Mit Karacho in die Konfrontation

Artikel veröffentlicht am 24. November 2005
Artikel veröffentlicht am 24. November 2005

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Der geplante Hochgeschwindigkeitszug TAV soll eines Tages Italien und Frankreich verbinden. Aber vorher muss er an den Bewohnern des Susa-Tals vorbei, die gegen die Zerstörung ihrer Heimat kämpfen. Auch wenn dies gegen die europäische Integration geht.

"Korridor 5": Gemeint ist die Gleisverbindung, die sich ab 2015 von Kiew nach Lissabon schlängeln und dabei die Alpen durchstoßen soll. "Zankapfel TAV": So nennt man sie in Italien. Denn in einem Grenztal, dem Val di Susa (Susa-Tal), kommt es in diesen Tagen zu Demonstrationen, Sit-ins und Bombendrohungen.

Warenfluss aus dem Fernen Osten

Im September 2001 hat die Europäische Kommission unter Berücksichtigung der Umweltproblematik das "Weißbuch des Transports" vorgestellt, das zu mehr Sicherheit und weniger Umweltverschmutzung im Verkehr beitragen sollte. Einige Monate zuvor hatten der damalige italienische Ministerpräsident Giuliano Amato und sein französischer Amtskollege Lionel Jospin die Abkommen zur Schaffung einer Hochgeschwindigkeitszugstrecke zwischen Italien und Frankreich unterzeichnet. Mittels dieser Direktverbindung von Turin und Lyon sollten die sozioökonomischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern verstärkt werden. Diese Bahnlinie soll Teil des "Korridors 5" sein, der zukünftigen Güterzugstrecke Kiew – Lissabon, die die wichtigsten europäischen Industrie- und Handelszentren miteinander verbinden wird. Und da sie auch die Hafenstadt Marseille einbinden wird, wird sie den Warenfluss aus den anderen Kontinenten, an erster Stelle aus dem Fernen Osten, begünstigen.

Für die italienischen Politiker ist die Einbindung des TAV Turin –Lyon in das Brüsseler Projekt eine Priorität gewesen: nicht nur um Zugang zum Finanztopf für EU-Großprojekte zu haben, sondern auch um Italien in die europäische Wirtschaft zu integrieren. Die Bevölkerung aber sagt Nein.

80 000 im Aufruhr

Das Susa-Tal ist ein fünfzig Kilometer langer Landstrich, der sich von Turin bis nach Frejus erstreckt. Er zählt 60 000 Einwohner, welche sich am 16. November zu einem Protestmarsch zusammengefunden und „No TAV!“ geschrien haben - tatsächlich waren es sogar 80 000. Denn dank des wachsenden Medien-Tamtams rund um ihre Protestbewegung sind die Valsusiner in der Zwischenzeit zum nationalen Symbol für all jene aufgestiegen, die den eigenen Boden gegen Auswüchse der Globalisierung und hemmungslose Verbauung verteidigen. Und so gab es unter den Demonstranten auch Delegationen vom Mont-Blanc, vom Brenner, von der Anti-TAV-Bewegung des Mugello-Gebiets bei Florenz oder von Ligurern, die vom Bau der Hochleistungsstrecke Terzo Valico betroffen sind.

Warum aber diese Unnachgiebigkeit? Die Valsusiner fürchten um ihren eigenen Grund und Boden. Die Berge sind reich an Uran und Asbest. Solange allerdings die Analysen nicht durchgeführt sind, kann man nicht wissen, ob das Problem umgehbar ist, und im Zweifelsfall behindert daher die Bevölkerung die geologischen Probebohrungen durch Sit-ins und Spontandemonstrationen. Außerdem werden die Bauarbeiten über zehn Jahre dauern und somit die Beschaulichkeit des Berglebens nachhaltig beeinträchtigen. Und als Endergebnis wird eine Tunnelgalerie das Tal in zwei Hälften spalten, ein Tal, in dem Leute wohnen, die nach Jahren des Partisanenkampfes ein sehr starkes Identitätsgefühl entwickelt haben.

Ein Hindernis für die Olympiade?

Unterdessen rebelliert das Volk. Und mit ihm die Verwaltung, die mit Mitte-Links-Politikern besetzt ist und die Gewerkschafter — obwohl die Politiker von den den Positionen ihrer eigenen Parteien abweichen und sich die Dachorganisationen der Gewerkschaften, "Cgil-Csil" und "Uil", wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten offiziell für den TAV ausgesprochen haben. Die Talbewohner werden am 28. November erneut demonstrieren, ein Treffen zwischen Regional- und Lokalverwaltung ist angesetzt worden. Und der Schrei „No TAV!“ wird auch beim Generalstreik am 25. November widerhallen und sogar die Gewerkschaftsproteste zum neuen Finanzgesetz übertönen. Das Schlimmste bleibt zu befürchten, nach den Bombenalarmen der letzten Tage und den Boykottdrohungen für die Olympischen Winter-Spiele 2006 im nahen Turin.

Die EU hat inzwischen dem Regionalvorsitzenden Bresso und dem Transportminister Lunardi Briefe geschickt: Aus für die Finanzierung und Abänderung der Streckenführung, falls die Bauarbeiten nicht innerhalb eines Jahres anlaufen sollten. Die Beteiligung Italiens an einer „sozioökonomischen Integration Europas im Hochgeschwindigkeitszeitalter“ scheint vom Susatal abzuhängen. Das Kräftemessen geht weiter.