MuBaBao in Warschau: Malinowskis 'Märchenangriff' auf die Welt

Artikel veröffentlicht am 29. April 2013
Artikel veröffentlicht am 29. April 2013
Michał Malinowski ist nicht einfach irgendein Märchenonkel aus Polen, er ist der Direktor des weltweit ersten Märchenmuseums in Warschau, das sich dem Storytelling von gestern und heute widmet. Porträt.

Im Jahr 2002 gründete der 1966 geborene, polnische Storyteller und Graphikkünstler Michał Malinowski das Museum MuBaBaO in Warschau. Der Name ist eine Wortschöpfung aus den Abkürzungen für Museum, Märchen und Erzählungen, die Institution die Krönung seiner vieljährigen Reisen, die ihn zum Geschichtenerzählen und Sammeln von Folklore angestachelt haben.

Malinowski hat sich zum Ziel gesetzt, die in beängstigendem Tempo verschwindende gesprochene Tradition am Leben zu erhalten. „Durch Märchen und Legenden werden Erfahrungen von Generation zu Generation weiter vermittelt. Obwohl heute nur noch selten, findet man allerorts weiterhin Hüter dieser Volkstraditionen“, sagt der Museumsgründer voller Überzeugung. Im MuBaBao werden deshalb Folklore-Objekte und Zeitzeugnisse des Geschichtenerzählens in Kombination mit modernsten digitalen Technologien und Storytelling-Workshops vermischt.

Museumsreise in die Märchenwelt

Michał Malinowski begann seine Märchenstudien in der staubigen Folklore- und Mythologieabteilung von Harvard. Fast genauso wichtig waren aber auch die Beobachtungen während seiner Reisen durch die Vereinigten Staaten, Japan oder Papua-Neuguinea. Denn, so Malinowski, jedes Land habe seine ganz eigene Art, Märchen zu erzählen, obwohl die Geschichten oft ähnliche Motive haben können.

So zum Beispiel das international bekannte Motiv der drei Wünsche aus dem russischen ”Märchen vom Fischer und dem Fischlein” von Alexander Sergejewitsch Puschkin. ”Es gibt tausende solcher Märchenmotive, die in der Erzähltradition übermittelt wurden. Der Erzähler kennt eine gewisse Zahl solcher Fabeln und verknüpft sie je nach Situation miteinander.“ Wer hätte schlussendlich gedacht, dass Aschenputtel aus dem China des 4. Jahrhunderts stammt?

Die Vielfalt in Erzählungen aus allen Ecken der Welt wird durch die Beschreibung der Landschaft und der Helden, die für die jeweilige geographische Region charakteristisch sind, widergespiegelt. Ein gemeinsamer Nenner der Märchen in Europa ist die Überlieferung universeller Werte.

Es ist schwer zu sagen, in welchem Maß Märchen unsere nationale Identität beschreiben oder beeinflussen. Aber grundsätzlich verhält es sich bei den Märchen ein bisschen wie in Europa – auch hier werden Kulturen und Traditionen bunt durcheinander gemischt. Um die polnische Kultur etwas bekannter mit ihren Nachbarn zu machen, beteiligte sich Michał Malinowski am Projekt Bajkowa Europa (”Märchen Europa”), eine Initiative, die nicht nur Generationen verbinden, sondern auch Wissen über andere EU-Länder anhand von Folklore vermitteln soll.

Wozu brauchen wir heute noch Märchen?

Obwohl die Märchenwelt für Kinder gemacht zu sein scheint, meint Michał Malinowski, dass sie eine wichtige Botschaft beinhalte, die Erwachsene oft vergessen: „Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung der Realität. Dieses literarische Genre begleitet uns im Kindesalter und kuriert uns auch noch im Erwachsenenalter“. Märchen sind die Medizin gegen graue Realität und ein Sprungbrett hin zu mehr Inspiration: „Märchen sind eine große Quelle der Weisheit – die Frage ist nur, wie weit wir uns vor ihr verstecken“, so Malinowski.

Es gibt aber auch hauptsächlich von Massenmedien produzierte Ammenmärchen, die unsere Wahrnehmung der Realität deformieren. Sie sind voller negativer Klänge und dafür verantwortlich, dass wir wieder lernen, uns vor allem zu fürchten. Und dabei ist die Hauptfunktion aller Erzählungen, die in der heutigen Kultur längst vergessen scheint, die Übermittlung positiver Elemente, um der Welt mit mehr Vertrauen zu begegnen.

Angriff des Waweldrachens auf die Vereinigten Staaten

Malinowski bezeichnet sich selbst als „Verrückten mit Botschaft”, Menschen wie er werden zunehmend seltener. „Das ist mein Leben. Ich bin kein zögerlicher Mensch. Vorsätze im Leben setze ich gerne direkt in die Tat um.“ Sein neuestes Projekt mit dem klingenden Titel “Angriff des Waweldrachens auf die Vereingten Staaten” steckt mitten in der Vorbereitung.

Malinowski will im Rahmen des Projekts mit Ballons in Form von polnischen Legenden - der Waweldrache, typische Basiliska oder der polnische Zauberer Pan Twardowski – über die USA fliegen, um Aufsehen zu erregen. Ziel dieses Projekts sei nicht nur die Verbreitung der polnischen Kultur, sondern auch ein „Märchenangriff“ auf diese Region der Welt, wo wichtige Werte verschwinden. Inspiration für das Projekt liefert die Volkslegende über den Waweldrachen, der an den Ufern der Weichsel gehaust haben soll und den der erschrockene König mit einer großen Armee besiegen wollte. Aber jedes Kind in Polen weiß, zum Sieg gegen den Drachen hilft nur eines: List und Weisheit. „Die heutige Welt gibt uns zwar genügend Möglichkeiten, gut, glücklich und in Frieden zu leben“, kommentiert Malinowski seine fliegende Märchenwelt. „Doch es erscheinen auch öfters die Drachen der Gegenwart.“

Illustrationen: Teaserbild (cc)HA! Designs - Artbyheather/flickr; Im Text (cc)Michała Malinowskieg, (cc)The Wawel Dragon na Facebooku