Moldawien und die “orangefarbene Revolution”

Artikel veröffentlicht am 29. März 2005
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Artikel veröffentlicht am 29. März 2005

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Die Moldawier haben nicht die Zeit, auf einen EU-Beitritt zu warten. Immer zahlreicher schlagen sie den Weg nach Westen ein. Mit allen Mitteln. Eine Reportage aus einer vergessenen Ecke Europas.

Nikolaj ist 23 Jahre alt und hat einen Hochschulabschluss in Wirtschaft in der Tasche. Er spricht englisch, und – wie viele seiner Altergenossen – wartet er sehnsüchtig darauf, seine Region, das türkischsprachige Gagausien, und sein Land Moldawien, zu verlassen. Er hat ein Arbeitsangebot bekommen: Salat ernten in England. Nach sechsmonatiger Wartezeit auf ein Visum wird er im britischen Konsulat befragt: „In welcher Stadt hat die Europäische Zentralbank ihren Sitz?“

Um nach Europa einzureisen, muss ein Junge aus Gagausien wissen, dass sich der Sitz der EZB in Frankfurt befindet, doch nicht immer weiß er es. Und deshalb gibt es kein Visum für Nikolaj, der nun versuchen wird, Moldawien auf anderem Wege zu verlassen: Als Illegaler, oder ansonsten mit einem nagelneuen bulgarischen Reisepass. Einige hundert Euro (ein kleines Vermögen) kostet die Reisefreiheit im armen Moldawien.

Ein Trugbild in orange

Nur einen Katzensprung von Bukarest und Odessa entfernt, erscheint der in orange getauchte Platz von Kiew weit weg zu sein von der moldawischen Hauptstadt Chi?in?u. Nikolaj träumt von England und hat wie 47% der Moldawier für die Kommunistische Partei Moldawiens gestimmt, die endgültige Siegerpartei dank des konsequenten Wechsels ihrer politischen Linie: Nein zu Russland, Ja zum Westen.

Trotz der Nähe zu Rumänien, das sich auf einen EU-Beitritt vorbereitet, und der Nähe zu der Ukraine, die vom Wirbel um Juschtschenko erschüttert wurde, ist der Frühling, der die Wahlen am 6. März begleitet hat, nicht orange gefärbt.

Es gibt keine Spur von Anhängern der Bewegungen, die den demokratischen Übergang in Serbien, Georgien und in der Ukraine erleichtert hatten. Es finden sich keine Kopien der Lehrbücher von Gene Sharp, dem Theoretiker der Gewaltlosigkeit. Es gibt keine versteckten Lager. Es gibt keine internationale Presse. Es gibt keine Russen. Und niemand hat die Plätze für Demonstrationen gebucht für den Fall von Wahlbetrug. Die „orangefarbene Revolution“ ist nicht in Chisinau zuhause.

Die Mafia von Transnistrien

Nach den Wahlen waren die Straßen von Chisinau voll von Menschen. Man feierte das traditionelle Fest zum Frühlingsanfang, und jeder war sich dabei bewusst, dass die Wahlen am 6. März nichts verändert haben und dass die Probleme des Landes nicht vom Tisch sind.

Zum Beispiel die Debatte um Transnistrien, die separatistische Region, die nicht anerkannt wird und die von einer Gruppe Halbkrimineller kontrolliert wird; eine Region, in der über 1.500 russische Soldaten stationiert sind. Ein Staat im Staat, mit eigener Währung (dem Rubel von Transnistrien), eigener Polizei, eigener Hauptstadt (Tiraspol), mit Grenzen, Visa und Reisepässen. Ein Vorposten, der von Moskau benutzt wird, um mit der potentiellen Destabilisierung einer Region zu drohen, durch die weiterhin der größte Teil des illegalen Handels Richtung Europa abgewickelt wird. Unter Kutschma erlaubte die Ukraine den Handel in Richtung der separatistischen Region, aber wenn der neue Kurs von Kiew entscheiden würde, die Grenzen zu schließen, dann wären die Tage von Tiraspol gezählt. Doch die Moldawier wissen, dass die Lösung des Konfliktes zwischen Chisinau und Tiraspol sehr viel mehr von Washington und Moskau abhängt als von den Fähigkeiten ihrer eigenen Diplomatie. Hier fragt man sich besorgt, wie man den Monat überhaupt überleben kann mit einem Durchschnittsgehalt, das kaum 50 Euro im Monat übersteigt.

Männer und Frauen auf der Flucht

Die Kommunistische Partei hat die Wahlen gewonnen, indem sie versprach, das Gehalt in einem Jahr zu verdreifachen. Aber die wirtschaftliche Situation in Moldawien wird sich nicht mit dem Zauberstab lösen lassen. Es werden drastische Reformen nötig sein und ein immer entschlossenerer Übergang zur Marktwirtschaft. Dies alles wird schwierig zu realisieren sein für die kommunistische Regierung von Voronin. Und daher verlassen alle das Land, oder wollen es zumindest. Wenn Europa mit seinem Rechtsstaat, seiner Marktwirtschaft und seinem demokratischen Modell nicht in Moldawien ankommt, dann gehen die Moldawier eben nach Europa. Die moldawische Diaspora in Europa ist beeindruckend. Wie im Italien des frühen 20. Jahrhunderts gibt es keine Familie, die nicht einen Verwandten in München, Patras oder in Mailand hätte. Familien sind manchmal für Jahre zerrissen, getrennt durch eine Aufenthaltserlaubnis, die unmöglich zu bekommen ist, und getrennt durch die Entfernung, die sich nur mit internationalen Telefonkarten überwinden lässt. Und Moldawien altert, allein gelassen von seiner Jugend, die Arbeit sucht, und von Europa. Die Geldbriefe der Ausgewanderten bringen nicht viel, wenn keine eigene Produktion existiert.

Es gab große Hoffnungen in die „orangefarbene Revolution” und Kiew, und wie viel Enttäuschung und Vergessenheit zwei Monate danach in Chi?in?u. Nach Georgien und der Ukraine ist es schwierig, den demokratischen Dominoeffekt fortzuführen in einem Gebiet, das von den Anhängern der Gewaltlosigkeit vergessen zu sein scheint, von Europa, von Russland und von den Amerikanern. Ein Land, das - wenn keine radikale Änderungen eintreten - auch die Moldawier nur noch verlassen wollen. Doch fürchten sie, dabei ihre Wurzeln zu verlieren.