bringen

Die wallonische Regierung hat entschieden 18 neue Naturschutzgebiete auszuweisen und drei bereits bestehende zu erweitern. Dennoch hat die Region noch einen langen Weg vor sich, um ihre Verpflichtungen umzusetzen und ihre Natur effektiv zu schützen. Die Europäische Kommission mahnte vor Kurzem Belgien, das im Aufbau der Flächen für Natura 2000 hinterherhängt. Die von der EU verlangten Maßnahmen wurden nur für 57  der 240 in Wallonien gelisteten Orten durchgeführt.

Die Wallonie ist noch immer weit von der Realisierung der Ziele entfernt, die in Belgiens National Biodiversity Strategy festgelegt sind. Diese entstand nach den Verhandlungen zur UN Convention on Biological Diversity. Mit dieser Strategie sagte Belgien zu 17 Prozent seiner Landflächen und Binnengewässer durch Netzwerke von Schutzgebieten zu beschützen. In der Strategie heißt es: „Derzeit wird nur eine begrenzte Anzahl von Landgebieten effizient verwaltet, und es ist entscheidend, dass rasch angemessene Managementpläne erstellt und umgesetzt werden.“ Das Papier legt außerdem nahe, kleinere Landschaftselemente zu bewahren. Sie spielen eine entscheidende Rolle, damit sich natürliche Areale miteinander verbinden können und widerstandsfähiger werden. Mangels einer kompletten Kartierung des Naturerbes und ökologischen Netzwerkes der Wallonie verlangsamt sich der Schutz dieser Bereiche.

Es ist daher wichtig, dass der wallonische Umwelt- und Landwirtschaftsminister Klima und Naturschutz unter einen Hut bringen und Maßnahmen ergreifen. Die beiden Themen als zwei Seiten der gleichen Medaille zu betrachten, wird helfen, die bestmöglichen Resultate zu erzielen. So werden effektive und effiziente Schritte für die nachhaltige Entwicklung der Region eingeleitet.