Nachhaltigkeit: Nahrung im 360-Grad-Winkel

Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2014

Ohne Zweifel ist Essen eines der wichtigsten Dinge in unserem Leben. Aber was für eine Beziehung haben wir eigentlich zu unserer Nahrung? Wie genau wissen wir, wo und wie das Zeug, das wir täglich zu uns nehmen, hergestellt wurde?

Essen ist ein Thema, das leicht vernachlässigt werden kann; wer in den Supermarkt um die Ecke geht, könnte ihn mit dem Gefühl verlassen, dass alles im Überfluss vorhanden ist. So sehr, dass vielleicht gar kein zweiter Gedanke aufkommt, wie dieses Angebot produziert wurde. Letztlich ist Essen Instinktsache. Du hast Hunger - du kaufst etwas - du isst es. Auf der anderen Seite ist Essen ein facettenreiches Thema, das nicht nur die Umwelt und unsere Gesundheit, sondern auch etwas anderes beeinflusst: unsere Fähigkeit, wirklich gutes Essen zu erkennen und zu genießen.

Aber es gibt da auch Leute, die das Thema 'Was kommt auf den Teller' intensiver betrachten - vielleicht, weil sie schockiert waren vom Mangel an Weitblick einiger Hersteller und der allgemeinen Desinformation. Seit den 1970er-Jahren wurden in Europas Landwirtschaft weitläufig Pestizide eingeführt, mit ernsten Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Auch die wuchernde Überproduktion in den 1980ern trug weiter zum Qualitätsverlust bei. Neue Bewegungen erblickten das Licht des Lebens, um eine gesündere, würde- und respektvolle Beziehung mit der Umwelt in Europa voranzutreiben. Kurz - eine nachhaltige Symbiose zwischen Mensch und Natur.

LEAF: Integrierte Landwirtschaft

Aber was genau ist denn nun Nachhaltigkeit? Glaubt man den Lehrbüchern, dann ist sie nur möglich, wenn wirtschaftliche, ökologische und soziale Verantwortung gleichzeitig aufrechterhalten wird. Eine Organisation in Großbrittannien fügt diesen drei Säulen der Nachhaltigkeit eine vierte hinzu: politische Verantwortung.

LEAF (Linking Environment and Farming, dt: Umwelt und Landwirtschaft verbinden) ist ein Gründungsmitglied der Europäischen Initiative für Nachhaltige Entwicklung in der Landwirtschaft (EISA) und begann schon 1991, integrierte Landwirtschaft voranzutreiben. Dieses System für Landwirtschaftsbetriebe is darauf angelegt, Nahrungsbedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig die verfügbaren Ressourcen effektiv und nachhaltig zu nutzen. Ziel ist es, die Lebensqualität von Landwirten und der Gesellschaft azu erhöhen. "Gleich von Anfang an war es wichtig, eine breite Palette an Organisationen in unserem LEAF-Beirat zu haben. Wir brauchen einen starken Dialog zwischen den Landwirten, Umweltschützern und der Industrie", sagt Caroline Drummond, Geschäftsführerin von LEAF. Anfangs war es nicht einfach, den Graben zwischen diesen Bereichen zu überbrücken, aber die Anstrengung lohnte sich - "Wir diskutierten weit verbreitete Irrglauben und Missverständisse auf allen Seiten und fanden praktische Lösungen"

Die Organisation konnte sicherstellen, dass nachhaltige Landwirtschaft wirtschaftlich und umweltlich vertretbar bleibt und gleichzeitig eine direkte Beziehung zwischen Kunden und Landwirten herstellen. In einer globalisierten Welt, in der oft tausende Kilometer so einer Beziehung im Wege stehen, ist das eine Notwendigkeit. Open Farm Sunday ist eine öffentliche Veranstaltung, die einmal im Jahr stattfindet und normalen Bürgern ermöglicht, auf Bauernhöfen zu erfahren, wie ihre Nahrung dort hergestellt wird. In den neun Jahren seit das Event existiert, haben mehr als 1,25 Millionen Leute teilgenommen. "Mehr als 375 Bauernhöfe öffneten 2014 mehr als 207 000 Bürgern ihre Tore ", sagt Drummond.

Slow Food: Es geht um's Genießen

Eine andere einflussreiche Organisation ist Slow Food ("langsames Essen"). Obwohl sie sich auf Europa konzentriert, hat sie weltweit mehr als 150 Mitgliedsländer. Ziel der Sache ist, ein nachhaltiges Nahrungssystem global zu fördern. Die Organisation besteht aus Ortsverbänden mit mindestens fünf Mitgliedern, nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Die Mitglieder sind Freiwillige, die sich für nachhaltige Essensalternativen durch Bauernmärkte, Aktivitäten in Schulen, gemeinsame Abendessen in der Kommune und andere öffentliche Aktivitäten einsetzen.

Der Großteil dieser Ehrenamtlichen kommt aus ganz verschiedenen Ecken. Laut Marta Messa, der Direktorin für EU-Zusammenarbeit bei Slow Food, zeigt das einen Wandel in der Denke der Leute. Die Organisation wurde in den 1980er Jahren von einer kleinen Clique in Italien gegründet und ist inzwischen weltweit bekannt für ihr Engagement.

"Wir haben mit vielen Kontroversen zu tun, weil wir Nahrung in einem 360-Grad Winkel betrachten. Wir leisten Aufbauarbeit, um das Bewusstsein für genetisch veränderte Organismen (GMO) bei Bürgern und Produzenten zu erhöhen. Wir zeigen, warum GMO vom ökologischen, sozialen, ethischen und mentalen Standpunkt her keine gute Idee sind", sagt Messa.

Andere Probleme sind Essensverschwendung und land grabbing (Landergreifung). "Landgrabbing ist ein Phänomen, bei dem multinationale Firmen hunderte Hektar Land aufkaufen, insbesondere in Ländern, wo es keine starken nationalen Richtlinien für Landbesitz und die Aneignung von Land gibt." Diese Unternehmen stellen normalerweise Exportgüter her, zum Beispiel zur Produktion von Biotreibstoff oder Futtermittel für die Massentierhaltung. Das drängt die Anwohner an den Rand, die am Ende untereinander um ihre Rohstoffe kämpfen müssen. Deshalb hat Slow Food ein "Geschichtslabel" ("narrative label") eingeführt, das dem Konsumenten den gesamten Produktionsvorgang zeigt. "Wir wollen kein verpflichtendes Label, schlagen es aber als Alternative for.

Stell dir vor, du hast ein Stück Käse in der Hand. Du weißt, was für eine Milch zu seiner Produktion verwendet wurde, wo die Kuh aufgezogen wurde, was sie gegessen hat, wie viel Platz sie hatte und wie der Käse bearbeitet wurde. Es ist wirklich eine Art schwarz-weiß Geschichte über das Produkt." Das würde dem Endverbraucher auch zeigen, ob umstrittene Produktionsmethoden benutzt wurden. Aber warum ist es eigentlich wichtig, zu wissen, was man isst? "Naja, es geht um den Genuss", sagt Messa. "Das ist vielleicht etwas schwierig zu verstehen, aber in unserer Erfahrung hat es funktioniert. Es geht um die geteilte Erfahrung, den Genuss von hochwertigem Essen mit einem Einsatz für die Umwelt und die Allgemeinheit zu verbinden. Die Geselligkeit von Essen und die Freude am Zusammensein."

Genießen in den Genen

Sicher kann man behaupten, dass es ziemlich elitär ist, hochwertige und nachhaltige Nahrung zu bevorzugen. Immerhin können sich das eher Leute mit großer Kaufkraft leisten. Wenn wir aber Messa glauben, dann liegt uns das Genießen in den Genen. Selbst in den ärmsten Gegenden der Welt gibt es jahrtausendealte kulinarische Traditionen, die alle auf lokal angebauten Produkten beruhen. Falls unsere Fähigkeit, leckeres und gutes Essen zu erkennen, so tief wie der Instinkt zur Nahrungsaufnahme verankert ist, dann sollten wir uns bemühen, eine Beziehung zu unserer Nahrung aufzubauen. Immerhin hilft das nicht nur unserem Verhältnis zu Tradition und den Menschen, die das Land bestellen - sondern auch dem zur Umwelt selbst.