My Own Private Mauerfall

Artikel veröffentlicht am 4. November 2014
Artikel veröffentlicht am 4. November 2014

Die Wende - das ist Freiheit, Triumph des Volkes, große Emotionen. Oder so ähnlich. Wer in Deutschland vom Mauerfall redet, gleitet gern ins Pathetische, Welthistorische ab. Die meisten haben ihn erlebt, ziemlich viele aber auch nicht. Was soll man als junger Mensch über den Mauerfall denken? Und muss man da, nur weil man deutsch ist, irgendwas fühlen?

Grelle Lichter, ein Bagger, verblichene Farben und ein schwummeriges Brandenburger Tor bei Nacht: Die meisten von uns haben das berühmte Video vom Berliner Mauerfall gesehen. Während ein Bagger meterhohe Betonplatten herunterreißt und die Straßenlaternen unwirklich blinken, drängeln sich überall Menschen in seltsamen Klamotten und Vokuhilas. Die Menge wabert mal nach rechts, mal nach links, bis die ersten schließlich durch ein Loch zwischen den Betonplatten auf die andere Seite klettern. Die Mauer ist gefallen, eine ganze Nation hebt zu Jauchzen an und liegt sich weinend in den Armen. Ein historischer Moment, das friedliche Ende von Diktatur, Kommunismus und Menschenfeindlichkeit. Ein Neubeginn für Deutschland, ja für ganz Europa.

Die wichtigsten Szenen des Mauerfalls: Bagger bei Minute 00:45. Vokuhilas überall. 

Zum Jahrestag des Mauerfalls werden in Deutschland jährlich neue Pathoswettbewerbe ausgeschrieben. Angesichts der historischen Bedeutung des 9. Novembers 1989 scheint das auch irgendwie angebracht. Doch egal wie wortgewaltig die Metaphern - bei vielen jungen Menschen wirkt das einfach nicht so richtig. Am Tag des Mauerfalls war ich drei Jahre alt und erinnere mich dementsprechend an nichts. Ich weiß allerdings noch genau, wie ich im Geschichtsunterricht in der Schule das erste Mal das Mauerfallvideo sah und mir, ganz die brave Schülerin, die Tränen in die Augen stiegen. Ein kurzer Moment der Rührseligkeit, dann ging es weiter mit den praktischen Aspekten der Wiedervereinigung. Wenn ich ehrlich bin, haben sich mir damals vor allem die peinlichen Pullover und die seltsamen Haarfrisuren eingeprägt. Und in den nächsten zehn Jahren dachte ich nicht weiter über den Mauerfall nach.

Der Mauerfall? Nicht so wichtig

Natürlich kannte ich alle Fakten, hatte auch meine Eltern nach ihren Erinnerungen gefragt und den Zusammenhang des Mauerfalls mit der Perestroika-Politik Michail Gorbatschows verstanden. Wichtig erschien das alles, nur interessierte es mich nicht besonders. Zwischen Frankreich, Asien und Australien war es für mich schwer genug zu definieren, wie deutsch ich eigentlich war. Der Mauerfall spielte dabei keine Rolle. Natürlich wollten viele mit mir über Deutschland sprechen, aber dann ging es meist um Hitler. Den Holocaust. Wie man sich da als Deutsche so fühlt. Und natürlich Berlin. Die geilste Stadt überhaupt! Eigentlich ist Deutschland ja eh ganz cool. Aber der Mauerfall? Nicht so wichtig.

Meine Eltern hatten so einiges zur Wende zu sagen, obwohl sie den Mauerfall im tiefsten Niederbayern beinahe verpasst hätten. Als "gestresste Eltern mit vielfach perforierter Nachtruhe", wie mein Vater gerne betonte, blieb nicht viel Zeit für die Auseinandersetzung mit dem Tagesgeschehen. Außerdem hatten sie damals keinen Fernseher und konnten das schwummerige Brandenburger Tor mit Bagger und Vokuhilas gar nicht sehen. Die Nachrichten im Radio und der Zeitung seien ihnen eher "unwirklich" und "märchenhaft" vorgekommen. Trotzdem erinnert sich mein Vater an die euphorischen ersten Tage, die ungezügelte Freude eines Volkes, das endlich wieder zueinander gefunden hatte: "Und eines Tages stand plötzlich ein Teil der Mauer in der Altstadt, von dem man sich gegen einen Obolus etwas mit einem Vorschlaghammer abschlagen und als Souvenir mitnehmen konnte." Das habe er getan, doch wo das Stück heute sei, wisse er nicht genau.

Ein unwirkliches Riesenereignis

Ebenso "unwirklich" erschien der Mauerfall auch mir lange Zeit. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich pünktlich zum 25. Jahrestag zurück nach Deutschland und dann auch noch nach Berlin gekommen bin. Als ich meine Vermieterin, die in Ostberlin mit der Mauer aufgewachsen ist, nach dem 9. November 1989 fragte, erzählte sie stundenlang. Wie sie, als die Grenze offen war, geheult und mit ihrem Mann eine Flasche Rotwein geleert habe. Dass ihr kleiner Sohn an diesem Abend Fieber hatte und sie erst Tage später nach West-Berlin gefahren sei. Wie sie sich über das Begrüßungsgeld und die kostenlose Benutzung der Verkehrsmittel gefreut hätten, aber wie schrecklich sie die Graffitis und Plakate gefunden habe. "Für uns war das unvorstellbar. In einer Diktatur bleibt ja immer alles gleich. Jede kleinste Veränderung ist ein Riesenereignis." Der Mauerfall war da nicht nur ein Riesenereignis, sondern eher ein Megahyperriesenereignis.

Irgendwann sah ich mir dann auch das Video mit dem schwummerigen Bagger im Museum an der Bernauer Straße an. Und plötzlich hat mich die Bedeutung des Ereignisses ganz einfach umgehauen. Seitdem schleife ich alle meine ausländischen Freunde an diesen Mauerabschnitt, weit weg von den Partytouristen an der East Side Gallery, und zwinge sie, sich die Kurzfilme über die DDR und die Mauer anzusehen. Was genau ich da jedes Mal fühle, weiß ich immer noch nicht so recht. Aber der Mauerfall ist mir auf jeden Fall nicht mehr egal. Ohne Berlin wäre das sicher nicht passiert - aber auch nicht ohne die vielen Menschen, die ich seitdem dazu befragt habe. Gerade weil ich nicht dabei war, finde ich die Wende mittlerweile so spannend. Schließlich gibt es in der Weltgeschichte, die sich fast ausschließlich an Kriegen und Katastrophen orientiert, nicht gerade viele friedliche Revolutionen.

Für tiefschürfende Reden und erinnerungsschwangere Gedenkveranstaltungen reicht das wohl nicht. Auch ist mir Pathos eher fremd. Im Zusammenhang mit dem Mauerfall scheint mir das Ganze aber fast gerechtfertigt - auch wenn ich mich regelmäßig über langweilige Jubiläumsveranstaltungen und die Verlogenheit mancher Architekten der Wende aufrege. Deswegen werde ich auch nicht müde, meinen Freunden aus England, Australien, Indien und Italien das schwummerige Brandenburger Tor mit den wabernden Menschenmassen zu zeigen. Die seltsamen Vokuhilas sind mittlerweile nur noch ein Detail. Wenn auch ein lustiges.

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!