Moldau: Mit der Mitfahrzentrale zum Wahlerfolg

Artikel veröffentlicht am 10. November 2016
Artikel veröffentlicht am 10. November 2016

Am 13. November wählen die Moldauer ihren nächsten Präsidenten. Manche von ihnen werden dies aus der Ferne tun, dank einer Facebook-Gruppe, die in Windeseile die moldawischen Expatriates versammelte, die weltweit in den Wahlbüros ihre Stimme abgeben möchten. Vorstellung einer Bewegung, welche Einfluss auf die zukünftige Politik des Landes haben könnte. 

„Ich kann zwei Personnen in New York beherbergen“, „Wir haben im Auto noch drei freie Plätze von Kempten nach Frankfurt“, „Wir sind eine Gruppe, wir werden von Seattle nach Calgary fahren, 2400 km für eine gerechte Wahl“, „Wir haben einen Bus für 70 Personen von Northampton aus reserviert, schließt euch uns an!“ So folgt ein Post auf den anderen in der Facebook-Gruppe „Adoptă un vot!“ [„Adoptiere eine Wählerstimme“ auf Rumänisch, der offiziellen Amtssprache der Republik Moldau, Anm.d.Red.]. Die Seite kann sich vor Vorschlägen kaum retten. Wenn Nico auf einen Tee in Berlin einlädt, postet Anatolie Fotos von seinem nagelneuen Van, mit dem er insgesamt 12 Personen von Norwegen nach Stockholm mitnehmen kann, eine der wenigen Städte in Skandinavien, in der die Moldauer wählen können. Doinizza veröffentlicht die vollständige Liste der italienischen Städte, in welche ihre Landsleute sich begeben müssen, wenn sie ihre Stimme abgeben wollen. Wenn „Adoptă un vot!" auch an die Mitfahrzentrale BlaBlaCar erinnert, so hat sie indess ein einziges Ziel: sich zu organisieren, seine Unterkunft zu teilen und die Autos vollzubekommen, damit die im Ausland lebenden Moldauer bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen am 13. November en masse ihre Stimme abgeben.

  Ein politischer Roadtrip

Die Idee zu einer solchen Gruppe ist nach und nach in Barcelona gereift, bei Anastasia Condruc. Die 28-Jährige, die aus der Republik Moldau stammt und seit zwei Jahren in Spanien arbeitet, gehört zu jener Generation, die sich entschieden hat, das Land zu verlassen und das Expat-Leben zu entdecken. Heute zählt ihre Gruppe mehr als 30 000 Mitglieder und stündlich erscheinen neue Vorschläge auf der Seite. Anastasia ist selbst völlig überrascht von diesem Erfolg: „Ich dachte, dass dies einigen Freunden helfen könnte, dass sich so um die hundert Leute zusammenfinden würden, mehr nicht.“ Die Initiative ins Leben zu rufen beschloss sie im Laufe eines Skypegesprächs, kurz nach den Ergebnissen des ersten Wahlgangs. „Ich unterhielt mich mit einer moldauischen Freundin, die in Los Angeles wohnt. Sie beklagte, dass es in ihrer Nähe kein Wahlbüro gebe. Das nächstgelegene sei in Sacramento, 600 km entfernt. Später erzählte mir eine andere Freundin aus Mallorca, dass sie für sich und sechs weitere Moldauer, die wählen gehen wollen, eine Unterkunft in Barcelona suche“, fährt sie fort. „Da habe ich dann an eine Plattform gedacht, auf der jeder seine Hilfe anbieten kann. Ich sprach mit einer Freundin aus Amsterdam darüber. Ihr gefiel die Idee sofort und sie half mir, die Gruppe zu gründen.“ Angesichts des prompten Erfolgs des Projekts bitten Anastasia und ihre Freundin weitere Bekannte um Unterstützung. „Wir sind nun acht Personen, welche die Gruppe betreuen, so ziemlich auf der ganzen Welt verstreut. Aber auch andere Leute helfen uns. So hat beispielsweise jemand eine interaktive Karte veröffentlicht, auf welcher alle Wahlbüros in allen Ländern angezeigt werden.“  

„Adoptă un vot!" ist ein wahrer Wegweiser für die im Ausland lebenden Wähler, aber die Initiative ist  auch zu einem politischen Forum geworden. Mit der Besonderheit, dass hier nicht wirklich debattiert wird. So wie die Mitglieder der Gruppe ihren Fahrtweg, ihre Bleibe und ihre Zeit teilen, so unterstützen sie auch die gleichen politischen Auffassungen, welche von ein und derselben Person verkörpert werden: Maia Sandu. Dies geht so weit, dass es für einen Expat unmöglich geworden ist, in ein Auto zu steigen oder sich in irgendeiner Form zu beteiligen, wenn er nicht für die Kandidatin stimmt. Die junge 44-jährige Politikerin, Mitglied der Mitte-Rechts-Opposition, verkörpert die Erwartungen der moldauischen Diaspora seit sie die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen am 31. Oktober erreichte. Mit 38,71 % der Stimmen hat Maia Sandu die Hoffnung auf eine proeuropäische Kandidatur wieder belebt. Ihr gegenüber steht die des prorussischen sozialistischen Kandidaten Igor Dodon, der es im ersten Wahlgang fast an die Macht geschafft hätte. 

  Russland oder Europa?

Aber dieses Mal kann die Kandidatin, die im Mai 2016 ihre eigene Partei „Acțiune și Solidaritate“ (Aktion und Solidarität) gründete, auf die Stimmen der moldauischen Expatriates zählen, welche bereit sind, Tausende von Kilometern zurückzulegen, um ihr Land aus der Sackgasse herauszuholen. Mehr noch als die Kilometer wollen sie „einen Schritt in eine bessere Zukunft“ tätigen. „Maia Sandu verkörpert einen Neuanfang“, bekräftigt Anastasia. „Sie ist eine außergewöhnliche Kandidatin. Zunächst, weil sie es als eine der ersten Frauen in eine solche politische Position geschafft hat, und dann, weil sie Bildungsministerin war, Dinge auf den Weg brachte und weil sie mit der Weltbank Erfahrungen auf internationalem Gebiet hat ... Sie verstand es, vielen Moldauern, die das Vertrauen in ihre Politker verloren hatten, die Hoffnung zurückzugeben.“    

Die jüngsten Skandale sind nämlich nicht gerade vertrauenerweckend. Im April 2015 verschwanden eine Milliarde Dollar [entspricht 15 % des BIP des Landes, Anm. d. Red.] von den Konton dreier Banken des Landes. Auf die undurchsichtigen Umstände und den Korruptionsverdacht haben sowohl die prorussischen als auch die proeuropäischen Lager mit gewaltigen Kundgebungen reagiert, um ihren Unmut Luft zu machen. Seitdem folgten drei proeuropäische Regierungen in einer Allianz für die europäische Integration [gebildet aus dem Zusammenschluss der Sozialdemokraten, der Christdemokraten und einiger liberaler Parteien, Anm. d. Red.], ohne jedoch die lautstarken Proteste des moldauischen Volkes, welches die politische Klasse als in weiten Teilen korrumpiert bewertet, zu beschwichtigen.

Die Republik Moldau, eine ehemalige sowjetische Teilrepublik von 3,5 Millionen Einwohnern, von der Ukraine und Rumänien umschlossen, ist immer noch zwischen Russland und Europa hin und her gerissen. Sich für eines der Lager zu entscheiden – eine unendliche Debatte. Die Beziehungen mit Moskau wieder aufnehmen, das ein Embargo auf Fleisch und Obst verhängte, nachdem die Republik Moldau 2014 ein Assoziierungs-abkommen mit der EU unterzeichnet hatte – oder sich nach Europa wenden, und dort einen neuen Markt erschliessen? Chisinau, die Hauptstadt, ist ein Spiegelbild des Hin und Her zwischen den beiden Kulturen. Dort spricht man Russisch oder Rumänisch. An den Mauerwänden vermischt sich das kyrillische Alphabet mit der rumänischen Sprache, die lateinischen Ursprungs ist, und Fernseh- und Radiosender strahlen in beide Sprachen aus. Die Ost-West-Diskussion tobt und stellt ein wesentliches Thema in den Präsidentschaftsdebatten dar. Anastasia bedauert, dass die Geopolitik das am meisten kommentierte Thema während dieser Wahlen ist. „Der Kampf gegen die Korruption müsste im Zentrum der Diskussion stehen. Man muss zunächst daran denken, die Probleme im Land zu klären, bevor man sich Partnerschaften mit anderen Ländern zuwendet. Das ist eine illusorische Debatte, aber leider konzentriert man sich nur darauf“, erklärt sie.

  „Man fühlt sich nicht allein“

Wie auch immer, am 13. November werden sich die Republik Moldau und ihre expatriierten Staatsbürger an die Urnen begeben, um sich für ein Los zu entscheiden. „Wenn Maia gewinnt, werden wir natürlich feiern. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen der moldauischen Diaspora werden zusammenkommen, sie werden zusammen gereist sein, sie werden sich kennenlernen. Diese Gruppe bringt uns allen sehr viel. Man fühlt sich nicht alleine“, vertraut sich Anastasia an. „Die Menschen in Moldau haben mir gestanden, dass sie seit langer Zeit nicht mehr zur Wahl gegangen sind und dass sie, als sie die Begeisterung und die positiven Botschaften der Gruppe gesehen haben, wieder daran glauben und wählen gehen wollen.“ Eine Reserve von Wählerstimmen, welche vielleicht das Zünglein an der Waage zugunsten Maia Sandus sein könnte. Nach Angaben der Wahlkommission lag die Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang bei lediglich 49 %. Werden die 20 % der Moldauer, die im Ausland leben, die Wende herbeiführen können?

Wie das Ergebnis auch immer lauten mag, für Anastasia wird der Wahlsonntag mit einem positiven Fazit enden. „Es ist schon ein Sieg, eine solche Beteiligung zu sehen. Das Wichtigste ist zu wissen, dass, selbst wenn wir weit von unserer Heimat entfernt sind, es Leute um uns herum gibt, die unsere Meinungen teilen“, sagt sie. BlaBlaCar der Demokratie, solidarisches couchsurfing oder weltweite Begegnungsstätte, Adoptă un vot! bringt in jedem Fall ein bisschen Spannung in die Präsidentschaftswahlen in Moldau.

my fingers still smell like shells! hat auf jeden Fall etwas Spannung in die moldauische Präsidentschaftswahl gebracht.

Adoptă un vot