Nastja Karimovas nackte Hipster-Demos gegen Putin

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2012
Moskau, es ist einer der kältesten Tage des Jahres 2012. Eine junge Frau flaniert durch die Moskauer Einkaufsstraßen. Plötzlich bleibt sie stehen – und reißt sie sich die Kleidung vom Leib. In einem blauen Bikini posiert sie in der Innenstadt, in den Händen ein Plakat. Es ist ihre Art des Protestes: Nastja Karimova, 23 Jahre alt, ist Aktivistin und protestiert für gerechte Wahlen in Russland.
Karimovas Aktion war einzigartig, doch mit ihrem Engagement ist sie nicht allein. Erst gestern gingen wieder über 20.000 Russen gegen die Amtseinführung von Putin auf die Straßen. Nach blutigen Auseinandersetzungen wurden 400 Menschen festgenommen. Was ist aus dem Protest erster Stunde geworden? Die Aktivistin erzählt.

Nastja, in der Moskauer Aktivistenszene bist du kein unbeschriebenes Blatt. Wann hast du begonnen, dich zu engagieren?

Im Januar 2005. In der Ukraine fand gerade die Orangene Revolution statt. Also habe ich dem Moskauer Büro des Geheimdienstes FSB eine Packung Mandarinen vorbeigebracht. Es war ein Symbol. Ich wollte die Aktivisten dort unterstützen. Zeigen, dass es auch in Russland Menschen gibt, die an sie glauben.

Hast du dich schon immer für Politik interessiert?

Ja, ich war immer ein politischer Mensch. Mein Stiefvater hat mir jeden Morgen regierungskritische Artikel aus dem Internet vorgelesen. 2004 trat ich der Jugendorganisation „Union der rechten Kräfte“ [Eine wirtschaftsliberale Partei; A.d.R.] bei. Das war kurz nach der Tragödie in Beslan: Damals hatte Putin unter anderem verordnet, dass die Gouverneure nicht mehr gewählt, sondern vom Präsidenten bestimmt würden. Dagegen wollte ich protestieren. Ich hatte damals keine echte politische Haltung – es war eher eine Art beunruhigendes Grundgefühl. Aber ich wollte etwas tun.

Wie ging es weiter?

Lange Zeit dachte ich, dass das Engagement in einer Partei wirklich einen Einfluss auf die Situation in Russland hätte. Aber das stimmt nicht. 2008 verlor ich eine Wahl zur Stadträtin, sechs Monate später wurde die Partei aufgelöst. Ich war enttäuscht und wollte mich eigentlich gar nicht mehr engagieren. Vier Jahre lang habe mich nicht für Politik interessiert. Eine Art politische Apathie.

Bis zum Dezember 2011. Als die Demonstrationen gegen Putin begannen, warst du mit dabei. Was hatte sich verändert?

Ich weiß nicht. Nach den ersten kleinen Demos war die Stimmung eigentlich ziemlich mies. Niemand glaubte daran, dass daraus ein landesweiter Protest werden könnte.

Du auch nicht?

Nein. Wir Aktivisten waren alle viel zu sehr in unserer Online-Hipster-Welt gefangen.

Online-Hipster-Welt?

In Russland nennt man die Demonstrationen, die im Dezember stattfanden, die „Hipster-Demos“. Es gab ja auch schon im Herbst Proteste - aber sie wurden von der Polizei gestört oder aufgelöst. Erst im Winter änderte Polizei ihre Strategie und man konnte frei demonstrieren.

Warum ist die Revolution trotzdem gescheitert?

Die Russen sind zu ängstlich, fürchten sich vor der dem Ungewissen. Das heißt nicht, dass sie nicht für ihre Rechte demonstrieren: 2005 protestierten Rentner im ganzen Land gegen soziale Kürzungen. Aber mehr Bürgerrechte, mehr Demokratie – dafür wollen die Russen noch nicht kämpfen. Die Zeit ist noch nicht reif.

Aber sind junge Russen durch die Modeproteste politischer geworden?

Ich kann nicht für alle Russen sprechen. Aber ich fürchte, dass sich wenig verändert hat. Nur ein kleiner Teil hat etwas aus den Protesten mitgenommen.

Welcher Teil?

Die Großstadtkinder, die geistige Elite. Sie sind erfolgreich und selbstbewusst - und können darum das System kritisieren. Der harte Kern wird natürlich nicht aufgeben – immerhin einige Tausend Menschen in ganz Russland. Sie werden sich weiterhin für mehr Demokratie einsetzen: in Bürgerprojekten, Flashmobs… Nur wird es nicht mehr um ganz Russland gehen, sondern um lokale Angelegenheiten.

Hast du manchmal Angst?

Ich persönlich nicht. Aber vielleicht stecke ich auch nicht tief genug drin. Ich habe viele Freunde, die sich noch immer engagieren. Und ihre Sicht auf die Dinge ist düster.

Welches System würdest du dir für Russland wünschen?

Wir müssen aufhören, unsere Politiker zu verehren wie Heilige. Ich bin für eine Dezentralisierung, damit das Geld, das Menschen in Sibirien verdienen, auch dort bleibt und nicht nach Moskau wandert. Ich möchte, dass die Korruption endlich eingedämmt wird. Niemand kann in unserem Land ein Business aufmachen, ohne ständig irgendwem Geld zu bezahlen. Und besonders wichtig ist für mich die Aufarbeitung des Stalinismus. Die Russen sind vergiftet von dem, was vor 60 Jahren passiert ist. In Deutschland spricht man über die Nazi-Zeit, man verarbeitet sie. Bei uns ist das alles nicht passiert. Russland braucht eine Kampagne, damit wir wieder lernen, was Menschenrechte wert sind.

Wirst du weiterhin protestieren?

Ich werde Aktivistin bleiben – aber ich muss noch viel lernen. Als nächstes will ich mich in das Thema „Gesundheitswesen“ einarbeiten und im Sommer möchte ich ein Praktikum in einem Regionalparlament beginnen, um zu sehen, wie die Verwaltung funktioniert. Um das System zu verändern müssen wir es verstehen, Experten werden. Ich will es versuchen.

Autorin: Nuriya Fatykhova; Übersetzung ins Deutsche: Alexandra Rojkov

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung ©Nastja Karimova