Mit 66 Jahren...

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006
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Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2006

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Die Jugend wird das 21. Jahrhundert regieren? Von wegen! Die Zukunft gehört den Alten. Rentner werfen immer öfter die Pantoffeln in die Ecke und erfüllen sich ihre Träume.

„Ich weiß nicht, ob ein Konsens darüber besteht, wann man zum Mann wird. Alt hingegen ist sicher der Rentner, also ein Mensch über 60“, meint der 67-jährige Krzysztof Zanussi, polnischer Film- und Theaterregisseur. „Ich bin jetzt so alt und bleibe wachsam, um herauszufinden, ob dies schon das Alter der Niederlage ist, oder ob auch ich anfangen sollte, ein fröhliches Leben zu führen.

...fängt das Leben erst an!

Es ist schwer festzustellen, wann das Greisenalter beginnt, wenn man sich die Rentner von heute anschaut. Manche beschließen beruflich aktiv zu bleiben, so wie der 75-jährige Italiener Riccardo Bertani. Der Experte in Sprachen und Traditionen des Mittelasiatischen Raumes hat vor Kurzem seine Arbeit an einem italienisch-mongolischen Wörterbuch beendet.

Andere bevorzugen ein aktives Leben: Sie treiben Sport, machen Ausflüge, studieren, sind in Nichtregierungsorganisationen aktiv. Wie man seine Freizeit verbringt, hängt dabei vor allem von Geld und Gesundheit ab.

„Rentner in den USA sorgen sich um die Wassertemperatur im Schwimmbad, Rentner in Deutschland um die Reisekosten in warme Länder, Rentner in Polen hingegen kämpfen auf den Barrikaden“, flachst Krzysztof Skiba, Bandleader der Spaß-Gruppe BIG CYC. „Sie haben ihr Radio, ihren Premierminister, ihren Präsidenten. Sie sind die dynamischste Gruppe in der polnischen Gesellschaft, daher kommt auch unsere Bewunderung und das Lied ‚Moherowe Berety’“*. Der Sieg der national-konservativen Partei für Recht und Gerechtigkeit (PIS) bei den letzten Parlaments- und Präsidentenwahlen in Polen wird den alten Leuten zugeschrieben, vor allem den Hörern des ultrakatholischen Radio Maryja.

Bildung und Sport

In Europa gibt es einige hundert Universitäten mit einem Senioren-Programm. Sie bieten die Möglichkeit, sich Jugendträume zu erfüllen, die bisher nicht mit dem Berufsleben und den Pflichten des Alltags zu vereinbaren waren. Diese Einrichtungen bemühen sich, dem immer größer werdenden Interesse an Bildung gerecht zu werden; aber sie brüsten sich auch damit, die mentale Aktivität der Senioren anzutreiben. „Sogar die Professoren sagen, dass sie lieber uns unterrichten, da die Hörer motivierter sind und härter arbeiten als die jungen Studenten“, meint Jeannine Pasche von der Université de Troisième Age („Universität des Dritten Lebensalters“) im Pariser Vorort Créteil.

Es gibt keine Examen, nicht einmal eine Aufnahmeprüfung und am Ende erhalten die Senioren kein Diplom. Sie nehmen aus purer Freude an den Lehrveranstaltungen teil. 168 Euro beträgt die jährliche Gebühr, die Vorlesungen dauern von Oktober bis Juni. Derzeit sind 1471 Hörer eingeschrieben, der Älteste ist 93 Jahre alt. Vor allem Fremdsprachen, die Gruppenreisen ermöglichen, sowie Kunstgeschichte erfreuen sich großem Interesse. „Die Senioren versäumen selten einen Kurs, und wenn, dann aus gesundheitlichen Gründen. Die Senioren kommen auch her, um sich ein soziales Leben aufzubauen, führt Jeannine Pasche weiter aus.

„Ich erfülle mir meine Träume, ich möchte mir beweisen, dass ich dazu im Stande bin, tatsächlich zu malen. Gerade jetzt, da ich nicht berufstätig bin, sagt Aleksandra Ogorzaek, Studentin an der Senioren-Universität in Lodz.

In Europa wundert es niemand mehr, wenn Omi Fahrad fährt. „Ich habe ein Auto, aber wenn ich Zeit finde und die Möglichkeit habe, dann fahre ich Fahrrad. Aus Spaß und für die Gesundheit“ sagt der energisch-lächelnde Roman (82), Vizepräsident der Gemeinschaft der Polnischen Kriegsinvaliden.

Die Sorge um die Gesundheit und die gute Verfassung ist auch in den Niederlanden verbreitet. Mia Spierdijk, 74, spielt regelmäßig Golf: „Die 18 Löcher bereiten mir Freude, es tut mir gut, dreimal die Woche sieben Kilometer an der frischen Luft zu spazieren.“ Spierdijk, eine moderne Oma, schickt mit ihrem Handy Kurznachrichten an ihren Enkel, der im Ausland ist, schreibt E-Mails, um sich mit ihren Freunden zu verabreden oder surft im Internet, um sich die Wettervorhersage anzuschauen oder Zeitung zu lesen. „Ich habe dieselbe Mentalität wie mit 25. Nur das ich heute ich schneller erschöpft bin“, gibt Mia zu.

Berühmtheit im Rentenalter

Seit einiger Zeit beherrschen ältere Frauen über 60, die wie Profimodels mit tanzendem Schritt bunte Kreationen präsentieren, die Laufstege und einige polnische Bekleidungsketten. Trotz ihres Alters haben sie keine Angst vor dem Leben, vor Extravaganz oder davor, sich lächerlich zu machen. Sie experimentiern gerne. So sagt das Model Krystyna: „Wir haben uns des Komplexes entledigt, dass wir alt seien und nur noch für Pantoffeln und den Schaukelstuhl taugten“.

* Wörtlich: „Ziegenhaar-Baskenmütze“. Eine abschätzige Anspielung auf Fans der ultrakatholischen Radiostation Radio Maryia, die gerne eine solche Kopfbedeckung tragen.

Copyrights Foto 2 + 3: Jacques Erard, l'Université du Troisième Age de Geneve und Mia Spierdijk