Moin statt Grüß Gott: Wenn die Sprachbiografie regional gefärbt ist

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2016

Jeder, der mehrere Sprachen als Mutter- , Zweit- oder als Fremdsprache spricht, hat eine Sprachbiografie. Nicht nur die verschiedenen Standardsprachen Europas, sondern auch Dialekte können verbinden oder spalten. Sie färben die  Alltagssprache regional, sind aber angeblich zum Aussterben verurteilt. Inwiefern sind sie Teil unserer mehrsprachigen Sprachbiografie?

Unsere Sprachbiografie dokumentiert, wie, warum und wo wir jede Sprache gelernt haben, die wir sprechen und verwenden, und daher wie sie Teil unseres Lebens geworden ist.Von klein auf lernen wir eine oder mehrere Muttersprachen und in einigen Fällen regionale Dialekte oder regionale Varianten. Inwiefern sind diese Teil unserer mehrsprachigen Sprachbiografie?

„Viele Eltern versuchen alles, um ihre Kinder zweisprachig aufzuziehen. Das geht doch mit dem Dialekt und dem Hochdeutschen auch.“, meinte 2013 Sepp Obermeier, Pfleger der baierischen Mundart, dem Magazin "Merkur"  gegenüber.  Doch die Realität sieht anders aus. „Etwa ein Prozent der Kinder in München spricht noch Bairisch“, stellte Obermeier fest. „Eltern geben die Sprache nicht mehr weiter, weil der Dialekt immer noch ein geringes soziales Ansehen hat.“ , so der überzeugte Dialektpfleger.

Dem Aussterben nah

Trotz Inititiven wie die des Hamburger Ohnsong Theaters, wo Stücke in Hamburger Missingsch zur Pflege der Sprache des Nordens aufgeführt werden,  stellen Experten wie Linguist Stephan Elspaß fest, dass Dialekte zum Aussterben verurteilt sind.  Gesprochen werden sie nur noch von älteren Menschen in einigen Regionen Deutschlands. 

Das, was bleibt, sind  die regionalen Varianten des Wortschatzes und der Aussprache, die sich bis in die Standardsprache, ins Hochdeutsche, erhalten haben, meint  Elspaß. An der Universität Salzburg nimmt sich sein  Projekt "Atlas zur deutschen Alltagssprache" vor, sie zu katalogisieren. Ob man auf "Danke"  mit "Da nich(t) für"  oder mit " segens Gott" antwortet, kommt ganz auf die Region an, aus der man kommt und deren Dialekt die Sprache im  Alltag beeinflusst.

Aus dem Alltag sind regionale Varianten nicht mehr wegzudenken. Es ist deswegen wenig überraschend, dass das passende App mit einem Hauch Regionalem  nicht lange auf sich hat warten lassen.  "Moin, Grüezi, Servus" heißt die Applikation, die digital herausfinden hilft, zu welchen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz  bestimmte Wörter und Ausdrücke am besten passen. 

Zum Schutz der bairischen Sprache  

Sepp Obermeier kann sich einfach nicht damit abfinden, dass Dialekte eher der Vergangenheit angehören.  Zusammen mit seinem Bund Bairischer Sprache leistet er Hilfe und hat selbst eine Grammatik geschrieben, die u. a.  der Lautschrift  des Dialekts gerecht wird. Sie ist auch on-line verfügbar. Obermeiers Bund freut sich sogar auf Tschüss-freie Zonen.

Die norddeutsche Grußformel wurde 2012 in Passau aus einer  Schule verbannt. Genauso wie "Hallo". "Die Schüler sollen sich bei der Jobsuche nicht blamieren", begründete die Schulrektorin Petra Seibert ihre Entscheidung. Nun, bedeutet dies etwa, dass man dagegen mit der  bayerischen Fomel "Grüß Gott"   bei der Jobsuche punktet? Seibert meinte, dass sie zumindest mehr Respekt signalisiere. Ein eher parteiisches Werturteil im hitzigen Gefecht um das Überleben regionaler Sprachen.

Chef, die Frau kann kaum Bairisch!

Moin in München

Dass meine eigene Sprachbiografie norddeutsch geprägt ist, wurde mir erst in Bayern klar. Oder anders gesagt: Dass man in Bayern im Alltag anderes spricht und denkt, habe ich persönlich erst während eines kurzen Besuches in München anlässlich des Faschings an einem sehr kalten Wintertag vor einigen Jahren am eigenen Leib erlebt. Als ich das Café betrat, wo ich nicht weit weg von der Residenz mit meiner Gastgeberin, einer geborenen Münchnerin, verabredet war, wurde auf mein fröhliches umgangssprachliches „Moin“ mit einem vorwurfsvollen und distanzierten Grüß Gott geantwortet. Was Gott am Eingang eines Cafés verloren hatte, verstand ich nur schwer. Erst als meine Gastgeberin einige Minuten später im Café erschien und mir dann ihr gegenüber ein „Tach auch!“ ausrutschte, merkte ich, dass norddeutsche Entgleisungen in München im besten Fall nur geduldet werden. Aber die Macht der Gewohnheit war bei mir trotz Bemühungen kaum zu bremsen.  

Bei einer Tasse Schokolade erzählte mir meine Gastgeberin, dass die Isar Badewasserqualität hätte, worauf sie sehr stolz zu sein schien, so dass ich vorschlug, bei der ersten besten Gelegenheit im Sommer zusammen  ans Wasser zu gehen. An den Strand, meinst du?, erwiderte sie ein wenig amüsiert. Als ich dann ihre Entschuldigungen mit einem lockeren „Nix passiert!“ entgegennahm, nachdem das Kind, das sie begleitete, heiße Schokolade auf meinen Handschuhen verschüttet hatte, schmunzelte sie richtig.

Im Zug Richtung Hamburg konnte ich endlich mal sprachlich ein wenig aufatmen. Regionale Unterschiede kann man halt in kleinen Zügen genießen (... ich meine... eben...).    

Wenn Platt plattmacht

... Und ab in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitssprachen

Während Niederdeutsch (Bremen, Hamburg, Niedersachsen),  Saterfriesisch (Niedersachsen), Sorbisch (Sachsen und Brandenburg) und Nordfriesisch (Schleswig-Holstein) in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitssprachen aufgenommen wurden, die sich den Schutz der Regionalsprachen Europas als Bestandteil des kulturellen Erbes zum Ziel setzt, ist Bairisch mit der Begründung abgelehnt worden, das Bairische habe keine einheitliche Verschriftung.

Der Bund Bairischer Sprachen verspreche sich von der Veröffentlichung der Grammatik des Bairischen es endlich in die EU-Charta zu schaffen, erklärte Obermeier dem Merkur.

Na dann...toi, toi, toi.