Multimediale Orientierungslosigkeit auf den Rencontres Internationales Paris/Berlin/Madrid

Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2010

Kunstperformances sollen elektrisierend sein, schnell, online und multimedial. Wer aber denkt, dass elektronische Geräuschverwirrung, Lichtershows und wirre Kleinstpoesie genug Cyberspektakel sind, um den Besuchern Kunstgenuss 2.0 vorzugaukeln, hat sich getäuscht. Warum multimedial nicht immer mehr ist.

Der Palais de Tokyo ist als Wallfahrtsort der Anhänger von moderner Kunst und Design zwar für schräge Werkschauen und verrückte Installationen bekannt, aber seine Besucher sind doch nicht immer auf die künstlerischen Kapriolen gefasst, die die Kuratoren mit den von ihnen eingeladenen Künstlern schlagen. So hat sich am 30. November eine nicht geringe Zahl kunstinteressierter Pariser in eine Multimediaperformance gewagt, die als Neuinterpretation des Stücks Variation VII des US-amerikanischen Komponisten John Cage mithilfe moderner Kommunikationsmittel angekündigt wurde. Die vier Künstler Atau Tanaka, Matt Wand und das Duo :zoviet-france: bemühen dementsprechend alle denkbaren elektronischen Geräte, von Fernseher und Radio bis zu Mikrofon und Handy, um den radiowellengetränkten und daher potentiell musikalischen Raum um uns herum hörbar zu machen. Wild flackernde Scheinwerfer komplettieren das Bild der vier an ihren Mischpulten agierenden Künstler und verwandeln Cages Oeuvre in einen philosophisch-psychedelischen Trip in Graustufen. So grandios die einstündige Performance auch sein mag - das Publikum weiß es nicht zu danken und verlässt, je intensiver die Geräuschkulisse wird, hastig den Raum.

Eben dies scheint auch das Problem des Festivals, in dessen Rahmen die Performance stattfindet. Les Rencontres Internationales Paris/Berlin/Madrid haben ein zu ehrgeizig modernes Programm, als dass es dem durchschnittlichen Pariser Ausstellungsbesucher zusagen könnte. Das Festival, dessen Kuratoren es sich seit 1997 zur Aufgabe gemacht haben, in Paris, Berlin und Madrid die Auseinandersetzung mit moderner Film- und Videokunst zu fördern, vereint in diesem Jahr 150 Werke von Künstlern aus mehr als 60 Ländern an verschiedenen Aufführungsorten und will auf diese Weise das Nachdenken über die moderne Bildkultur befördern. Neben der Ausstellung RE:MADE im Centre Pompidou stehen auch Diskussionsrunden, Multimediainstallationen, Kurzfilmreihen und Werkschauen der Regisseure Pere Portabella, Pedro Costa und Antoni Muntadas auf dem Programm. Während viele dieser Zusammenstellungen allerdings etwas willkürlich erscheinen, lassen sich doch hin und wieder wahre Perlen entdecken. Diese scheinen umso interesanter angesichts der zahlreichen disparaten Beiträge, bei deren Anblick man sich leise fragt, wie sie es überhaupt in das Festivalprogramm geschafft haben.

So ist der spanische Künstler Manuel Saiz in der Ausstellung RE:MADE mit seinem Video Sic transit (2009) vertreten, für das er befreundete Künstler auf seine Kamera zulaufen und im Zustand körperlicher Erregung philosophische Texte in ihrer jeweiligen Muttersprache rezitieren lässt. Die poetischen Porträts entlang des abendlich blauen Tibers sind nicht nur wunderschön, sondern verbinden auf gekonnte Weise Poesie und Fotografie zwischen Licht und Schatten. Auch das Internetprojekt Les lois de la non conservation (Frankreich, 2010) von Christophe Bruno, der 2002 das Fantasiewort „sorgoine“ erfandt und seitdem seine Verbreitung im Internet verfolgt, fasziniert durch die scheinbare Leichtigkeit, mit der scheinbar sinnlose Worte kreiert und durch das Internet verbreitet werden.

Die meisten Kurzfilme, die das Festival am 26. November eröffnen, enttäuschen aber. Nur Almagul Menlibaeva Menlibayeva vermag mit ihrem Film Milk for Lambs (Kasachstan, 2010), eine teils surrealistische teils dokumentarfilmische Hommage an die animistischen Praktiken kasachischer Steppenvölker, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Auch Xenia Lesniewskis Animationsfilm Remisequenz (Deutschland, 2010) und Erwin Olafs verstörender Kurzfilm Dusk and Dawn (Niederlande, 2009) heben sich von dem restlichen Programm durch ihre besondere Bildersprache ab. Andere Beiträge wären besser durch den Titel des Kurzfilms von Mauro Folci charakterisiert, der passenderweise Noia (Italien, 2009) lautet und dem Publikum wenigstens einige Lacher im Publikum entlockt. Es bleibt zu hoffen, dass die zweite Hälfte des Festivals interessantere Beiträge bereithält. Der modernen Kunst, die ohnehin mit Unverständnis und geringen Publikumszahlen zu kämpfen hat, wäre es zu wünschen.

Das Festival Les Rencontres Internationales Paris/Berlin/Madrid findet noch bis zum 4. Dezember im Centre Pompidou, im Palais de Tokyo und im Théâtre du Châtelet statt.