narinder singh international: das grosse herz des punjabs

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013

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„Das Essen ist nicht gut und die Hotelzimmer sind alle überteuert. Du solltest hier lieber nicht wohnen.“ Als mich ein hagerer Inder in grauem Tweed-Anzug und hellblauem Turban in der Kantine meiner – zugegebenermaßen erbärmlichen – Unterkunft am Busbahnhof von Chandigarh anspricht, ahne ich erst nichts Gutes.

Nach einem Monat in Lokalbussen, dreckigen Hotels und Nachtzügen habe ich gelernt, meine Privatsphäre mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Narinder Singh, der sich als „inoffizieller Touristenführer von Chandigarh, der Hauptstadt des Punjabs“ vorstellt, ist aber nicht auf belangloses Geplänkel oder meine Rupien aus: „Chandigarh ist eine interessante Stadt, aber die meisten Rucksackreisenden bekommen davon fast nichts mit, weil alles so teuer ist. Es gibt zwar beeindruckend viele Fünf-Sterne-Hotels, aber kein Backpacker Hostel!“

Selbst seit mehreren Jahren in Rente will Narinder diesem Missstand Abhilfe schaffen, indem er Reisende durch Chandigarh führt. Das Ganze kostet dabei keinen Pfennig, denn Narinder versteht seine Arbeit als touristischen Liebesdienst. Da ich sonst nichts zu tun habe und mich die vielen Artikel in der Times of India über Narinder Singh International, die dieser aus seiner großen und bis zum Rand mit Papieren gefüllten Jutetasche gezogen hat, von seiner Ungefährlichkeit überzeugt haben, lasse ich das Kantinenessen an mir vorbei gehen und mache mich mit Narinder auf den Weg. „Chandigarh ist etwas ganz Besonderes“, meint der, während wir an der Hauptstraße entlang Richtung Zentrum traben. „Die ganze Stadt ist nach Plänen von Le Corbusier erbaut. Gerichtsgebäude, Parlament, Parks und Gartenanlagen – das sieht hier alles sehr unindisch aus!“

Laddu.jpgVom Sektor 17 marschieren wir zu Sektor 22, betrachten vertrocknete Rosenbeete im Rose Garden, essen klebrig süße Linsenbällchen in der Beamtenkantine der Zentralen Stadtverwaltung und besuchen ein Gurudwara. Was nach religiöser Gehirnwäsche klingen mag, ist ein Tempel mit Hostel, in dem sich die Anhänger des Sikhismus zum Beten versammeln. Diese Religion, die im 15. Jahrhundert aus den Lehren des Guru Nanak hervor gegangen ist, zählt in Indien mehr als 22 Millionen Anhänger, die zum Großteil im Punjab leben. Erkennen kann man die männlichen Sikhs an ihren bunten Turbanen, den Dreizack ähnlichen Symbolaufklebern auf ihren Autos und an den „Fünf K's“: „Die stehen in Punjabi für kesh, kanga, katchera, kara und kirpan“, erklärt mir Narinder: „Lange Haare und Bart, ein hölzerner Haarkamm, eine besondere Unterhose, ein silberner Armreif und ein spezielles Krummschwert zur Selbstverteidigung.“

Was Europäern recht militaristisch und altmodisch vorkommen muss, ist in Indien eine ernste Angelegenheit. Da der Punjab im Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan liegt, mussten besonders die Sikhs nach der religiös motivierten Trennung der beiden Länder im Jahr 1947 unter den anschließenden Gewaltexzessen und ethnischen Säuberungen leiden. Dem Sicherheitsgefühl der religiösen Sikh-Minderheit hat diese dunkle Epoche der indischen Unabhängigkeit nicht gut getan. Der Umstand, dass Indira Gandhi, die viel geliebte und gehasste langjährige Präsidentin Indiens, 1984 von ihren Sikh Bodyguards ermordet wurde, trug ebenso wenig dazu bei, dass militaristische Image der Sikhs abzubauen oder das Verhältnis zu den Hindus zu verbessern. Der kirpan ist daher nicht nur ein seltsames religiöses Relikt, sondern auch die Garantie, sein eigenes Leben und das seiner Familie und Religionsgemeinschaft verteidigen zu können.

Le_Corbusier.jpgMittlerweile sind Narinder und ich am Obersten Gericht und dem Parlament des Punjabs angekommen und ich stelle verwundert fest, dass alle Polizisten, Soldaten und Politiker ihn ehrfurchtsvoll begrüßen. An Militär fehlt es in diesen streng im Stile von Le Corbusier gehaltenen Gebäuden nicht, denn auch hier spielten sich in den 1980er Jahren gewalttätige Auseinandersetzungen ab: „Ja, das war schlimm.“ Narinder legt die Stirn in Falten: „Ich habe das alles gesehen, von diesem Balkon aus. Damals war ich Privatsekretär des Präsidenten des Punjabs.“ Während ich mich noch wundere, wie so ein politisches Schwergewicht im Alter zum Touristenführer wurde, lacht Narinder schon wieder: „Magst du Le Corbusier? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht. Dann lass uns mal etwas essen gehen.“ Eine halbe Stunde später sitzen wir im Speisesaal eines Fünf-Sterne-Hotels – der Besitzer ist Narinders langjähriger Freund – und fallen über das Buffet her. Der Punjab ist nicht umsonst für seine Küche berühmt und überhaupt sehen die Sikhs bei Weitem besser genährt aus als ihre Hindu-Brüder. Das mag an den vielen gebratenen Hühnchenschenkeln oder an dem allgemeinen Fitnesswahn liegen: Im Punjab scheint jedes zweite Gebäude entweder ein fried chicken dhaba oder ein Fitnessstudio zu sein.

Man könnte meinen, dass Chandigarh nicht mehr als drei Touristenattraktionen zu bieten hätte, aber Narinder gerät am Nachmittag erst richtig in Fahrt: Nach einem Besuch beim Oberbürgermeister und der Erkundung des legendären Rock Garden, dessen wilde Skulpturen von Nek Chand aus Steinen und Abfall errichtet wurden, bin ich fußlahm wie eine alte Frau. Narinder hingegen trabt immer noch unermüdlich neben mir her und will für diese ausführliche Städtetour weder Geld annehmen noch sich in ein Restaurant einladen lassen. Stattdessen verschafft er mir eine Schlafstätte im Gurudwara des Sektors 22, das normalerweise keine Touristen sondern nur reisende Sikhs aufnimmt. Aber Narinder lässt auch hier seine Kontakte spielen und zehn Minuten später sitze ich mit ihm im Hof hinter der Küche und schlage mir den Bauch mit dhal (Linsen) und chapatti (Brot) voll. Wer in ein Gurudwara eingelassen wird, darf nämlich nicht nur umsonst schlafen, sondern auch essen. Als Gegenleistung wird nur eine Spende und angemessene Kleidung und Verhalten erwartet.

Bei Sonnenuntergang beginnt im Tempelgebäude der allabendliche Gottesdienst, den ich als Nicht-Sikh zwar nicht besuchen, aber trotzdem vom Hof aus verfolgen darf. Neben Gesängen und Gebeten in Punjabi stehen vor allem eine Reihe glänzender Schwerter im Mittelpunkt der Zeremonie, die so rein gar nichts mit den mir bekannten hinduistischen und muslimischen Ritualen gemein hat. Die liturgischen Gesänge einiger älterer Sikhs begleiten mich durch die ganze Nacht und als Narinder am nächsten Morgen an meine Tür klopft, frage ich mich, ob ich nicht etwas länger in Chandigarh bleiben sollte. Aber Shimla mit seinen Schnee bedeckten Bergen ist dann doch zu verlockend und ich verlasse nur wenige Stunden später auf der berühmten Great Trunk Road die Ebenen des Punjab in Richtung Himalaya.

Devant le Golden TempleIndien wäre nicht das Mutterland aller Wunder und seltsamen Zufälle, wenn diese Geschichte hier zu einem Ende käme. Mehr als ein Jahr später führen mich meine Reisen wieder in den Punjab, doch diesmal nach Amristar, in die heilige Stadt der Sikhs an der Grenze zu Pakistan. Weil die Hitze eine Erkundung der Stadt beinahe unmöglich macht, entschließe ich mich, den Nachmittag im Inneren des Goldenen Tempels zu verbringen. Im Schatten der Bogengänge beobachte ich lange Reihen von Pilgern in orangefarbenen Roben und dunkelblauen Turbanen, als mich plötzlich eine wohlbekannte Stimme aus meinen Betrachtungen reißt: „Haha! Lily! Du bist hier!“ Vor mir steht Narinder und strahlt bis über beide Ohren. Dass wir uns beide nach einem Jahr rein zufällig am gleichen Tag und zur gleichen Uhrzeit unter dem gleichen Bogengang des Goldenen Tempels nieder gelassen haben, ist einer der vielen Zufälle, die Indien für viele Europäer so magisch machen. Narinder hält sich aber nicht lange mit mystischen Spekulationen auf, sondern lädt mich in ein nahe gelegenes punjabi dhaba ein. Über kulcha (Weizenbrot) und lassi (Joghurtgetränk) ergehen wir uns in Lobgesängen auf die Küche des Punjabs. „Du kommst sicher bald wieder mal hierher, nicht?“ meint Narinder augenzwinkernd. „Ich hab dir noch so viel zu zeigen in Chandigarh!“