Nachwuchskino in Poitiers: Stimme einer Generation

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2010
Fleischfressende Socken, bunte Vogelfrauen und eine mysteriöse weiße Styroporkiste, angesiedelt in Deutschland, Polen, Frankreich und Palästina. Aus der Slowakei gesellt sich ein schwarzer Geisterhund zur Gruppe und Schweden schickt einen überdimensionalen Koffer ohne Griff.
Wenn dann noch ein kopfloser Bär auf der Suche nach seinem iPod zu dem bunten Haufen stößt, sind die Rencontres Henri Langlois, das wohl wichtigste europäische Filmfestival für junge Filmhochschulabsolventen, in Poitiers in vollem Gange.

Stanley Pickle könnte ein junger Mann wie jeder andere sein, lebte er nicht trotz seiner 20 Jahre immer noch im zuckersüßen Spielzeugpuppenhaus seiner Eltern. Erst die Bekanntschaft mit einer Vogelfrau reißt ihn aus seiner Traumwelt, die die britische Illustratorin, Kostümbildnerin und Regisseurin Vicky Mather in Stanley Pickle (England, 2010) entwirft.

Wenn der slowenische Regisseur Rok Bicek hingegen in Lov na race („Entenjagd“, Slowenien, 2009) zwei Brüder ihren Vater aus dem Gefängnis abholen lässt, dann wird schnell klar, dass dies keine vergnügliche Jagdpartie wird. Denn als der Gejagte stellt sich schon bald der Vater heraus, den seine Söhne im Moor sein eigenes Grab schaufeln lassen.

Und auch den Bären aus dem Animationsfilm Hinterland (Deutschland, 2010) zieht es aus seinem trauten Heim in den Wald, aber das nur, weil eine vorwitzige Krähe seinen iPod gestohlen hat. Die Verfolgungsjagd, die Jakob Weyde und Jost Althoff in einem permanenten Wechsel zwischen Bildern, Farben und Techniken inszenieren, entwickelt sich überraschenderweise zu einer rasanten Reise in die tierischen Abgründe des Bären...

Junge Filmemacher aus ganz Europa mit ein und derselben Passion

Schon dieser erste Blick ins Programm der Rencontres Henri Langlois macht deutlich, dass es sich hier nicht um ein gewöhnliches Filmfestival handelt. Wo sonst fände man Spiel-, Trick- und Animationsfilme aus England, Slowenien und Deutschland in einem einzigen Wettbewerb? Und wo sonst sind deren Regisseure noch so jung? Nicht umsonst firmiert das nach dem französischen Filmenthusiasten und Gründer der Cinémathèque française benannte Event auch unter dem Namen Festival international des écoles de cinéma („Internationales Festival der Filmschulen“; A.d.R.).

Die 33. Auflage der Rencontres, die vom 3. bis 12. Dezember in Poitiers stattfand, macht ihrem internationalen Ruf alle Ehre. Denn sie vereint 47 Kurzfilme aus 22 Ländern und 34 Filmschulen in einem Wettbewerbsprogramm. Auch wenn die meisten Nachwuchsregisseure wohl den französischen Titel des Festivals nur schwer aussprechen könnten, sei doch gerade die rencontre („Begegnung“) das wichtigste, meint der schwedische Regisseur Roozbeh Behtaji.

Bei den Dreharbeiten zu "London Transfer"

Roozbeh ist im Wettbewerb mit seinem Film London Transfer (Schweden, 2008) vertreten, der die Odyssee eines jungen Schweden durch das nächtliche London erzählt. Sam muss nicht nur einen kaputten Koffer mit sich herumschleppen, sondern auch noch bei jeder Gelegenheit erklären, dass er trotz seines arabisch wirkenden Äußeren kein Terrorist ist. Wie London Transfer handeln viele der Kurzfilme vom Schicksal einzelner, meist junger Menschen auf der Suche nach Identität. Der italienische Regisseur Giacomo Abbruzzese begleitet in seinem Film Archipel (Frankreich, 2010) den jungen Palästinenser Abed auf seinem Weg von Westjerusalem nach Ramallah, immer mit einer seltsamen Styroporkiste unter dem Arm, deren Inhalt so mysteriös erscheint, wie die dunklen Tunnel und engen Gassen, die Abed auf seinem Weg ins Westjordanland passiert.

Jenseits nationaler Schulen die „Stimme einer Generation“ entdecken

Sam und Abed verkörpern wohl das, was Stephen Torton „die Stimme einer Generation“ nennt. Torton, der als Künstler, Fotograf und Kameramann zwischen Paris und New York lebt, sitzt dieses Jahr in der Jury der Rencontres. Die meisten Kurzfilme spiegeln für ihn eine junge Generation von Regisseuren wider, die aus Angst, wie die Musikszene, mit der sie aufgewachsen sind, nur kommerzielle „Clips“ zu produzieren, zu traditionellen Filmtechniken zurückfinden.

Ob ein Film aus Polen, Spanien oder der Slowakei käme, sei dabei manchmal gar nicht mehr zu erkennen. Denn so etwas wie „nationale Schulen“ gäbe es kaum noch. Jetzt seien es vielmehr die Amerikaner, die „europäische“ Filme drehten, und die Litauer, die „amerikanische“ Filme machten. Vielleicht auch ein Zeichen, dass Europa weiter zusammenwächst? Darüber will Torton als Amerikaner nicht spekulieren, aber vor allem das Internet habe wohl dazu beigetragen, dass junge Filmemacher so genau wüssten, was in den Kinos der anderen Länder vor sich gehe.

33. Rencontres Henri LangloisDiese grenzenlose Kurzfilmwelt versucht der Wettbewerb abzubilden. Aber es stehen auch einige Filmreihen auf dem Programm, die einzelnen Ländern oder Weltregionen gewidmet sind. So liegt der Schwerpunkt dieses Jahr mit Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei auf dem osteuropäischen Kino. In diesem Rahmen konnten die Besucher den Animationsfilm About Socks and Love (Slowakei, 2008) von Michaela Copiková entdecken, in dem eine junge Frau gegen die Fleisch fressenden Socken ihres Geliebten kämpfen muss.

Auf die Mischung kommt es an - und Europa wächst auch im Kino zusammen

Angesichts des bunten europäischen Filmpotpourris, das die Auswahlkommission zusammengestellt hat, wird der Jury die Kürung der Preisträger wohl nicht leicht gefallen sein. Das große Los ziehen schließlich Martin Wallner und Stefan Leuchtenberg, die mit ihrem Animationsfilm A Lost and Found Box of Human Sensation (Deutschland, 2010) den Hauptpreis gewinnen. Acht weitere Preise gehen an Kurzfilme aus Polen, Rumänien, Deutschland, Slowenien, England und Frankreich. Nationale Präferenzen oder die Herausbildung einer besonders erfolgreichen „Schule“ lassen sich auch hier nicht erkennen.

Slowenische Enten, deutsche Bären und englische Vogelfrauen scheinen also gut miteinander auszukommen und auch slowakische Geisterhunde in ihren Kreis aufzunehmen. Vielleicht gibt es sie ja wirklich, die gemeinsame Stimme einer Generation junger, europäischer Filmemacher. Miteinander feiern können sie auf jeden Fall und wer weiß, ob am Ende der Rencontres Henri Langlois dank der neu gefundenen Freunde nicht eine rumänisch-italienische oder eine finnisch-polnische Koproduktion steht?

Fotos: ©A Lost and Found Box of Human Sensation; Roozbeh Behtaji (cc)LondonTransfer/Facebook