Montenegro – The Good Guy?

Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2011
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Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2011
„Schön, aber problematisch“ - so beschreibt Marko Vesovic (26) Montenegro. Schön, weil es mit der spektakulären Küstenlandschaft im Süden und dem Dinarischen Gebirge im Norden zu den schönsten Ländern Europas zählt. Problematisch, weil es trotz EU-Beitrittsbemühungen viele innerpolitische und strukturelle Probleme gibt.

Vor 5 Jahren löste sich Montenegro mit einer knappen Mehrheit (55%) von der Föderation Serbien-Montenegro. Die Meinungen, ob Montenegriner nun ein eigenes Volk oder noch immer Teil des serbischen Volkes sind, gehen dabei auseinander. Nach der Unabhängigkeit 2006 sahen sich lediglich 43% der Bevölkerung als Montenegriner, 32% dagegen als Serben. Neben den zwei großen Gruppen ist Montenegro Heimat für Bosniaken, Albaner, slawische Muslime, Kroaten, Sinti und Roma. „Für Montenegro wäre eine Föderation besser gewesen, nicht nur wegen der Verbundenheit zu Serbien. Allein aus wirtschaftlicher Sicht wäre Serbien-Montenegro besser aufgestellt gewesen.“ Marko selbst fühlt sich als Serbischer Montenegriner und stimmte gegen die Unabhängigkeit von Montenegro.

Er ist Redakteur bei der serbischen oppositionellen Tageszeitung `Dan` (Der Tag), einer der einflussreichsten Zeitungen Montenegros. Marko studierte an der Universität Montenegro Journalismus und zählt zur ersten Generation ausgebildeter Journalisten im Land. Dass er sich für den journalistischen Bereich entschieden hat, hing mit der Tatsache zusammen, „dass es in Montenegro nicht viele Journalisten gab“ und „es in diesem Bereich noch viele Geschichten zu entdecken gibt. Außerdem haben Medien eine enorme Macht um z.B. Misswirtschaft oder Fehlverhalten aufzudecken.“

Vor allem ist er mit der eigenen Regierung unzufrieden. Spricht man ihn direkt auf die innerpolitische Situation an, fallen schnell Worte wie Korruption oder organisiertes Verbrechen. In seinen Augen verwehrt sich die Regierung gegen öffentliches Interesse solcher Missstände.

„Es gab in den letzten 22 Jahren nur wenige politische Veränderungen. In jedem europäischen Land gab es in dieser Zeitspanne politische Umbrüche. In einem Land kann sich die Staatsstruktur (Jugoslawien) ändern oder es wird Teil einer Föderation. Ein Land kann sich auch für unabhängig erklären. Wenn sich jedoch nichts am System ändert, wird sich auch an der Gesamtsituation wenig ändern.“ Marko spricht dabei von der Hartnäckigkeit der alteingesessenen `Polit-Elite`, die in seinen Augen dringend benötigte Reformen im Land verzögert. Wenn er von dem `System` spricht, führt er u.a. den Politiker Milo Djukanovic an. Dieser ist Mitglied der Demokratischen Partei der Sozialisten (DPS), welche 1990 als Nachfolgeorganisation des montenegrinischen Teil des `Bundes der Kommunisten Jugoslawiens` hervorging. Dieser trat er bereits in den 1980er Jahren bei. Im Dezember 2010 gab Djukanovic seinen Rücktritt als Premierminister von Montenegro bekannt. Gegen den ehemaligen Regierungschef liefen u.a. in Italien Ermittlungen wegen großangelegtem  Zigarettenschmuggel. Die Opposition sah darin einen Grund für die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Partei. Denn als Regierungschef eines souveränen Staates ist er vor Strafverfolgung geschützt. Trotz der massiven Vorwürfe ist Djukanovic noch immer Vorsitzender der regierenden DPS. 

„Eine EU-Mitgliedschaft könnte vieles ändern. Wenn man der EU beitreten will, müssen Reformen eingeleitet werden. Man muss als Land an sich arbeiten, sich verbessern, die eigenen Handlungen überdenken. Demokratisierung ist ein langwieriger Prozess, der hoffentlich auch in Montenegro eintreten wird. Es wäre wichtig für uns, wenn die EU noch mehr Druck auf Montenegro ausüben würde. Nur so können benötigte Reformen schnell eingeleitet werden. Sollte es nicht mit dem EU-Beitritt klappen, haben wir ernsthafte Probleme.“ Und weiter: „Montenegro ist momentan in einer schwierigen Situation. Das Land ist in seiner Struktur nicht besonders stabil.“ Geht es nach ihm, wird z.B. gegen Korruption oder organisiertes Verbrechen nicht energisch genug vorgegangen. „Diese Punkte müssen wir unbedingt in den Griff bekommen. Die EU-Mitgliedschaft in absehbarer Zeit wäre wichtig und würde zumindest etwas Stabilität garantieren.“ Weitere Probleme sieht er im wirtschaftlichen Bereich: Während im Süden die Tourismus-Branche boomt und zahlreiche ausländische, vor allem russische Investoren in die `Adriarepublik` lockt, lahmen andere Wirtschaftszweige bzw. wird in diese zu wenig Geld investiert. Hinzu kommt, dass Montenegro mit einem Durchschnittseinkommen von 300 Euro im Monat und einer im europäischen Vergleich unterdurchschnittliche Kaufkraft zu kämpfen hat. 

"Nach dem Zerfall Jugoslawiens und dem Ende des Kommunismus gab es einen enormen  Medienzufluss in Montenegro. Viele Fernsehsender wurden geöffnet und neue Zeitungen veröffentlicht. Dennoch ist das Arbeitsumfeld für Journalisten nicht das Beste, da Montenegro an sich einen relativ kleinen Medienmarkt darstellt.“ Wachstumspotenzial sieht Marko vor allem im Online-Bereich. Die Anzahl der Internetnutzer soll in diesem Jahr auf 340.000 steigen, was bei 625.000 Einwohnern knapp 55% Prozent bedeutet. Hier gibt es jedoch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Während es in Podgorica und an der Küste bereits viele Internetanschlüsse und -nutzer gibt, nimmt die Anzahl in Richtung Norden deutlich ab.

Marko zeigt Verständnis, dass cafebabel als Online-Magazin weder mit einer Lokalredaktion, noch mit einem City-Blog in Montenegro vertreten ist. „Man sagte mir, dass es in der Balkan-Region irgendwann eine Lokal-Redaktion geben könnte.“ Marko selbst hat lediglich ein Profil bei cafebabel und schreibt hin und wieder Artikel für das Magazin. „Es gibt nicht so viel von mir bei cafebabel, nicht viel über Montenegro. „Viele Montenegriner folgen den Online-Auftritten der BBC oder der Deutschen Welle. Es gibt Wenige, die cafebabel kennen. Leute wie du und ich lesen Artikel auf cafebabel.com, aber ein Großteil der Bevölkerung kennt das Magazin überhaupt nicht! Solange es keine physische Präsenz von cafebabel z.B. in Montenegro gibt und keine Werbung für das Magazin geschaltet wird, wird kein Effekt auf die öffentliche Meinung zu spüren sein. Generell ist es schwierig, das Medieninteresse auf Montenegro zu lenken. Wir sind eines der kleineren Länder Europas und Ereignisse mit Nachrichtenwert geschehen nur von Zeit zu Zeit. Momentan reicht es aus in Abständen über Montenegro zu berichten. Folgt man den großen europäischen Mediennetzwerken, liest man ebenfalls nur gelegentlich von Montenegro.“ Marko glaubt jedoch fest daran, dass es in den kommenden Jahren einen Entwicklungsprozess geben wird. „Wir werden als Land näher an Europa rücken, so wie jetzt Kroatien. Sie werden in absehbarer Zeit der 28. Mitgliedsstaat der EU werden. Und jeder fragt: Was ist das für ein Land? Was passiert dort? Welche Entwicklungen gibt es? Einestages wird Montenegro vielleicht das 29. oder 30. Beitrittsland sein und ich denke, dass die Menschen spätestens dann wissen wollen, was Montenegro für ein Land ist. Dann wird vielleicht auch Platz für ein cafebabel Lokal–Team sein, das interessante  Geschichten über den Balkan aufdeckt.“ Eine Zusammenarbeit zwischen ihm und den `Babelianern` gibt es bereits seit 2008. „Ich habe bei der Preisverleihung zum `European Young Journalist Award` die cafebabel Redakteurin Nabeelah Shabbir kennengelernt und sie gab mir und einem Freund aus Mazedonien ein paar Anregungen für Artikel. Danach haben wir einige Artikel für das Magazin geschrieben." Marko sieht noch großes Wachstumspotential für das Europa-Magazin. „Cafebabel ist ein interessantes Medium und es könnte auf dem Balkan eine tragende Rolle einnehmen. Ebenso ist es für junge Menschen geeignet, die sich journalistisch ausprobieren wollen. Eine stärkere Präsenz cafebabels wäre auch gut für die Medienfreiheit in Montenegro.“ Makros Arbeitgeber druckte in der Ausgabe vom 11.07.2011 bereits zum 2602.-Mal das Bild des ermordeten `Dan`-Gründers und Chefredakteurs Dusko Jovanovic auf der Titelseite ab. Seit nunmehr 2602 Tagen warten viele auf die Aufklärung dieses Verbrechens. Für `westeuropäische´ Verhältnisse ist das schwer vorstellbar.

Mit einem unrühmlichen 105. von insgesamt 178 Plätzen auf der aktuellen `Reporter ohne Grenzen` - Liste hat Montenegro auch hier noch jede Menge Nachholbedarf. „Wir sind erst am Anfang einer Entwicklung und ich hoffe, dass sich die allgemeine Situation im Land verbessern wird.“

„Die nächsten Jahre werden zeigen, in welche Richtung es mit Montenegro gehen wird. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich die Situation für Medienschaffende entwickeln wird. Ich hoffe, dass die Arbeitsbedingungen für uns Journalisten besser werden. Wir müssen einfach abwarten. Die Medien können jedoch dabei helfen ein positives Bild von und über Montenegro zu verbreiten.“

Axel Matz