Mode, Bread & Butter: Traditionsbewusste Labels - neuer Luxus

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2010
Vom 20. bis zum 22. Januar kehrte wieder Leben in den historischen Flughafen Berlin - Tempelhof ein. Zum zweiten Mal diente das Gelände als Austragungsort der Bread and Butter - der bedeutendsten Fachmesse für Urban- und Streetware. Cafebabel.com stellt 3 innovative europäische Modeinitiativen vor.

Das L.O.C.K.-Areal, ein Hangar im äußersten Westen des Geländes, ist das Herzstück der diesjährigen Bread and Butter. L.O.C.K. - das steht für Labels of Common Kin. „The Original“ - das Motto der diesjährigen Messe - ist nirgends präsenter als hier. Messechef Karl-Heinz Müller, der die Messe nach Jahren in Barcelona letzten Sommer wieder nach Berlin geholt hat, erklärt die Tradition zum neuen Luxus: „Der Verbraucher mag Geschichte. Er mag Authentizität und er will wissen, wo etwas herkommt. Tradition und Handwerk sind bedeutender als kurzlebige Trends.“ Dieser Theorie sind wir anhand von 3 europäischen Labels einmal nachgegangen.

Edsor Kronen (Berlin) - Die Suche nach „dem Wahren“

„Fühlen Sie doch mal!“, energisch greift der junge Mann mit der markanten Brille und der roten Schleife in einen Haufen grellbunter Stoffe und lässt sie durch die Hände gleiten. „Alles reine italienische Seide. Da fühlt man richtig, wie das lebt!“

Der 27-jährige Jan-Henrik M. Scheper-Stuke ist seit Jahreswechsel Geschäftsführer von Edsor Kronen - einer echten Berliner Institution. Seit 1909 stellt die Firma Krawatten, Schleifen und Schals her. Seinen Höhepunkt erlebte das Unternehmen in den „goldenen 20ern“ - einer Zeit, in der viel Wert auf elegante Kleidung gelegt wurde. Heute möchte man die Kunden wieder in dieses magische Jahrzehnt zurückversetzen. Alle Stücke sind bei Kronen handgearbeitet. Die Seide kommt aus Italien, entworfen und geschneidert wird in Deutschland. Das ist ihnen wichtig. Ganze 30 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. Zu den Kunden gehören neben Privatabnehmern auch große deutsche Ketten. Ob so eine Produktionsweise in Zeiten der Globalisierung eigentlich rentabel ist?

„Qualität rechnet sich immer“, meint Scheper-Stuke optimistisch. Selbst die Krise habe die Firma gut überstanden. Der Absatz sei annähernd konstant geblieben. Viel mehr noch: Es seien gerade die unsicheren Zeiten, in denen die Sehnsucht nach Wärme, Bestand und Authentizität besonders stark sei, erklärt der gelernte Betriebswirt. „Die Menschen haben genug von Massenkonsum und der Nivellierung in allen Bereichen. Sie suchen etwas, mit dem sie sich identifizieren können. Etwas, von dem sie sagen können: ‚Das bin ich!’“

Wannabesociety (Ljubljana): Zeig was du bist, zeig was du sein willst

Am anderen Ende des Flughafengeländes, im Street Fashion-Areal, hat die Wannabesociety aus Ljubljana ihren kleinen Stand aufgebaut. Sie sind die ersten und einzigen Aussteller aus Slowenien, verrät Tanja Kranjec stolz. Im Vergleich mit dem jungen Berliner ist Tanja unauffällig gekleidet - fast möchte man sagen: leise. Dabei passt ihr schwarzes Oberteil mit den weißen Punkten wunderbar zum Hintergrund: Dort nämlich hängen weiße und schwarze Shirts - bedruckt mit Worten wie „Happy“, „Fresh“, oder „Headbanger“.

„Wir machen keine Mode im klassischen Sinne“, stellt Tanja gleich zu Beginn klar. „Es ist eher ein Konzept, eine Philosophie.“ Die Idee: Aus einer Datenbank wählt der Kunde auf www.wannabesociety.com das Wort, das ihn am besten beschreibt. Einen Wunsch, eine Absicht, ein Ziel. Das gewählte Wort ziert dann die T-Shirts, Longsleeves, Trainingshosen oder Bikinis. Und das ausschließlich in schwarz/weiß. Alles andere würde von der message ablenken. Unsichtbares Design nennen das die Macher.

Für extreme Individualisten, die selbst unter den 1309 zur Wahl stehenden Worten nicht das richtige finden, besteht auch die Möglichkeit, eigene Vorschläge zu unterbreiten. Einmal akzeptiert, wird das Wort in die sogenannte „word chart“ aufgenommen. Angeführt wird diese Hitliste übrigens von „loved“.

Die Idee der Wannabesociety erschöpft sich jedoch nicht im Bedrucken von T-Shirts. Wichtig sei ihnen der community-Aspekt, erklärt Tanja. Inzwischen hat das 2007 gegründete Label Mitglieder aus allen Teilen der Welt - von New York bis Kuala Lumpur. „Unser Traum ist es, kreative Menschen auf der ganzen Welt zu vereinen. Menschen, denen der Inhalt wichtiger ist als die Form.“

Sébola (Lille): Mode für die Seele

Dass Mode nicht nur ästhetischen Kriterien unterliegt, verdeutlicht auch die junge Marke sébola. Das aus dem französischen Lille stammende Label hat seinen Stand ein paar Meter weiter aufgebaut. „Stilvoll, zweckmäßig, ökologisch - Mode für die Seele,“ so beschreibt Firmenchef Loïc Pollet seine Philosophie. Lässig lehnt der Enddreißiger in dunkelblauem Trainingsanzug vor seinen Sporthemden und Trainingshosen. Um den Hals trägt er eine Goldmedaille. „Nachhaltigkeit macht die ganze Welt zum Gewinner“, steht darauf geschrieben.

Sébola (das é soll an die französische Herkunft des Unternehmens erinnern) stehen für eco-design - einen globalen ökologischen Ansatz, dessen Ziel es ist, die Luft- und Wasserverschmutzung zu verringern und natürliche Ressourcen zu schonen. Das heißt im Klartext: Sébola bietet leichte, atmungsaktive Sportbekleidung aus recyceltem Polyester und Lifestyle-Mode aus 100% biologischer Baumwolle an. Diese wird in der Türkei angebaut und - um den Verbrauch natürlicher Ressourcen und die Treibhausgaserzeugung zu verringern - mit dem Schiff nach Frankreich transportiert. Bei der Verarbeitung legt man auch bei sébola Wert auf die Stützung der lokalen Industrie. Gefertigt werden die Stücke in Roubaix, das als Zentrum der französischen Textilindustrie gilt.

In Frankreich sorgte das Label, das seine Produkte über das Internet und in einer Pariser Boutique vertreibt, bereits für Aufsehen. So wurde es auf der Ethical Fashion Show 2008 für ökologisches Engagement ausgezeichnet. „Ökologisches Denken setzt sich in den letzten vier, fünf Jahren auch in der Modeindustrie durch“, meint Loïc. „Allerdings ist man in Deutschland und Skandinavien bereits deutlich weiter. Bei uns dauert es noch, bis die Leute verstehen, dass es wichtiger ist, sich gut zu fühlen, als gut auszusehen.“

Fotos: ©breadandbutter.com; Edsor Kronen; WNBS; Sébola via Facebook. Videos: ©sebolacollection; wannabesociety via Youtube