"Mommy": Xavier Dolans Durchbruch in Deutschland

Artikel veröffentlicht am 13. November 2014
Artikel veröffentlicht am 13. November 2014

Xavier Dolan, 25 Jahre alt, hat bereits fünf Filme gedreht und wurde 2010 in Frankreich mit dem Kinostart seines Spielfilms "Herzensbrecher" bekannt, einer Dreiecksgeschichte vergleichbar mit der von Jules und Jim. Mit "Mommy", der den Preis der Festivaljury von Cannes 2014 erhalten hat, richtet sich Dolan nun an ein weitaus breiteres europäisches Publikum.

Als selbsternanntes Sprachrohr seiner Generation wird er von den Medien bereits als Wunderkind bezeichnet. In Deutschland blieb Xavier Dolan vom Publikum bisher unbeachtet. Wird der Medienhype rund um Mommy, der am 13. November in den deutschen Kinosälen anläuft, zur selben Begeisterung beim Publikum führen, wie es sein vorheriger Film Sag nicht wer du bist (Tom à la ferme) nur zwei Monate zuvor getan hat?

Reife Frauen, Liebe und Hass

In Mommy findet man die Zutaten wieder, die Xavier Dolans Erfolgsrezept ausmachen. Erstens, eine konfliktreiche Geschichte zwischen einer Mutter, gespielt von einer nicht wiederzuerkennenden Anne Dorval, die bereits im ersten Film Dolans J'ai tué ma mère (2009) eine Mutter darstellte, und ihrem Sohn Steeve, der von Antoine-Olivier Pilon gespielt wird (und bereits im Videoclip Colllège Boy von der französischen Band Indochine vom jungen Regisseur gefilmt wurde). Viel Zeit ist jedoch zwischen dem letzten und dem ersten Film Dolans vergangen. Von einer intimen Geschichte, die teilweise autobiografische Züge enthielt, überträgt der Regisseur die Mutter-Sohn-Beziehung in ein soziales und psychologisches Umfeld, das ihm fremd ist. Denn Mommy ist die Geschichte einer verwitweten Mutter, die wieder lernen muss mit ihrem Sohn zu leben, der aus einer Rehabilitationsklinik hinausgeworfen wurde und bei dem man ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) festgestellt hat.

Aber die Mutter von Steeve findet Hilfe bei der etwas einsilbigen Nachbarin, wunderbar gespielt von Suzanne Clément, eine weitere Lieblingsschauspielerin des jungen Regisseurs. Somit wird die Mutter-Sohn-Beziehung zu einem Dreierwalzer, der an die Zusammenstellung in Herzensbrecher erinnert. Aber es ist nur die Zahl, die die gleiche bleibt. In Herzensbrecher behandelt Dolan mit einem etwas ironischen Unterton und einem gewissen Abstand das Herumgetändel dreier trendiger Jugendlichen aus Montréal - sicherlich von der eigenen Lebensgeschichte Dolans inspiriert, der selbst eine der Hauptfiguren spielt. In Mommy filmt der Regisseur das Trio mit einer gewissen Vorsicht und vor allem mit viel Zärtlichkeit. Die Darsteller, die im quadratischen Format 1:1 gefilmt wurden, werden dabei größer. Der Regisseur macht aus Mommy ein Hollywood-Melodram. Gefühle ergreifen den Zuschauer, der sich zwangsläufig an die Filmfiguren bindet und besorgt auf das Ende des Walzers wartet.

Fügt man dann noch Farben und funkelnde Lichter hinzu, Kostüme und Musik, die nicht minder farbig sind, mit Sorgfalt von Xavier Dolan ausgewählt wurden und an die Welt der 1990er Jahre erinnern, hat man einen Film vor sich, den man ab dem 13. November im Kino nicht verpassen sollte!