Nationalismus: Türkei zeigt Flagge

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2008

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Esenboğa ist Ankaras internationaler Flughafen. Allerdings befindet sich der Drehpunkt 30 Kilometer von Ankara entfernt. Marmorpomp, neueste Technologie, hochaktuelles Design und Gras mitten in der Wüste. Und überall türkische Flaggen!

Die zentralanatolische Landschaft kann einen spanischen Reisenden kaum überraschen. Es ist wie durch Albacete oder Ciudad Real zu reisen. Staub, der durch die Straßen wirbelt, Gehöfte mit alten Ziegeln und brach liegende Felder ohne einen einzigen Baum, an dem sich der Blick festklammern könnte. Woran sich ein Spanier oder ein anderer Europäer, der den klassischen national-patriotischen Symbolen nicht über den Weg traut, stoßen könnte, sind die blitzblanken, wie neuen, roten Flaggen mit ihrem Mond und dem Stern. Sie sehen aus, als würden sie jeden Moment vor Freude platzen!

Veränderungen, die Angst machen

©Fernando Navarro SordoOft sind sie riesig, tauchen überall auf, auch in unerwarteten Ecken, wie zum Beispiel auf Balkonen der Gecekondular (Häuser in aus der Erde gestampften Marginalsiedlungen, der türkische Begriff bedeutet in etwa "nachts hingestellt"), hinter der Tür eines Bades einer Moschee, in den Höhlen von Kappadokien, in den Fenstern der Dolmu-Minibusse, die sich wie verlaufene Ameisen durch die Arterien der Großstadt tasten, an den Stränden von Ephesus oder auf dem Hintergrund einer Uhr in einem Laden, in dem man Wasserpfeifen und "Glücksaugen" (Schmuck- oder Dekorationsstücke, die einem Auge ähneln und vor Unglück schützen sollen) kaufen kann.

Mit den allgegenwärtigen Porträts von Atatürk, dem Vater des modernen türkischen Vaterlandes, der 1938 verstorben ist, verhält es sich ganz ähnlich: Atatürk in Pilotenuniform an den Flughäfen, Atatürk mit Postangestellten, Atatürk zu Pferd, Atatürk in den Eisdielen in jeder Straße. Und immer mit seinen spitzen Augenbrauen, die Respekt einflößen oder sogar einschüchtern. Als ob man in einem Land ist, das vor kurzem einen Krieg gewonnen - oder verloren hat. In den letzten 10 Jahren hat die Türkei abgewogen, von einem kulturell einheitlichen Staat zu einem Staat zu werden, der die kulturellen und territorialen Unterschiede anerkennt. Das erschreckt die Führungsriege.

Türken lieben ihr Land

©Travel Aficionado/flickrWarum muss ein Land mit Wurzeln aus mehreren Jahrtausenden mit so viel Eifer seine nationalen Symbole bekräftigen? Ich gehe durch Konya, eine 700.000 Einwohner-Stadt und spirituelle Wiege der Türkei. Mich begleiten Selma und Özlem, zwei unverbesserliche Improvisations-Rhetoriker und Technologie-Studenten, mit denen ich die Stadt entdecke. Als wir an einem Schulhof vorbeigehen, sehen wir einen mehr als 20 Meter hohen Mast, von dem eine türkische Flagge von überdimensionalem Ausmaß weht. "Wir Türken lieben unser Land eben sehr", erwidert Selma.

Wir Spanier sind eigentlich chauvinistisch wie sonst kein anderes Volk, verwenden aber nicht so viel Geld und Energie darauf, überall Flaggen aufzuhängen. Als ich das anmerke, bekomme ich den abschließenden Kommentar "Das ist nicht dasselbe, das könnt ihr nicht verstehen." Mir wird zu verstehen gegeben, dass der Rest der Europäer ihr Land nicht mit derselben Intensität liebten wie die Türken ihres.

Während wir zu Abend essen, wird es auf den Hügeln von Ayanbey und Çavus dunkel - die Silhouetten der Wolkenkratzer zeichnen sich gegen den Himmel ab. Uns empfängt Ahmed, ein junger Anglistik-Student. "Mir ist es egal, ob man uns Türken Nationalisten nennt. Wenn die EU uns so akzeptiert, wie wir sind, gut. Wenn sie uns nicht wollen wäre das auch nicht so schlimm für mein Land. Es wird uns auch nicht schlechter gehen, wenn wir uns zum Beispiel Russland annähern", erklärt er in einem Englisch mit sehr wenigen Ausrutschern, etwas, was hier selten zu finden ist. Sicher ist, dass die Türkei aufmerksam die zaghaften Reaktionen der westlichen "Mächte" auf dien russische Invasion in ihr Nachbarland Georgien beobachtet. Die Versuchung, sich dem Rowdy des Viertels anzuschließen, ist groß.

Kultureller Stromausfall

©Rogiro/flickrNiemand, der durch die kulturelle Hauptstadt der Türkei geht, würde sagen, dass das Theater der Süreyya-Oper in Istanbul eines der aktivsten und innovativsten Europas ist. Während öffentliche Standarten, die von Masten in Budapest, Mailand oder Berlin wehen, wichtige Veranstaltungen ankündigen, werden sie in Istanbul dazu genutzt, die Stadt mit roten Nationalflaggen einzufärben. Ein kultureller Stromausfall in rot und weiß, der die ganze Stadt beherrscht. Die vielen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen werden kaum angekündigt. Es scheint fast so, als habe in der Türkei alles mit Atatürk begonnen. Darüber beschwert sich der Nobelpreisträger der türkischen Literatur, Orhan Parmuk, der von der türkischen Justiz aufgrund von ‚Verleumdung des Türkentums‘ verfolgt wird: "Es wehen ultranationalistische Winde in meinem Land. Im Westen kann man sie sehr gut wahrnehmen. Aber der Nationalismus ist nicht so wichtig wie der Autoritarismus, der dahinter steckt und derselbe wie immer ist", sagte er der spanischen Presse im Jahr 2007.