Monica Strambrinis Ragazze wollen richtigen Frauenporno

Artikel veröffentlicht am 2. September 2016
Artikel veröffentlicht am 2. September 2016

Aus Protest gegen eine Sexualkultur, in der Frauen nachwievor als Objekte betrachtet werden, will das italienische Projekt Le Ragazze del Porno 10 Kurzfilme von italienischen Regisseurinnen produzieren. 

Das Wortpaar Frau-Pornografie stört das Unterbewusste, entfesselt verschiedenartige Moralismen, kann aber auch Anlass zum Nachdenken sein. Das weiß Monica Stambrini (Jahrgang 1970) allzu gut. Die Regisseurin ist Schöpferin des Projekts Le Ragazze del Porno (Die Pornofrauen), einer Reihe von 10 Kurzpornos, die von 10 italienischen Regisseurinnen gedreht werden. Los ging es mit dem Projekt im Jahr 2013, im gleichen Atemzug startete auch die Bewegung Se non ora, quando? (Wenn nicht jetzt, wann dann?). Damals gingen viele Frauen (und glücklicherweise auch Männer) auf die Straßen, um gegen die Affären und sogenannten „Bunga Bunga“-Parties des damaligen Ministerpräsidenten Italiens, Silvio Berlusconi, zu protestieren. Sie sagten „nein“ zu einer Kultur, in der Frauen als Objekte betrachtet werden.

We want porn!

„Bei diesen Protesten hat mich am meisten erstaunt, wie sich Frauen gegen Frauen stellten“, erzählt Monica Strambrini. „Man war entweder eine intellektuelle Frau und politische Aktivistin oder eine olgettina (Spitzname für Frauen, die bei Berlusconis Partys anwesend waren und mit teuren Geschenken und größeren Geldsummen bezahlt wurden). Deshalb gefiel mir der Gedanke, unsere Sexualität in einer provokativen und etwas aggressiven Art und Weise zurückzuerobern. Ich dachte, dass Porno der Schlüssel sein könnte, um diesen Bruch innerhalb einer Geschlechtergruppe zu heilen.“

Grundlage für Monica war ein Artikel der Journalistin Tiziana Lo Porto über die schwedische Kurzfilmsammlung Dirty Diaries von Mia Engberg. Wäre es nicht großartig, so etwas auch in Italien zu machen? „Wir wollten aus der beschränkten Denkweise 'Frauen machen Erotik' ausbrechen. Wir wollen richtigen Porno!“

Aber für die Ragazze del Porno kommt bald schon das Feedback der Konformisten. Dem Teil der italienischen Gesellschaft, der sich zwar Mühe gibt, als weltlich zu gelten, sich die Sexualkultur aber trotzdem lieber vom Hals schaffen würde. Eine Sexualkultur, die sich in den 1970ern zwar emanzipiert hat, aber vielleicht trotzdem noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Wie haucht man jetzt aber einem Kino-Projekt für starke, unabhängige und kollektive Pornografie Leben ein? Und wie zerstört man die Macht von Youporn und Pornhub?

„Darüber haben wir auf unserem Weg viel gesprochen“, fährt Monica Stambrini fort. „Es gab auch von Seiten der Produzenten viel Enthusiasmus aber wenig Risikobereitschaft. Deshalb dachten wir, die beste Lösung wäre Crowdfunding. Der provokative und ein bisschen ironische Name des Projekts hat sich als bester Marketingschachzug erwiesen. Frauen und Porno im gleichen Satz hat zu einem Kurzschluss geführt, der uns sofort große Sichtbarkeit gegeben hat!“

Moderner Porno, der Spaß macht und politisch ist

Das Thema Pornografie erregt nachwievor die Gemüter. Von Erika Lust, die behauptet „für ihre Kinder“ Porno zu machen, bis zu den renommierten Aufsätzen der radikalen amerikanischen Feministin Andrea Dworkin, laut der „Pornographie die männliche Dominanz verkörpert“: Zwischen emanzipatorischen Ängsten und moralischer Missbilligung heben die Pornofrauen sich mit ihrer Vorstellung eines „modernen Pornos, der Spaß macht und politisch ist“ ab.

Monica mag auch den Mainstream, sie lobt zum Beispiel den italienischen Pornodarsteller, -produzenten und -regisseur Rocco Siffredi und eine seiner Darstellerinnen Valentina Nappi. Sie setzt auch noch hinzu: „ Wir sind demokratisch: wir versuchen nicht, eine Nische auszufüllen, wir wollen ins Kino. Die Stärke unseres Projekts ist gerade seine große Reichweite, wir wollen die Masse erreichen. Porno soll nicht mehr nur für das Masturbieren allein zu Hause sein.“ Es ist kein Zufall, dass der erste Kurzfilm Queen Kong zuerst am 18. März auf dem Queens World Festival in New York präsentiert wurde.

Strambinis Ragazze machen klare Ansagen: sie wollen den Porno gar nicht so sehr verändern, sondern „ein neues Kinogenre, eine Art sexuellen Realismus“ kreieren, der dann das Kino mit dem Mut des Pornos und der Frische einer weiblichen Herangehensweise verändern wird. „Ich will zeigen, dass Sex einfach Spaß macht“, sagt Monica, „das Ziel muss nicht notwendigerweise die Befriedigung eines Bedürfnisses sein. Es gefällt mir, mich in Szene zu setzen: wir sind Künstlerinnen, wir produzieren uns selbst, wir sind total frei, wir nehmen uns das Recht, zu tun, was uns gefällt. Aber wir wollen klarmachen, dass Porno kein untergeordnetes Genre ist.“

Die Frauen wollen die „Männerzentriertheit“ nicht aufheben, sondern überragen. „Mich stören die Heuchelei und die Tabus, die man im italienischen Fernsehen sieht. Es ist verboten, Brüste oder Hintern zu zeigen, aber in Wirklichkeit sieht man eine einzige große Anspielung, überall Hintergedanken. Im Porno gibt es diese Heuchelei nicht.“

Und man muss sich nicht wundern, wenn Youporn von schlechten Amateurvideos mit zwölfjährigen Protagonistinnen aus Thailand überquillt: „Man muss sich bewusst machen, dass einem auch sexuell das gefällt, was man in seinem Leben kulturell konstruiert oder assimiliert hat.“ Und hier handeln die Ragazze del Porno: „In diesem Sinne ist unsere Arbeit auch kulturell. Die Schöpfung neuer Kulturparadigmen ist die große Herausforderung unserer Art, Pornos zu machen.“

Bewusste Pornografie

„Jedes Verbot kreiert Tabus, ist immer eine Einschränkung der Freiheit. Mit den Pornos wollen wir stattdessen Frauen ermuntern, ihnen klarmachen, dass Porno keine Ablehnung der Frau sein muss, auch wenn man auf der Leinwand oft einen dominanten Mann sieht. Die Lösung ist nicht, Pornos abzuschaffen, sondern an einen Punkt zu kommen, an dem die Frauen sich den Porno aneignen.“ 

Vielleicht fangen wir an zu begreifen, dass „Gleichberechtigung“ nicht nur aus gleichem Wahlrecht und gleichem Lohn für gleiche Arbeit besteht, sondern auch daraus, sich vor einem Porno zu akzeptieren. Und vielleicht verlangen wir Frauen dann das Recht, es zu Hause vor dem PC oder abends im Kino mit Freundinnen zu schauen. Warum auch nicht?

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MindTheGap präsentiert #Sheroes, eine Porträtserie über junge Menschen in Europa, die sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung stark machen.