Multimediales Lobbying für die Kosovo-Serben

Artikel veröffentlicht am 21. Juli 2006
Artikel veröffentlicht am 21. Juli 2006

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Eine proserbische Denkfabrik hat eine CD-ROM erarbeitet, die mit moderaten Argumenten für die serbische Position im Kosovo-Konflikt wirbt. Pädagogik oder Propaganda?

Die Verhandlungen über den Status des Kosovo treten seit Februar 2006 auf der Stelle. Nicht länger als ein Jahr haben dagegen drei Forscher benötigt, um eine CD-ROM zu veröffentlichen, die den Titel trägt Kosovo 2006: the making of a compromise („Kosovo 2006: Wie ein Kompromiss erreicht werden kann“). Das Deckblatt der CD zeigt ein rissiges Ei. Es sitzt in einem Eierbecher, den jeweils zur Hälfte die albanische und die serbische Flagge schmücken. Die CD-ROM, herausgegeben in Englisch, wurde unter der Schirmherrschaft der Denkfabrik Institut 4S entwickelt, die die serbische Integration befürwortet. Sie teilt sich in drei Teile: der erste erklärt die Geschichte bis 1999; der zweite stellt die Situation im Kosovo unter der Herrschaft der Vereinten Nationen dar; der letzte analysiert die Perspektiven für den zukünftigen Status der Region, und plädiert dabei für eine Rückkehr zur Autonomie innerhalb des serbischen Staates, nicht zur vollständigen Unabhängigkeit.

Trotz ihres jungen Alters sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Projekts, die in Brüssel und Serbien sitzen, keine Unbekannten. Aleksandar Mitic, Direktor des Projekts, war während des Nato-Bombardements 1999 im Kosovo der einzig verbliebene Korrespondent der französischen Presseagentur AFP. Sein Bruder Boris Mitic, ehemals Journalist, sammelt als brillanter Regisseur fleißig Preise bei Filmfestivals.

Gute Miene zum bösen Spiel

Aleksandar Mitic macht keinen Hehl daraus, dass die CD-ROM eher pro-serbisch ist. „Das ist keine neutrale Enzyklopädie. Die Kosovo-Albaner werden sicher einige unserer Argumente ablehnen.“ Es geht darum, die serbischen Argumente für einen Autonomie des Kosovo zu präsentieren, im Lichte der serbischen Geschichte und kollektiven Gedächtnisses.

In der CD wird behauptet, dass 120 000 Kosovo-Serben in Ghetto-ähnlichen Vierteln hausen und täglich drangsaliert würden. Nach Darstellung der Autoren werden Kinder, Priester oder Passagiere der öffentlichen Verkehrsmittel werden ständig von Militäreskorten begleitet. Die Mitics sind sicher, dass eine Unabhängigkeit des Kosovos die Büchse der Pandora öffnen und neuen Konflikten in entfernten Regionen wie dem Kaukasus den Weg ebnen würde. Russland könnte dann die Assimilation von Abchasien, Südossetien, Transnistrien und Teilen des Kaukasus legitimieren. Gleichzeitig könnte Russland gezwungen werden, Tschetschenien, Dagestan oder andere mehrheitlich islamische Regionen abgeben.

Das Projekt ist ein strategisches: Es wird nicht nur auf der Homepage des Instituts 4S veröffentlicht, sondern als Arbeitswerkzeug den wichtigsten Politikern der Kosovo-Verhandlungen in die Hand gedrückt. Es ist eine Art multimediales Lobbying und zeugt damit auch vom Willen der Serben, in den Verhandlungen über den endgültigen Status des Kosovo, der im Februar 2006 angestoßen wurde, Gehör und Einfluss zu finden.

Manche werden in dieser Initiative dennoch eine Form der Propaganda, oder, angesichts der derzeitigen Krise, eine Provokation sehen. Ihre Urheber verteidigen sich, indem sie den informativen und pädagogischen Aspekt der CD-ROM hervorheben.

Unverstandene Serben?

Aleksandar Mitic glaubt, dass die Serben in Sachen Eigenwerbung nicht gerade bewandert sind und es nicht vermocht haben, überzeugende Argumente darzulegen. Das bestätigt Nicholas Whyte, Leiter der Europa-Abteilung der NGO International Crisis Group. Er besucht derzeit den Kosovo und geht davon aus, dass die Argumente aus Belgrad den Kosovo-Albanern nicht dabei helfen, die positiven Effekte einer Reintegration in den serbischen Staat ins Auge zu fassen.

Die Initiative der CD-ROM will das Gleichgewicht zwischen albanischen und serbischen Interessen des Kosovo wieder herstellen, indem sie den serbischen Vertretern moderate, pro-serbische Argumente verschafft. Darüber hinaus hoffen die Initatoren, dass das Projekt es der serbischen Bevölkerung erlaubt, sich der Debatte auf praxisnahe Weise zu nähern.

Die Zukunft wird zeigen, ob diese Initiative nicht ein wenig spät gekommen ist. Zwar unterstreicht Slobodan Samardzic, Mitglied der serbischen Verhandlungsmannschaft und Berater des serbischen Premierministers Vojislav Kostunica, die Kompromissbereitschaft der Serben. Dennoch halten viele die Perspektive eines unabhängigen Kosovo für immer wahrscheinlicher. „In Serbien sollen die Politiker die Nachricht verbreiten, dass das Land sich auf die Möglichkeit eines unabhängigen Kosovo einstellen müsse“ sagt Jan Marinus Wiersma, Europaabgeordneter und Mitglied des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten. Vielleicht kann diese CD dennoch die Debatte anregen.