Nachhaltiger leben in 'Transition Town' Paris

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2011
Paris hat mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten in Europa, einem Mangel an Wohnungen und Nahrungsreserven von lediglich vier Tagen wenig zu bieten. Sie ist die ideale Stadt, um das Prinzip "Transition Town" zu testen. aber einfach ist das noch lange nicht: Ein junger Deutscher macht sich auf den Weg diese Lebensphilosophie den Parisern zu erklären.

Im Wandel: Zwischen Permakultur und Resilienz

„Versuche dir vorzustellen, dass dir nur die Hälfte an Energie zur Verfügung steht, die du täglich verbrauchst. Versuche dir vorzustellen nur die Hälfte an Öl zu haben, das wir tagtäglich verbrauchen. Versuche dir konkrete Lösungen für ein kleines Provinzdörfchen vorzustellen, welches gezwungen ist, dieser Situation Herr zu werden.“ Genau so begann 2005 die Geschichte der so genannten 'Transition' [engl. für Übergang; A.d.R.]. Rob Hopkins, ein junger Lehrer der Permakultur, nahm sich - gemeinsam mit seinen Studenten am Kinsale Further Education College - der Aufgabe an. Permakultur ist eine landwirtschaftliche Technik, die auf nachhaltige Kreisläufe und die Schaffung einer ökologisch überzeugten Gesellschaft abzielt. Hopkins wollte zeigen, dass es Lösungen gibt, aber vor allem, dass die Entwicklung der Resilienz [ein psychologisches Phänomen, was für ein traumatisiertes Individuum darin besteht, nicht mehr in Depressionen zu leben] einer kleinen Gemeinschaft möglich ist. Resilienz bedeutet die Möglichkeit sich mit einfachen individuellen Aktionen schnell an Veränderungen in der Umwelt anpassen zu können.

Die Erfahrung war ein Erfolg. Hopkins skizzierte erste Punkte, die den Wandel darstellen sollten, und zeigte sie in einem so genannten Energy Descent Action Plan (Energiereduktionsplan) auf. Die Theorie wurde schnell in die Praxis umgesetzt: Totnes, im Süden Englands, war 2006 die erste Gemeinschaft, die entschloss der Roadmap Hopkins‘ zu folgen, indem sie zur ersten Transition Town [Stadt im Wandel] wurde. Die Idee fand auch außerhalb Englands schnell Gefallen. 2008 zählte man bereits mehr als 50 Transition Towns weltweit.

Kopf, Hand und Herz: die Transition erobert Paris

Aber auch wenn die Idee der Transition in kleinen, provinziellen Gemeinschaften funktioniert hat, wie bekommt man sie nun in die großen, modernen Metropolen? Die französische Hauptstadt war eine der ersten Großstädte, die diese Herausforderung angenommen hat. Mit ihren 2,2 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von etwas mehr als 100 Quadratkilometern, ist Paris die dicht besiedeltste Stadt Europas. Platz ist ein seltenes Gut in der Lichterstadt, in der die Quadratmeterpreise stetig steigen. 

Ralph Böhlke ist der Sprecher der Transition Town-Bewegung in Paris. Der Deutsche lebt seit mehreren Jahren in Frankreich, wo er Kongresse und Treffen zum Thema des Wandels organisiert. „Ich habe das Konzept vor zwei Jahren entdeckt. Ich engagiere mich auch aktiv gegen die Globalisierung. Deshalb hat mich auch die Transition positiv angesprochen. So kann man selbst in Paris Lösungen in Betracht ziehen, in einer Stadt, wo im Gegenteil zu Berlin oder London, totaler Platzmangel herrscht. Die Transition bietet keine fertigen Lösungen, zeigt aber auf, wo man sich nach Innovationen erkundigen kann“, erklärt Ralph.

Aber wie schafft man es einen Lebensstil „im Wandel“ mit Arbeit und Familie zu kombinieren? „Im Gegensatz zur Politik, die Lösungen auf nationaler Ebene sucht, geht die Transition in lokale und persönliche Bereiche. Die Menschen um uns herum werden einfach mit einbezogen: Familie, Freunde und unser Arbeitsumfeld. Paris ist eine sehr individualistische Stadt – eine Stadt, in der Menschen nicht miteinander sprechen. Der Wandel ermöglicht die Tür seines Nachbars zu öffnen, um zusammen eine Lösung für konkrete Alltagsprobleme zu finden. Transition ist eine Einstellung. Auch wenn es ein Handbuch gibt, das den Werdegang des Phänomens schildert [Rob Hopkins Energiewende - Das Handbuch, A.d.R.], bestehen keinerlei Zwänge.

Paris = Resilienz: ein Widerspruch?

„Das Grundkonzept der Transition ist die 'Resilienz'. 2010, während des isländischen Vulkanausbruchs, konnte ich das konkret miterleben. Das Ereignis war tausende von Kilometer entfernt und trotzdem hielt es mich davon ab das Flugzeug zu nehmen. Das Beispiel demonstriert unsere Abhängigkeit von einem Mechanismus, der größer ist als wir. Wenn wir die Fragen der Ölabhängigkeit einen Moment bei Seite legen, wird uns klar, dass endlose Faktoren den Mechanismus behindern können. Vor zwei Jahren beispielsweise war Paris völlig unvorbereitet auf die, durch einen LKW-Fahrerstreik hervorgerufene, komplizierte alltägliche Lebensmittelzufuhr. Das hat gezeigt, dass Paris ohne kontinuierliche Versorgung lediglich vier Tage lang autonom über Lebensmittel verfügt. Es ist erschütternd einsehen zu müssen, wie eine lächerliche Sache, wie Streiks, in der Lage ist, eine große Metropole in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Was wird bei einem noch bedeutenderen unvorhersehbaren Zwischenfall passieren, wenn es nicht einmal Pläne für die Bewältigung kleinerer Probleme gibt?“

Aber wo fängt man genau an? „Bei den einfachsten Dingen, wie einem kleinen städtischen Garten zum Beispiel. Hier muss angesetzt werden, um die Denkweise der Leute zu ändern. Selbst wenn du in diesem Gemüsebeet nicht alles erntest, was du brauchst, kannst du es deinen Freunden zeigen und sie überzeugen dir nachzueifern“, so Böhlke.

Gemeinschaftsgärten im Herzen von Paris

Im Herzen von Paris befindet sich bereits eine dieser Grünoasen. Versteckt hinter einem Tor im 15. Arrondissement, inmitten von Gebäuden, liegt ein kleiner Community-Garten. Der Besitzer, ein ehemaliger Pariser, hat sich dazu entschlossen, ihn umsonst einer Gruppe von Transition Town-Anhängern abzutreten. „Wir sind kein Verein, lediglich Bürger, die nachhaltiger in der Großstadt leben wollen. Etwa 15 Leuten ackern gemeinsam auf dem Gemüsebeet herum und bemühen sich täglich um Produktivität“, erklärt mir Corinna, eine der Hobbygärtnerinnen. "Das lief bereits seit einem Jahr an. Dann hat sich die Gelegenheit geboten diesen Garten zu übernehmen und zu kultivieren. Es macht uns Spaß etwas konkretes zu machen und die Früchte unserer Arbeit sind sichtbar.“

Die Ergebnisse können sich tatsächlich sehen lassen: Corinna zeigt mir frische Salatköpfe, Tomaten und die ersten Erdbeeren des Jahres. „Wir sind noch weit von einer unabhängigen Ernährung entfernt. Es ist nur ein Anfang, aber es ist eben auch eine Art zu lernen unsere Freizeit mit Familie und Freunden zu teilen.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Green Europe on the ground 2010/ 2011.

Fotos: Homepage ©Thomas Leplus/flickr; Im Text ©Giacomo Rosso; Video (cc)MilpaFilm/YouTube