Mitfahren in Brüssel: Umweltschutz auf Rädern

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2011
Das stressgeplagte, graue und offizielle Brüssel will die Chance nicht verpassen sich zu erneuern und als nachhaltige Stadt zu präsentieren. Eines der Schlüsselprojekte ist dabei das neue Transportkonzept. Wie kann man den Autoverkehr verringern und gleichzeitig die Benutzung öffentlicher Fahrräder erhöhen?
Hier einige Angebote, die der europäischen Hauptstadt in Sachen Umweltschutz Räder machen wollen.

In Brüssel regnet es heute Bindfäden - da wäre ein Auto zur Fortbewegung schon um einiges praktischer (und trockener) als das Rad, von dem viele Bewohner der Stadt zunehmend profitieren. Verbrennungsmotor, Benzin und CO2 stehen in puncto Nachhaltigkeit allerdings auf der Abschussliste. Doch Brüssel dreht den Spieß jetzt um: In der belgischen Hauptstadt gibt es neuerdings auch alternative Möglichkeiten zur Autonutzung, um die Zahl der Fahrzeuge in der Innenstadt zu verringern.

Seit 2003 ist der private Mitfahrgelegenheiten-Anbieter CambioCarSharing in Brüssel aktiv. Dem Vorbild der in ganz Europa gut funktionierenden Fahrradverleihe entsprechend, hatte Cambio die zündende Idee Autos auf Stundenbasis zu vermieten. „Unser Ziel ist es die Vorzüge des Autos zu nutzen und gleichzeitig eine Alternative zum Privatwagen zu finden“, erklärt Frédéric Van Malleghem, Chef von Cambio in Brüssel und fügt hinzu, dass das Angebot nicht darauf abzielt die Benutzung des Autos zu fördern, sondern ihm eine begrenzte und sinnvollere Nutzung zu geben. Das System ist kinderleicht: über die ganze Stadt verteilt gibt es 70 Stellen, an denen man ein Auto von Cambio leihen oder wieder abstellen kann.

Jeder Nutzer hat ein Monatsabo und eine elektronische Schlüsselkarte. „Unser Angebot soll zusammen mit anderen Transportmitteln, wie der Metro oder der Straßenbahn genutzt werden - das nennen wir co-modality.“ Ein Konzept, das die Europäische Kommission bereits 2006 eingeführt hat und das die Kombination verschiedener Fortbewegungsmittel zum Ziel hat. 

Eine in Zusammenarbeit mit der EU durchgeführte Studie von Taxistop, einem belgischen Urgestein der Mitfahrgelegenheiten (seit 1978), stellt fest, dass 70% der Autofahrer Car-Sharing als Möglichkeit nutzen, um persönlich etwas für die Umwelt zu tun. Auch wenn es zunächst pedantisch klingen mag: Durch die vernünftige Nutzung von Mietwagen gehen der Kauf von Fahrzeugen und das Verkehrsaufkommen in der Stadt schrittweise zurück.

Brüssel by bike

Auch bei ProVelohat man sich, zusammen mit anderen Fahrradfahrer-Vereinigungen, die so genannte 'mobilité durable' - die nachhaltige Mobilität auf die Fahnen geschrieben. „Bike Experince“ nennt sich ein Versuch des Vereins, bei dem eine Gruppe ausgewählter Personen zwei Wochen lang das Fahrrad für die täglichen Fahrten zu Arbeit oder Schule nutzen sollte. „Die Ergebnisse waren äußerst positiv. Die Hälfte der Teilnehmer bestätigten im Nachhinein, dass sie auch weiterhin das Fahrrad im Alltag nutzen. Wir sind Förderer und Berater und bringen den guten alten Drahtesel in alle Ecken der Stadt“, sagt Johannes Grillet, überzeugter Radfahrer und Pressesprecher von ProVelo. Seiner Meinung nach ist es möglich die Bürger in gewissem Maße für das Thema 'nachhaltiger Transport' zu sensibilisieren: „Wir können Türen öffnen, die Leute aber andererseits nicht auf den Sattel zwingen; das ist auch gar nicht unser Ziel.“ Derzeit beträgt das innerstädtische Transportaufkommen in Brüssel mit dem Rad 4%! Tendenz steigend - und mit ihr auch die neuen Möglichkeiten auf Rädern.

Johannes Grillet glaubt, dass das Privatfahrzeug ausgedient hat. „Das Fahrrad ist das beste Mittel, um sich in Brüssel fortzubewegen. Man kommt schneller vorwärts, man ist aktiv, die Belastung für die Umwelt ist gleich null und es ist nicht gefährlicher als andere Transportmittel.“ Es mag - strömender Regen hin oder her - in manchen Situationen sogar die beste Option während des nebligen Brüsseler Winters sein. „Wer die Kontrolle verliert, muss beim Auto mit viel schlimmeren Folgen rechnen als beim Fahrrad.“

Zudem ist der Zugang zum Rad relativ leicht. Denn Brüssel ist mit zahlreichen Fahrradstationen übersät. Im Zentrum wimmelt es nur so davon. Villo! ist einer der öffentlichen Anbieter. Seit Mai 2009 bietet die Brüsseler Stadtregierung mit Villo! ein Jahresabo für die 180 quer über die Stadt verteilten Leihstellen für Fahrräder an. Kostenpunkt: 30 Euro. Johannes Grillet freut sich sichtlich über den Erfolg des Projekts: „Villo! hilft uns dabei, die Personen zu überzeugen, die es immer noch nicht sind. Die Fahrräder sind auf den Straßen sehr präsent. Man sieht sie jeden Tag, wenn man das Haus verlässt… Da kann es gut sein, dass man sich plötzlich denkt: Warum nicht mal ausprobieren?“. Das städtische Angebot richtet sich nicht nur an die Bürger von Brüssel, es gibt auch Kurzzeit-Tarife für Besucher und Touristen, die ähnlich wie die Vélibs in Paris (für einen Euro täglich) oder BikeMIin Mailand funktionieren.

Während ich also durch die Straßen der Stadt schlendere, eingepackt in einen dicken Wintermantel, sehe ich Fahrräder und Autos, die sich einen regen Schlagabtausch im Brüsseler Verkehr liefern. Erstere scheinen keine Grenzen zu kennen. Mal auf, mal neben der Straße, wenn sie wollen, halten sie an der roten Ampel, wenn sie es eilig haben, wechseln sie auf den Bürgersteig und schneiden die Fußgänger. Sie klingeln und fahren Slalom zwischen Autos und Fußvolk. In vielen Autos sitzen ein oder zwei Leute; selten, um nicht zu sagen nie, sieht man ein voll besetztes Fahrzeug. Sieht so die Brüsseler co-modality aus?

Danke an das cafebabel.com Localteam in Brüssel!

Fotos: (cc)Hauke Sandhaus/flickr; ©Diana Duarte/dianaduarte.com