Nach Paris und Brüssel: Das Ende meiner Sorglosigkeit

Artikel veröffentlicht am 29. März 2016
Artikel veröffentlicht am 29. März 2016

[Kommentar] Vor 15 Jahren waren Terroranschläge für Anthony weit weg, etwas, das nur woanders passieren konnte. Seit am letzten Dienstag tödliche Anschläge seine Heimatstadt Brüssel trafen, wird er das Gefühl nicht mehr los, dass der Terror immer näher kommt.

Ich erinnere mich an den Nachmittag des 11. September 2001. Das Fußballtraining ist vorbei und die Fernsehbildschirme der ganzen Welt zeigen immer wieder die gleichen Bilder: im Herzen New Yorks stürzen die Twin Towers des World Trade Center ein. Im zarten Alter von 11 Jahren verstehe ich nicht wirklich, was vor sich geht. Ich klemme mir einfach den Fußball unter den Arm und renne zurück aufs Spielfeld in Saint-Josse, mitten in Brüssel. Soweit ich mich erinnere, ist es das erste Mal, dass ich von „Terroranschlägen“ höre. Leider wird es nicht das letzte Mal sein. Madrid, London … es macht mich wahnsinnig traurig, aber in Wahrheit sage ich einfach: „Das ist kilometerweit weg, nicht?“ So ist jugendliche Sorglosigkeit.

Der 13. November 2015. Diesmal ist es anders. Ich bin frisch in Paris angekommen und kann nur machtlos zusehen, wie die Terroranschläge mein neues Zuhause treffen. Ich bin mit Freunden in der Stadt unterwegs, alles geht so schnell. Eine Eilmeldung nach dem Fußballspiel: „Schießereien im Zentrum von Paris“. Jemand will in der Nähe Schüsse gehört haben. Schnell leeren sich die Straßen, es herrscht Panik.Wir gehen direkt in die Wohnung von Matthieu, nur wenige Minuten von der Bar entfernt. Der Fernseher läuft, niemand sagt etwas. Mein Telefon hört nicht auf zu klingeln, während ich mir Mühe gebe, meine Freunde und Familie zuhause in Brüssel zu beruhigen. Alle meine Pariser Freunde sind zusammen auf diesen engen 40 Quadratmetern. Ich sehe, wie sie leiden. Trotz des Horrors bekommen wir nach und nach Nachrichten, dass Freunde und Bekannte in Sicherheit sind. Ich stehe unter Schock, aber irgendwie geht es trotzdem weiter. Doch meine Sorglosigkeit hat an diesem Tag etwas abbekommen. Wenn auch nur ein bisschen.

Der 22. März 2016. Wie jeden Morgen genieße ich den Ausblick über die Pariser Skyline aus dem Badfenster. Es ist ein wunderschöner Tag, er fängt gut an. Aber vielleicht auch nicht. Mein kleiner Bruder Elliot sagt, es hätte zwei Explosionen am Zaventem Flughafen in Brüssel gegeben. Meine Mutter weint am Telefon, sie wurde von dem Lärm einer Explosion geweckt und kann vom Haus aus Rauch sehen. Wir wohnen einen Kilometer vom Flughafen entfernt. Mein Stresslevel steigt. Ich denke an eine Freundin, die bald ein Flugzeug besteigen soll. Ich weiß nicht genau, wann sie fliegt, aber plötzlich bin ich besorgt. Es stellt sich heraus, dass sie erst nächste Woche abhebt. Erstes Aufatmen.

In der Redaktion ist es hektisch. Nachrichten kommen an und werden versendet. Laurence schreibt mir aus Istanbul: „Antho, unser Zuhause...“ Ich versuche, sie zu beruhigen, aber ich kann hinter meinem Bildschirm nicht viel ausrichten. Brüssel ist meine Gegend, Maelbeek meine U-Bahnstation. Ich habe dort acht Jahre verbracht, an der Uni und später bei der Arbeit. Coline erzählt mir, dass sie durch die U-Bahn gegangen ist, neun Minuten, bevor die Rauchwolken hochgingen. Das gleiche von Borja: seine Freundin war genau in der Bahn vor der, die explodierte. Auf Arbeit gehen die Meetings weiter, aber ich bin nur halbherzig dabei. Ich mache trotzdem ein tapferes Gesicht. Das Lächeln ist Fassade. Ich tue so, als würde ich arbeiten, aber ich frage alle, die ich kenne, ob sie in Sicherheit sind. Die Antwort ist: Ja. Zweites Aufatmen.

 Was für ein Scheißtag

Zurück in die Wohnung zu kommen ist schwierig. Meine Bahn hält zwischen Strasbourg Saint-Denis und République an. Die Lichter gehen aus. Totenstille. Es ist unmöglich, nicht das Schlimmste zu denken. Glücklicherweise ist es nur eine technische Störung. Aber ich kann die Fragen in meinem Kopf nicht stoppen: Wer oder was könnte Menschen das Recht geben, so etwas zu tun? So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann es nicht verstehen. Was für ein Scheißtag.

Die Anrufe aus Belgien kommen weiterhin, ohne mir wirklich zu helfen. Das Gleiche gilt für den Wein und die Zigaretten, die ich auf dem Heimweg dummerweise kaufe. Ich brauche ein Ventil, aber das Fußballfeld meiner Jugend ist 300 Kilometer von Paris entfernt. In mir nagt der Wunsch, etwas zu schreiben. Eine Art Reaktion zu formulieren ist doch sicher das Naheliegendste? Wie meine journalistischen Kollegen, die vor nur ein paar Monaten die gleiche Leere gefüllt haben. Ich bin kein Journalist, aber irgendwie musste ich zu einem werden. Für jeden, der seine Wut, seine Verständnislosigkeit und seine Trauer über die Ereignisse von heute mit mir geteilt hat. Für Elliot, Coline, Sarah, Laurence, Costa und all die anderen.

Nach Paris und Brüssel habe ich definitiv die Sorglosigkeit verloren, mit der ich als Kind direkt nach der Nachricht auf das Spielfeld gehen konnte. Wenn ich heute zurück in die Vergangenheit blicke, habe ich das beunruhigende Gefühl, dass diese Ereignisse - die früher so weit entfernt waren - immer näher rücken.