Multikulti-EM 2012: Und am Ende gewinnen doch wieder die Deutschen

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2012
Manche versuchen, die Migranten der zweiten Generation für sich zu gewinnen. Andere haben die doppelte Staatsbürgerschaft und entscheiden sich für die stärkere Mannschaft. Und wieder andere erkennen einfach den Wert eines multiethnischen Nachwuchspools. Die EM 2012 gewinnt man mit Multikulturalität, mit globalisiertem, vielfältigem und überraschendem Fußball.
Die Zeiten ändern sich, aber die Deutschen bleiben die Stärksten, sagt ein Italiener.

Bei der WM 2010 schien die Nationalelf von Joachim Löw alles, nur keine richtige Mannschaft. Einst war Deutschland das Team der starken Kerle, unschlagbar mit dem Kopf, zynisch mit den Füßen, und nur selten unterstützt von den fantasievollen Geistesblitzen eines Icke Häßler. Heute spricht Deutschland brasilianisch, türkisch und ghanaisch und spielt schnellen, spritzigen Fußball.

In Südafrika haben sie so alle aus dem Konzept gebracht, bis auf die – durch und durch spanischen – Weltmeister. Die Fahrt nach Polen, wo die deutsche Mannschaft ihr Quartier aufgeschlagen hat, obwohl ihre EM-Vorrundenspiele alle in der Ukraine stattfanden, ist für zwei deutsche Stürmer eine Reise in die Heimat. Denn Miroslav Klose und Lukas Podolski sind Polen, wie man jenseits der Oder zu Recht betont. Beide sind mit den Eltern früh nach Deutschland eingewandert und haben dort Fußball spielen gelernt. Der Hunger nach Titeln hat sie dann verständlicherweise die deutsche Mannschaft wählen lassen.

Doch Polen hat nicht tatenlos zugesehen: 2009 wurde der Mittelfeldspieler Ludovic Obraniak ins polnische Team geholt, obwohl der Franzose, der bei den Girondins Bordeaux spielt, das Land seines polnischen Großvaters noch nie betreten hatte. Die Polen haben auch versucht, Robert Acquafresca zu engagieren, einen italienischen Stürmer des FC Bologna mit polnischer Mutter, aber der hat ihnen einen Korb gegeben. 

Zur deutschen Supermacht kann man nicht nein sagen, auch wenn dadurch eine Familie zerbricht. Man denke nur an die Brüder Jerome und Kevin Prince Boateng: Der eine ist Abwehrspieler beim FC Bayern und hat sich für die Mannschaft des Landes entschieden, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Der andere dagegen, der gefährliche offensive Mittelfeldspieler des AC Mailand, spielt lieber für Ghana, das Herkunftsland seines Vaters.

Im deutschen Mittelfeld sind zwei Starspieler von Real Madrid aufgestellt, deren Namen nicht klassisch deutsch klingen: Mesut Özil und Sami Khedira. Die beiden Söhne türkischer bzw. tunesischer Einwanderer haben sich perfekt in die deutschen Fußballschulen integriert, und zusammen machen sie den entscheidenden Vorteil des Favoriten aus. 

Balotelli: „Ich bin ein Fußballgenie, und ich will der beste Spieler der Welt werden“

Nicht in allen Ländern läuft das so. Frankreich, Holland und England sind eine Kategorie für sich, denn die früheren Kolonialmächte verfügen über besser erprobte Integrationsmechanismen. In der spanischen Auswahl dagegen findet man keine exotischen Namen, ebenso wenig wie in der griechischen. Italien ist endlich aufgewacht: Nachdem Mario Barwuah Balotelli jahrelang von Ex-Trainer Marcello Lippi ausgegrenzt wurde und widerliche rassistische Sprechchöre über sich ergehen lassen musste, hat er nun die verdiente Führungsrolle bei den Azzurri übernommen. „Ich bin ein Fußballgenie, und ich will der beste Spieler der Welt werden“, sagte er der französischen Wochenzeitung France Football. Niemand stellt Balotelli mehr in Frage, nicht einmal nach den unzähligen Eskapaden, die er sich im letzten Jahr in Manchester geleistet hat – von reihenweise roten Karten bis hin zu angezündeten Häusern. Er ist der Beste, und die rassistischen Fußballfans, die ihn in der Vergangenheit attackiert haben, werden sich damit abfinden müssen. 

Der Ausnahmespieler wurde vor 22 Jahren als Sohn ghanaischer Einwanderer in Palermo geboren, von diesen jedoch im Stich gelassen und von einer Familie aus Norditalien aufgenommen. Wegen der unsinnigen italienischen Gesetzeslage, die auf dem Abstammungsprinzip (Jus Sanguinis) basiert, musste er aber bis zu seinem 18. Geburtstag warten, bevor er die Staatsbürgerschaft seines Landes annehmen konnte. Ghana fragte ihn an, aber Balotelli lehnte ab, stolz darauf, Italiener zu sein.

In Italien gibt es einen weiteren Spieler, der ebenso begabt ist wie Balotelli, aber wegen seines ruhigeren Charakters weniger von sich reden macht: Angelo Ogbonna, Sohn nigerianischer Eltern, ist Vizekapitän des FC Turin und verdient einen Platz als Stammspieler in der Verteidigung von Nationalcoach Cesare Prandelli. „Wenn diese beiden Spieler Italien bei der EM zum Triumph verhelfen sollten, würden sie damit den Italienern eine feine Lektion erteilen“, kommentiert ein in Paris lebender italienischer Intellektueller in Anspielung auf den in den Fankurven der Serie A weitverbreiteten Rassismus. 

Auch viele andere Mannschaften müssen darauf hoffen, dass Stürmer mit Migrationshintergrund sie zum Erfolg schießen. Die Sturmspitze der Schweden, Zlatan Ibrahimović, ist ein bosnisch-kroatischer Talentcocktail, geboren und aufgewachsen im schwedischen Rosengård, einer multikulturellen Vorstadt von Malmö. Derart starke und unvorhersehbare Stürmer werden in Skandinavien nur selten mit blonden Haaren geboren. Kroatien, das heute ohne Meisterschützen wie Davor Šuker auskommen muss, setzt stattdessen auf die Tore von Eduardo, einem Brasilianer, der mit 15 Jahren nach Zagreb kam und jetzt für Schachtar Donezk spielt.

Auch Jores Okore, den vielversprechenden Innenverteidiger Dänemarks und gebürtigen Ivorer, sowie Theodor Gebre Selassie, den tschechischen Defensivspieler mit äthiopischen Wurzeln, sollte man im Auge behalten. Der europäische Fußball wird bunter, das Spiel der Nationen verändert sich, und multikulturelle Talente haben – sehr zum Leidwesen der anderen Länder – das Spiel der Deutschen neu belebt. Wer kann sie jetzt noch aufhalten? 

Illustrationen: Teaserbild (cc)Morgan Ossola/flickr; Im Text (cc)zeropuntosedici/flickr; Video: (cc)92lenin/YouTube et topfootballclips/YouTube