Montenegro im Ausverkauf

Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Artikel veröffentlicht am 25. September 2006

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Über Jahre hinweg war Montenegro ein Geheimtipp für Touristen. Nun entdecken Urlauber aus der ganzen Welt die Schönheit der alten venezianischen Orte – und drängen die Einheimischen aus ihrem Land.

Das wilde und oft rauhe Montenegro zieht viele an, die ein Ferienhaus suchen. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach einem ruhigen Stück Riviera auf der anderen Seite der Adria. Die Realität hinter dem Touristenrummel und der Ferienhausromantik sieht jedoch anders aus. Schäbige Anlagen, schlechte Infrastruktur und illegale Konstruktionen runieren die Landschaft. Abwasserprobleme und Wasserrationierung lassen den erhofften Traumurlaub zu einem Höllentrip werden.

Die Folgen des Krieges

Die Belgraderin Natascha, die ihren Urlaub in Montenegro verbringt, beschwert sich über die Wasserrationierung. „Das ist ein Desaster. Von 11 bis 15 Uhr und spät in der Nacht haben wir Wasser. Was für ein Urlaubsort ist das, wenn mit meinem Kind weg vom Strand gehen muss, um es zu Duschen?“, fragt sie.

Es war ein langer Weg für Montenegro seit den sonnigen Achtzigern. Damals nahm es als eines der bekanntesten Reiseziele der Region jährlich um die 79 Millionen Euro ein. Aber dann kam die Wende. Der Krieg und die Belagerung des nahegelegenden Dubrovniks durch montenegrische Soldaten ließen die Branche zusammenbrechen.

Während des Krieges in den frühen Neunzigern, bei dem Jugoslawien zerbrach, blieben die Touristen aus. Die Einnahmen gingen zurück, der Flüchtlingsstrom hatte verheerende Folgen für die Hotels. Viele von ihnen dienten zeitweilig als Unterkünfte für die eingewanderten Massen. Zusätzlich führte der Kollaps des Systems zu einem unkontrollierten und oft illegalen Häuserbau entlang der Küste.

Besserung ist in Sicht

Die Regierung hat bereits begonnen, sich dem Problem Infrastruktur anzunehmen. Sie investiert Millionen von Euro in die Rekonstruktion von Straßen und Transportmöglichkeiten. Die Flughäfen in Podgorcia und Tivat wurden mit 22 Millionen Euro modernisiert, um die Verbindungen zu den Zentren Europa zu verbessern.

Die größten Änderungen gab es allerdings auf dem Immobilienmarkt. Russen, Engländer und Iren kaufen seit Jahren Ferienhäuser in Montenegro. Die Preise entlang der Küste haben sich seit letzten Sommer verdoppelt und steigen, und die Montenegriner schauen zu. Noch.

Medienberichten zufolge spielt sogar das Ehepaar Michel Douglas und Katherine Zeta Jones - die diesen Sommer ihren Urlaub hier verbringen – mit dem Gedanken, ein Haus in Perast, in der Bucht Boka Kotorska zu kaufen. Ebenso soll der russische Milliardär Roman Abramovitsch, Besitzer des Fussballclubs FC Chelsea, Interesse an einer kleinen Insel in der Bigovo-Bucht zeigen.

In den Augen von Goran Radonjic, Agenturchefs von „Montenegro Property“, werden die Käufer neben der natürlichen Schönheit der Gegend auch von den niedrigen Grundstückspreisen im Vergleich zu Kroatien angelockt.

Die Einheimischen ärgern sich

“Für einen gewöhnlichen Montenegriner ist es inzwischen unmöglich, ein Haus an der Küste zu kaufen“, klagt die Cafebesitzerin Dragana, die in der alten venezianischen Küstenstadt Kotor lebt und arbeitet. „Unsere Kinder werden hier wohl kein Land kaufen können und ins Inland ziehen müssen.“

Andere wiederum werden aufgrund der gestiegenen Grundstückspreise gezwungen, ihr Eigentum zu verkaufen und ziehen in eine billigere Unterkunft. In Stoliv, dass für seine Olivenbäume berühmt ist, musste der Rentner Bozo nahezu seinen gesamtes Land verkaufen. Nur dank der Abgabe des Grundstückes, das sich seit Jahunderten in Familienbesitz befindet, waren seine Kinder in der Lage, sich eine eigene Wohnung zu leisten. „Ich war nicht glücklich darüber, das Land meiner Vorfahren zu verkaufen. Nur das alte Familienhaus, in dem meine Frau und ich wohnen, sind übrig geblieben.“

Eine der wenig übrig gebliebenden Einheimischen in Perast ist Vera. Für sie ist die Geschichte des Renters Bozo nichts Besonderes. Ihrer Meinung nach verkauften die Leute ihre alten venezianischen Häuser nicht, weil sie es wollten, „sondern weil sie für das Geld aus dem Verkauf fünf oder sechs Wohnungen anderswo kaufen können.“

Auch Mira hat bereits ihre Wohnung verkauft. Die alte Frau aus der Altstadt Kotors ist beunruhigt über etwaige Begleiterscheinungen dieses Trends. Im Winter würden die Küstenstädte völlig leer werden. Dann sei die Saison vorbei und die Touristen weg. „Das mediterrane Flair der Stadt wird verschwinden und damit auch die Jahrhunderte alte Tradition“, sagt sie.

Ausländer drängen ins Landesinnere

Währenddessen ziehen Ferienhausbesitzer in immer exotischere Gegenden. Nach dem Kauf von Häusern an der Küste sind nun rustikale, von der Zeit gezeichnete Landhäuser gefragt. Auch die entlegendsten Standorte in den Bergen, die nicht mal über eine Straßenanbindung verfügen, können die Käufer nicht abschrecken. „Letzte Woche zeigte ich ein solches Haus einer Britin“, meint Goran von Montenegro Property, „Auf meine Frage, wie sie denn in Zukunft zu ihrem Eigentum gelangen würde, meinte sie: Mit einem Esel.“

Erstveröffentlichung am 25. August 2006