Museum, Pilgerstätte oder Supermarkt: Braunau am Inn

Artikel veröffentlicht am 14. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 14. Juli 2016

5000 Euro monatlich kostete das leerstehende, gelbliche Haus in Braunau am Inn die Republik Österreich – und das seit Jahren. Um zu verhindern, dass der Ort zur Pilgerstätte für Neonazis und Rechtsextreme wird, hatte der Staat das Geburtshaus Adolf Hitlers kurzerhand gemietet. Jetzt soll es enteignet werden. Und dann? 

Die Streitigkeiten um das ansonsten eher unscheinbare Gebäude dauern schon länger an: Die Angst, eine Pilgerstätte für Rechtsextreme zu schaffen ist groß. Die Meinungen, was damit passieren soll, gehen aber auseinander. Vorläufig scheinen die größten Hindernisse überwunden. Lange hatte sich die Vermieterin allen Vorschlägen verweigert, nicht einmal eine schlichte Tafel durfte angebracht werden, Kaufangebote schlug sie aus. Am 12. Juli entschied sich der Ministerrat letztendlich für eine Enteignung. Das entsprechende Gesetz muss noch im Parlament beschlossen werden. Damit ist der erste Schritt genommen, doch es sieht nicht so aus, als würde es leichter werden. 

Das Gebäude in der oberösterreichischen Kleinstadt stammt aus dem 17. Jahrhundert und steht - daher auch die aktuellen Schwierigkeiten - unter Denkmalschutz. Es daraus auszunehmen ist über Umwege zwar möglich, ein Erfolg schwer absehbar. Selbst in diesem Falle ist unklar, was geschehen solll: Nachdem ein baldiger Abriss nicht in Frage kommt, sind die Optionen eingeschränkt. Die ÖVP wünscht sich – genauso wie das Österreichische Komitee des Internationalen Rats für Denkmalpflege (kurz ICOMOS) – eine Musealisierung im Sinne der Aufarbeitung. Eine Liquidation des Gebäudes und damit die Tilgung des materiellen Trägers von Gedächtnis und Geschichte stelle eine „fatale Fehlleistung“ dar, sagte Icomos-Präsident Wilfried Lipp der Tageszeitung Presse, nachdem zunächst vonseiten des Innenministers eine Schleifung in Aussicht gestellt worden war. 

Völlig anders sieht das das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (kurz DÖW). Leiter Gerhard Baumgartner sprach im Interview mit Ö1 darüber, dass „der Verlust des Hauses für die Gedenkkultur in Österreich ein minimaler“ sei, dass das DÖW aber eine Entpolitisierung  des Ortes fordere. Dem Haus sei schon zu viel der Ehre erwiesen worden, doch sei das Interesse der Republik an dem Gebäude durchaus gerechtfertigt. Baumgartner spielt damit auf die Besuche Rechtsextremes aus ganz Europa an, die sich immer wieder dort blicken lassen. Ob ein Museum das lösen könne, davon ist der Leiter des DÖWs nicht überzeugt: „Wenn man das verhindern will, muss man diesen Platz völlig entpolitisieren. Man muss dort etwas hinstellen, vor dem sich niemand wirklich fotografieren lassen will, etwas, das nichts mit der historischen Anekdote zu tun hat, dass Hitler dort geboren ist.“