Modellparlament: Zwischen EU-Monster und Europarty

Artikel veröffentlicht am 7. September 2015
Artikel veröffentlicht am 7. September 2015

Trotz aller Bemühungen nehmen die Bürger die Arbeit der Europäischen Institutionen noch immer kaum wahr. Die EU hat den Ruf, ein kompliziertes Bürokratie-Monster zu sein. Warum sich also nicht mal in diejenigen hineinversetzen, die dort jeden Tag arbeiten? Etwa sechzig junge Europäer haben anlässlich der zweiten Ausgabe des Model European Union (MEU) in Warschau einen Rollentausch gewagt.

Die Stimmung am ersten Tag des Seminars an der Universität von Warschau ist entspannt. Die 54 Jugendlichen, die gerade aus 18 verschiedenen Ländern angereist sind, teilen sich in mehrere Workshops auf. Sie beschäftigen sich mit dem Sprechen in der Öffentlichkeit oder mit der Kunst des Verhandelns. Darauf werden die folgenden drei Tage aufbauen. Aber die Vorbereitungen haben schon lange vorher begonnen. Um am Projekt teilzunehmen, mussten die ausgewählten Jugendlichen ihre Rollen vorbereiten. Für drei Tage tauchen sie ein in den Alltag der Mitglieder des Europäischen Parlaments oder des Europäischen Rats. Sie werden aber auch zu Lobbyisten, Journalisten und Übersetzern. Die Teilnehmer verteidigen nicht die eigenen oder nationale Meinungen, sondern schlüpfen in die Rolle eines europäischen Beamten.

Hinter der Veranstaltung steht BETA – Bringing Europeans Together Association - eine Organisation, die neun junge Europäer 2008 in Deutschland gegründet haben. Heute hat sie 250 Mitglieder in ganz Europa, die Mehrzahl von ihnen Studenten. Ihr Name ist ebenso ehrgeizig wie ihr Ziel: die Entstehung einer europäischen Identität auf der Grundlage von Pluralismus, Toleranz und der Kooperation zwischen Einzelnen. Das Projekt Model European Union ist dabei ihr Arbeitsschwerpunkt. Das erste MEU fand 2007 im Europäischen Parlament in Straßburg statt. Nach und nach haben begeisterte Teilnehmer die Initiative in ihre Herkunftsländer getragen.

Mach’s wie Martin Schulz

Zwischen zwei Workshops tauschen sich die Jugendlichen, die die Präsidentschaft des Parlaments übernommen haben, aus. Für Susi, Österreicherin und Co-Präsidentin, ist dies nicht das erste MEU. Letztes Jahr war sie in Straßburg als Übersetzerin dabei, anschließend hat sie zweimal die Rolle eines Parlamentsmitglieds übernommen. „Ich studiere Dolmetschen und die Europäische Union ist einer der größten Arbeitgeber in diesem Bereich. Deswegen hat es mich interessiert und ich habe die Gelegenheit genutzt, in Straßburg teilzunehmen.“

 Auch wenn der Großteil der Teilnehmer Jura, Internationale oder Europäische Beziehungen studiert, ist das politische Rollenspiel offen für alle. Ewa aus Polen studiert Soziologie: „Ich war neugierig darauf zu sehen, wie das hier funktioniert. Es ist interessant, auch wenn mein Studium keinen direkten Bezug dazu hat.“ Sie ist enttäuscht von der Politik ihres Heimatlandes. Die Vorgänge in der Europäischen Union interessieren Ewa aber umso mehr: „Es ist das erste Mal, dass ich mich wirklich für Politik interessiere. Die polnische Gesellschaft ist nicht sehr vielfältig, mir fehlt der Kontakt mit anderen Kulturen.“ Auf europäischer Ebene sieht Ewa die Möglichkeit Menschen aus ganz Europa kennenzulernen.

Man braucht viel Erfahrung

Am zweiten Tag wird es ernst. Die Jungs im Anzug, die Mädchen im Blazer - die Jugendlichen spielen ihre Rolle bis ins letzte Detail. Jacek Safuta, Präsident des Informationsbüros des Europäischen Parlaments in Polen, ist zur Eröffnung gekommen. Er verzichtet auf leere Floskeln und betont, wie wichtig solche Veranstaltungen heute sind, da sogar die Existenz der Europäischen Union in Frage gestellt wird. „Europa besteht nicht nur aus Eurokraten und den Kosten der Bürokratie. Es geht um die Öffnung der Grenzen und die Bewegungsfreiheit“, erinnert Safuta. Er hofft, dass diese Veranstaltung die jungen Leute motivieren wird, an den nächsten Wahlen teilzunehmen, „an die wir jetzt schon denken.“

Nach seiner Rede ertönt die europäische Hymne. Dann beginnen die Debatten. Die jungen Europäer diskutieren über die Verwendung gentechnisch veränderter Organismen. Die einen sind eher mit Facebook beschäftigt und denken bereits an die Europarty am Abend. Andere nehmen ihre Rolle sehr ernst und positionieren sich in den Debatten.

Die Übersetzer verfolgen die Diskussionen aus ihrem Büro. Sie sind dafür zuständig, die Diskussionen simultan ins Polnische, Deutsche und Englische zu übersetzen. Marta aus Polen studiert Englisch und Französisch. Sie möchte gerne Dolmetscherin werden. Sie nimmt am MEU teil, um Erfahrung zu sammeln. Ausserdem wolle sie sehen, ob die europäischen Themen sie genug interessieren, um eine Karriere in diesem Bereich anzustreben. Ähnlich geht es Dorota, die gerade ihren Abschluss gemacht hat und hinzufügt, dass man für eine Anstellung bei der Europäischen Union „viel Erfahrung braucht“.

Das Ziel: Alle Jugendlichen in Europa ansprechen

Die Mitglieder des polnischen Teams von BETA haben sich vor zwei Jahren in Straßburg kennengelernt. Einer von ihnen ist Alexander. Die Veranstaltung zeigt ihm, „dass alle europäischen Länder gemeinsame Ziele haben und dass der einzige Unterschied zwischen ihnen die Sprache ist“.

Die Mehrzahl der Teilnehmer scheint überzeugte Europäer zu sein, auch wenn es einige Ausnahmen gibt. Benjamin, Deutscher und Mitglied bei BETA Europe, erzählt, dass er bei einer früheren Veranstaltung schon einem Euroskeptiker begegnet sei. Aber seine Ansichten hätten sich im Laufe der Debatten geändert. Während der Abschlussveranstaltung habe er endlich erklärt, dass „die Europäische Union etwas für uns tun kann“.

Aber Benjamin stimmt zu, dass es interessant wäre, Studenten aus anderen Bereichen oder sogar Jugendliche zu begeistern: „Es ist schwer, an die Jugendlichen heranzukommen, die keine Universität oder Schule besuchen, da wir uns auf diese Einrichtungen als Vermittler stützen.“ Er möchte den Teilnehmerkreis erweitern: „Ich sehe kein Problem darin, diese Veranstaltungen auch für andere zu öffnen. Daran werden wir in den nächsten Jahren arbeiten.“