Mladić-Verhaftung: "Alptraum meiner Kindheit und Geist meiner Jugend"

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2011
Nach seiner Verhaftung und Auslieferung an das UN-Kriegsverbrechertribunal muss sich der 69-jährige mutmaßliche Kriegsverbrecher und Völkermordsverdächtige gegenüber internationalen Anklagen wegen Genozid, Ausrottung und Mord verantworten.
Während der EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek die Verhaftung als „gute Neuigkeiten für Serbien, für die Stabilität der Region“ und für „Serbiens Beitrittsprozess zur EU“ bezeichnet, reagieren serbische und bosnische Mittzwanziger mit Erleichterung.

„Ich verfolgte den Moment zu Hause live im Fernsehen. Es war eine Direktübertragung von B92 (Belgrader Hörfunk- und Fernsehsender; A.d.R.), eine Sonderausgabe über Ratko Mladićs Verhaftung, mit Korrespondenten aus der ganzen Region. Er versteckte sich unter dem Namen Milorad Komadic im Haus seines Cousins, in dem Städtchen Lazarevo bei Zrenjanin, 74 km von Belgrad entfernt in der Provinz Vojvodina (im Nordosten Serbiens). In dem Ort wohnen hauptsächlich Leute, die während des Kriegs von 1992 bis 1995 aus Bosnien geflohen sind (etwa 480 000 Menschen). Die kroatische Premierministerin Jadranka Kosor bezeichnete das als eine gute Neuigkeit für alle, für die Bewohner von Srebrenica (hier wurden während des Massakers von Srebrenica 8 000 Muslime ermordet; A.d.R.), für Stabilität und Gerechtigkeit. Mladić steht jetzt vor einem speziellen Gericht für Kriegsverbrechen, wo er sich für den bosnischen Krieg verantwortlichen muss, unter anderem für die Belagerung von Sarajevo und das Massaker von Srebrenica.

Die Reaktion in Belgrad ist größtenteils positiv. Die Leute sind heilfroh und erleichtert. Viele denken, dass die Regierung Mladić aus politischen Gründen betrogen hat, weil die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Catherine Ashton,heute nach Belgrad kam. Ich denke, dass es noch etwa einen Monat bis zu unserem EU-Beitrittsstatus dauert. Das Timing scheint in diesem Vorwahljahr so kalkuliert, dass die Leute eine Verschwörung vermuten. Die regierende demokratische Partei befindet sich in einem Umfragetief und wird die nächsten Wahlen höchstwahrscheinlich verlieren. Mladić ist jetzt alt und in schlechter Form, im Gegensatz zu seinem Kollegen Radovan Karadžić (früherer Präsident der bosnischen Serben und ebenfalls angeklagter Kriegsverbrecher; A.d.R.), den man 2008 im Beruf eines NewAge-Wunderheilers aufstöberte. Er hatte mindestens einen Schlaganfall, weil er seine Hand nicht bewegen kann. Meine früheste Erinnerung an diese ganze Sache ist der Wahn von 1995, als die Leute ihn als einen kleinen Gott feierten. Jetzt fühle ich nichts. Er arbeitete mit dem Gefangenen zusammen und wir haben mehr als zehn Jahre über ihn geredet.“

Todor, serbischer Journalist, 27 Jahre

„Ich war in unserem Büro, als ich die Neuigkeit erfuhr. Zuerst konnte ich es nicht glauben und hielt es für ein weiteres von den vielen Gerüchten, die wir die letzten 16 Jahre über gehört haben. Dann wartete ich auf die Pressekonferenz des pro-westlichen serbischen Präsidenten Boris Tadić. Jeder im Büro schaute zu und jeder auf Facebook regte sich auf. Der erste Satz lautete ‚Mladić wurde inhaftiert…‘, daraufhin entstand ein Mischmasch an Gefühlen. Freude, Frustration, weil es so lange gedauert hat, und Frustration, weil wir in Den Haag einen weiteren Prozess erleben werden, der nichts weiter als ein Hohn auf die Gerechtigkeit ist. Aber ich schätze mal, dass es nie zu spät für Gerechtigkeit ist.

Die Leute feiern nicht. Die Eilmeldung wurde vorm BBi Einkaufszentrum gezeigt. Eine alte Frau gratulierte mir. Alle sind ein bisschen verbittert, weil es so lange gedauert hat. Aber es herrscht auch ein Siegesgefühl. Gerade eben hat mich mein Bruder angerufen, er war in der Schule. Er gehört zu der Generation, die zu Kriegszeiten geboren wurde. Er erzählte mir, dass jeder laut aufgeschrien hat, als sie die Nachricht in der Schule hörten.

Serbien kann mich nicht täuschen. Ich bin mir sicher, dass sie die ganze Zeit über gewusst haben, wo sich Mladić aufhielt. Sie deckten ihn und kümmerten sich um ihn und seine Familie. Erst als ihr Ruf und ihre mögliche EU-Mitgliedschaft auf dem Spiel standen, verhafteten sie ihn. Sollen wir jetzt applaudieren? Vielleicht erhalten sie etwas Beifall von den Unwissenden oder von denjenigen, die so tun, als wären sie blind und taub gegenüber den ICTY-Reportagen (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia, das UN-Kriegsverbrechertribunal; A.d.R.), die jahrelang betont haben, dass Serbien eine Schlüsselrolle in Mladićs Schutz spielt. Mladić war der Alptraum meiner Kindheit und der Geist meiner Jugend. Ich kann nur eins sagen: Fuck you, Faschist.

Sadzida Tulic, Jura-Absolventin und Doktorandin im Bereich Menschenrechte und Demokratie, Sarajevo, 24 Jahre

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