Montags in der Sonne

Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Während sich die Arbeitslosigkeit in der EU auf hohem Niveau stabilisiert, steigen Managergehälter auf Rekordhöhen. Was fehlt, ist eine europäische Strategie zur Schaffung neuer Stellen.

Im März 2004 waren in der alten EU 8% der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitslos (Zahlen nach Eurostat). Dabei sind starke Unterschiede unter den einzelnen Ländern zu beobachten: Luxemburg (4,1%), Irland (4,5%) und Österreich (4,5%) haben Arbeitslosenquoten, von denen Griechenland (9,3%), Frankreich (9,4%) und Spanien (11,1%) nur träumen können. Der Arbeitsmarktexperte und Professor an der London School of Economics Stephen Nickell formulierte überspitzt, dass das Problem der Arbeitslosigkeit kein europäisches Phänomen sei, sondern ein französisches, deutsches (Arbeitslosigkeit bei 9,3%), italienisches (8,5%) bzw. spanisches. Ohne diese Ökonomien gäbe es kein „europäisches“ Arbeitslosigkeitsproblem. Großbritannien hat eine Quote von unter 5%.

Die Arbeitslosigkeit der Eurogeneration

Durch die EU-Erweiterung bekommt die Problematik, dass es zu wenig Arbeit gibt, eine ganz neue Dimension: In einem Europa der 25 sind 9 von 100 Erwerbsfähigen arbeitslos. Die Slowakei und Polen haben sogar Quoten über 15%. Sieht man sich die Zahlen der Jugendarbeitslosigkeit an – also die Arbeitslosigkeit der Eurogeneration - wird das Bild noch dunkler. In der neuen EU ist fast jeder fünfte unter 25 ohne Job. In Belgien, Estland, Finnland, Frankreich, Lettland, Malta, Polen, der Slowakei und Spanien liegt die Quote bei über 20% …

Jawohl, es trifft uns. Vor nicht allzu langer Zeit hätten wir das nicht für möglich gehalten: Arbeitslosigkeit. Das betraf Leute, die alt und unqualifiziert waren. Wir, die wir jung sind und entweder noch in der Ausbildung oder Studium stecken oder gerade eben unseren Abschluss gemacht haben, wir werden doch nicht arbeitslos! So dachten auch Michael und ich. Nachdem wir gemeinsam das Abitur machten, studierte Michael an einer Berufsakademie, doch trotz seiner Ausbildung ist er heute arbeitslos. Michael ist 25 und noch ziemlich optimistisch, was die berufliche Perspektive angeht. Er denkt, dass er schnell wieder einen Job finden wird, aber allein die Tatsache, überhaupt arbeitslos zu sein traf ihn plötzlich und unvorbereitet. Wenn es auch nicht leicht ist für ihn, arbeitslos zu sein, meint er doch, es ginge ihm gut im Vergleich zu Familienvätern, die ihr Haus abbezahlen müssen und plötzlich ohne Job dastehen. Der Arbeitslosigkeit dieser Generation wurde mit dem spanischen Film Los lunes al sol („Montags in der Sonne“) ein Denkmal gesetzt. Dort wird das Schicksal von arbeitslosen Werftarbeitern in Galicien erzählt. Der Film könnte aber genau so gut in Ostdeutschland, Süditalien, Griechenland oder der Slowakei spielen.

Arbeitslosigkeit, die oft mit Verarmung einhergeht, steht im krassen Gegensatz zur zunehmenden Erhöhung der Gehälter von Topp-Managern. Die Gehälter der Vorstandssprecher der 40 größten Unternehmen Frankreichs stiegen trotz schleppendem Wachstum in 2003 um 11,4% (LeMonde vom 11. Mai 2004). Dabei ist die 146%ige Erhöhung von Edourard Michelin, Boss des gleichnamigen Unternehmens nicht mit eingerechnet, da es das Gesamtergebnis verzerren würde. Topp-Verdienerin ist Lindsay Owen-Jones (L’Oréal) mit sechs Millionen Euro Jahresverdienst, die allerdings auf ein zweistelliges Wachstum verweisen – im 18.Jahr hintereinander. Bei anderen wiederum hinkt die Leistung dem Gehalt hinterher. 2002 genehmigte sich der Vorstand von DaimlerChrysler eine Erhöhung von 131%, während der Wert der Aktien um 39% einbrach. Sicherlich „Peanuts“ für Hilmar Kopper, der als Aufsichtsratvorsitzender in großem Maß verantwortlich ist für die Gehälter des DaimlerChrysler-Vorstandes. Selbst wenn die hohen Gehälter gerechtfertigt wären, so stünden sie doch in krassem Gegensatz zur immer größer werdenden Arbeitslosigkeit.

Falscher Patriotismus

Die nationalen Regierungen reagieren mit „nationalistischen“ Reflexen, v.a. jetzt in Wahlkampfzeiten. So macht der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi gezielt Stimmung gegen Europa. In Frankreich schmiedet der Superminister Nicolas Sarkozy nationale Champions (Alstom, Sanofi-Aventis) um die Arbeitsplätze im Land zu belassen.

Während sich die europäischen Politiker im eigenen Land verzetteln, scheinen sie das große Ganze aus dem Auge zu verlieren. Die europäische Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles Problem, das nicht an Landesgrenzen halt macht. Den ehrgeizigen Zielen der Strategie von Lissabon sollten endlich Taten folgen: Konzentration auf Innovation, lebenslanges Lernen, Mobilität und Investitionen in Forschung und Bildung. Damit auf dem europäischen Arbeitsmarkt die Sonne wieder aufgeht.