Mittelmeer-Tragödie: Ein Meer voll namenloser Leichen

Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2016

Leichen von Migranten identifizieren, die tagtäglich an die europäischen Küsten geschwemmt werden, um ihnen ihre Würde zurückzugeben. Das ist das Ziel des internationalen Projekts "Mediterranean Missing", das vom Britischen Economic and Social Research Council finanziert wurde. Giorgia Mirto, eine der Projektverantwortlichen, erzählt uns über ihren Alltag im "Vorzimmer des Todes". 

Namenlose Leichen. Männer, Frauen und Kinder, dem Leben entrissen und in Vergessenheit geraten. Sie wurden vom Mittelmeer verschlungen, das seinem Namen "Vorzimmer des Todes" immer mehr die Ehre macht. Die Statistiken machen diese Tragödie Tag für Tag deutlicher: Von 2015 bis zur ersten Hälfte des Jahres 2016 sind 6600 Migranten ertrunken oder im Mittelmeer verschwunden. Und diese Zahlen werden steigen. 

Eine neue Studie, durchgeführt von der York University und der Universität London in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Datenanalyse globaler Migrationen (Global Migration Data Analysis Center) der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ergibt, dass viele der Leichen niemals identifiziert werden. Menschen, deren Familien über ihren Körpern keine Träne vergießen können. Sie verschwanden, als hätten sie niemals existiert. Um diese schwere humanitäre Krise zu lösen, wurde das Projekt Mediterranean Missing gegründet, das vom Economic and Social Research Council Großbritanniens finanziert wird. Ziel des Projekts ist es, die Leichen der Migranten zu identifizieren und ihnen so ihre Würde zurckzugeben. Das Vorhaben nimmt an Fahrt auf, aber der Weg ist noch lang und beschwerlich.

Giorgia Mirto, 29 Jahre alt, ist als junge Wissenschaftlerin aus Palermo und seit Beginn des Projekts die Verantwortliche auf Seiten Italiens. Sie erkärt, dass sich eine Gruppe von Wissenschaftlern verschiedener Nationalitäten auf den Inseln Lesbos und auf Lampedusa darüber ausgetauscht hat, wie die nationalen Autoritäten davon überzeugt werden konnten, sich mit dem Prozess der Identifzierung der angespülten Leichen zu befassen. "Unsere Untersuchung hat die großen Lücken und Einschränkungen ans Licht gebracht, die im Umgang mit den Überlebenden, aber vor allem im Prozess der Leichenidentifikation bestehen", bestätigt Giorgia. Sie fährt fort: "Die persönlichen Habseligkeiten der Geflüchteten werden, wenn überhaupt, dann nur selten gesammelt oder archiviert und diejenigen, die überleben, werden von den zuständigen Behörden nicht befragt. So fehlt beispielsweise ein internationales Register über Verstorbene im Mittelmeer."

Die Ausführungen von Giorgia Mirto stützen sich auf zahlreichen Interviews mit Repräsentanten  lokaler Behörden, Gerichtsmedizinern, dem Roten Kreuz, Bestattungsinstituten und mit NGOs, die solche Personen unterstützen. Die Befragten prangerten im Laufe der Interviews große Probleme an, die auf der Abwesenheit einer koordinierten kohärenten Politik gegenüber verstorbener Migranten fußen. 

"So verkochen die Leichen in der Sonne"

"Es gibt zwei Methoden der Identifizierung von Leichen: die visuelle und die wissenschaftliche", erzählt Giorgia. Erstere wird von Personen durchgeführt, die die Person kannten, letztere wird Gerichtsmedizinern überlassen, die zur Erkennung beispielsweise auf die Analsye der DNA zurückgreifen. "Die Prokurateure akzeptieren leider nur die wissenschaftliche Identifizierung, was Folgen für die Hinterblieben aber auch die Administration nach sich zieht." Das heißt: Wenn die Leiche nicht identifiziert wird, unterschreibt die Staatsanwaltschaft die Erlaubnis für die Übergabe der Leichen nicht. "Um jemanden zu identifizieren, brauchen die Experten Daten des Körpers, die sie mit Daten potentieller Verwandter abgleichen können."

Die Zahl der identifizierten Toten ist sehr klein: In Italien liegt sie bei 14%. Die übrigen 86% geraten in Vergessenheit. Diese Zahlen lassen sich teilweise dadurch erklären, dass viele Italienische Kommunen nicht darauf vorbereitet waren und dass die Politik in diesen Punkten keine klaren Bestimmungen erlassen hat. "Die Leichen sollten in Leichenhäusern aufbewahrt werden", rutscht es aus Giorgia heraus. "Aber das ist nicht immer der Fall. Sie werden teilweise in Säcke gesteckt und in der Sonne liegen gelassen - so verkochen sie in der Sonne! Die Auopsie wird vom Amt für Gerichtsmedizin oder auf Friedhöfen durchgeführt. Aber beispielsweise der Friedhof von Palermo ist, wie viele andere Friedhöfe in Italien, nicht darauf ausgelegt, Autopsien durchzuführen - es fehlt Wasser und Licht. Da es auf Lampedusa kein Leichenschauhaus gibt, werden die Körper nach Agrigante geschickt - diese Reise verkompliziert die Phase der Identifikation nur unnötig."

Zu jedem identifizierten Körper, und zu jedem, der im Meer verschwunden ist, gibt es eine Familie, die auf Nachrichten wartet. Hoffnung und Enttäuschung gehen ineinander über, bis sie ein einziges Gefühl werden. "Ein Ergebnis unserer Recherche betrifft die Hinterbliebenen und das, was wir "Ambiguität der Trauer" nennen", gibt Giorgia an. "Es gibt Familien, die nicht wissen, ob sie weinen oder hoffen sollen. Das führt zu einem Zustand der emotionalen Instabilität, von Angstzuständen, Panikattaken, Depressionen und Schlaflosigkeit bei den Hinterbliebenen. Millionen von Menschen sind zur Unsicherheit verdammt", fährt Giorgia fort, die sich an ein fünfjähriges Kind erinnert, dass den Tod seines Vaters nicht akzeptierte. 

"Europa rührt nicht einmal mit dem kleinen Finger"

Die Dringlichkeit besteht, aber die EU scheint in dieser Sache nicht sehr reaktiv zu sein. In dieser Angelegenheit verändert sich Giorgias Ton schlagartig. Zuvor ruhig und mild, wird die Stimme nun aufgebracht und wütend. "Europa rührt nicht einmal mit dem kleinen Finger und hilft bei der Finanzierung nicht mit. Das Vorhaben wird vom italienischen Staat gezahlt, und denjenigen, die helfen wollen und es freiwillig und aus eigener Tasche tun, motiviert von dem Ziel, den verstorbenen Migranten ein wenig ihrer Würde zurückzugeben." Ihrer Meinung nach muss die EU Italien aufzeigen, wie in diesem Fall weiter verfahren werden soll und sollte finanzielle Unterstützung liefern. Das ist momentan nicht der Fall, im Gegenteil: "Die Europäische Union begüngt sich damit, dass Italien mit dieser Frage alleine bleibt." Ihre Schlussfolgerung ist bitter: "Die EU und die Mitgliedsstaaten nehmen ihre Verantwortung bezüglich der Aufbewahrung der Leichen und Vermittlung von Informationen, die für die Identifzierung Verstorbener hilfreich sind, nicht wahr. Mediterranean Missing versucht etwas zu tun, aber wir sind allein."