Mircea Cartarescu: 'Ich mag Männer, die Weiblichkeit ausstrahlen'

Artikel veröffentlicht am 15. September 2007
Artikel veröffentlicht am 15. September 2007

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Der 40-jährige Schriftsteller und Dichter Mircea Cartarescu nimmt die rumänische Seele auseinander.

Cartarescu besucht Warschau an einem schönen, sonnigen Tag. Sein Roman Travesti (1994), auch unter dem Titel Lulu bekannt, ist vor kurzem auf Polnisch erschienen. Es handelt sich dabei um einen sonderbaren Roman, der die dunklen Seiten menschlicher Psyche und Sexualität erforscht, von Kindheitstraumata sowie jugendlichen Initationsriten erzählt.

Mircea Cartarescu, der zu den bekanntesten zeitgenössischen Schriftstellern in Rumänien zählt, kam im Problemjahr 1956 auf die Welt und begann im Alter von 22 Jahren zu schreiben. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Rumänischlehrer, war Redakteur beim Magazin Caiete Critice (Literarische Hefte) und arbeitete als Dozent an der Universität in Amsterdam. Seit 1991 lehrt er rumänische Literatur an der Universität in Bukarest.

Wir treffen uns gleich nach seiner Lesung in einem zentral gelegenen Café. Etwas verstimmt komme ich zu dem vereinbarten Treffen, denn sein Buch ist...unheimlich: Bosheit, Gewalt, Schmutz, Ekel und Einsamkeit charakterisieren Cartarescus Werk. Der Autor selbst schaut mich mit dem hypnotisierenden Blick eines halbverhungerten Wolfs an. Erst nachdem er seinen Mund aufmacht, ist der böse Zauber verflogen: Seine Stimme ist ruhig und angenehm.

Die heutige Lesung widmet sich seinem Roman, der in Polen erst 16 Jahre nach seiner Entstehung veröffentlicht wurde. Carterescu sagt, er empfinde abermals "die Freude des Debüts". Einst habe der Roman sein Leben stark beeinflusst.

Psychologischer oder Gay-Roman

Travesti ist eine Studie des Zufalls. Der als Hermaphrodit geborene Romanheld wird bis zum vierten Lebensjahr als Mädchen erzogen. Dann einigen sich seine Eltern auf das andere Geschlecht und das Mädchen verwandelt sich über Nacht in einen Jungen. Das Kind verdrängt die Ereignisse. Erst Jahre später sollte das Trauma erneut aufbrechen, als der 15-jährige Viktor infolge einer homosexuellen Belästigung einen Nervenzusammenbruch erleidet. Dem Nervenzusammenbruch folgen Jahre nicht anschlagender Therapien. Erst die so genannte Schreibtherapie, mit der das Gedächtnis stimuliert werden soll, hilft. Plötzlich erinnert sich Viktor an das frühkindliche Ereignis. Nach dem anfänglichen Schock kann er endlich zu sich selbst finden.

"Nachdem ich den Roman zu Ende geschrieben hatte, wusste ich nicht, worum es in ihm geht. Erst ein älterer Professor erklärte mir den Sinn meines eigenen Werkes. Ich schrieb schrecklich langsam, ein Jahr lang, und die ganze Zeit hat mich die Vorahnung begleitet, dass es ein Flop sein würde. Im Verlag sagte man, dass sei mein schlechtestes Buch. Die ersten Rezensionen waren niederschmetternd. Ich habe wahnsinnig darunter gelitten und dachte, dies sei das Ende meiner Karriere. Erst ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Buches kam im Park eine junge Frau auf mich zu und sagte, dass ihr das Buch sehr gefallen habe. Das war wichtiger als alle Rezensionen."

Dieser Vorfall hatte offensichtlich die Bedeutung eines symbolischen Wendepunkts, denn wenig später kehrte sich die Tendenz in den Buchrezensionen komplett um. "Ich bekam in Rumänien die zwei größten literarischen Preise verliehen" (Romanian Writer's Union Prize, ASPRO Prize). "Vorher und auch nacher hatte ich nie gleichzeitig diese beiden Auszeichnungen für ein Werk erhalten." Heute findet man die Interpretation von Travesti in rumänischen Schulbüchern.

Der in viele Sprachen, darunter Französisch und Holländisch, übersetzte Roman bescherte seinem Autor unerwarteten Ruhm. "Im Ausland beschloss man, es sei ein Gay-Roman. Ohne mein Wissen wurden in Holland, Italien und Frankreich die Umschläge von Travesti mit einem Bild versehen, auf dem junge Männer in eindeutigen Posen zu sehen sind. In Italien erschien sogar eine Rezension, welche den Titel 'Piccola Biblia Gay', 'Die kleine Gay-Bibel' trug." Dies ist nicht alles. "Eines Tages rief mich eine italienische Regisseurin an, die den Roman für das Studio Mirinda verfilmen wollte. Ich war überglücklich und suchte sofort die Mirinda-Internetseite auf, um mich über das Studio zu informieren! Zumindest habe ich meine Allgemeinbildung gefördert, als ich erfuhr, dass Mirinda ein Transvestit war, der die Gay-Revolution in New York initiierte." Cartarescu amüsiert: "Wäre ich damals schlau gewesen, würde ich bis heute aus der Angelegenheit Profit ziehen. Mir war es jedoch lieber, die Wahrheit über meine sexuellen Präferenzen zu sagen. Sofort wurde ich uninteressant."

Warum wir die Frauen lieben - und die Europäische Union

Ein unmissverständliches Zeugnis von Cartarescus sexuellen Vorlieben legt das vor nicht allzu langer Zeit erschienene Buch unter dem bezeichnenden Titel Warum wir die Frauen lieben ab. Travesti und Warum wir die Frauen lieben sind wie Tag und Nacht. So düster ersteres erscheinen mag, ist Cartarescus Ode an die Frauen hell und unkompliziert. Warum wir die Frauen lieben besteht aus zwanzig Kurzgeschichten, die ich für Elle geschrieben habe. Im Mittelpunkt jeder Erzählung steht eine Frau. Alle Porträts der Heldinnen zusammen ergeben das Bild der Weiblichkeit. Dabei wollte es ein Zufall, dass ich diese Geschichten in einem Band herausgegeben habe. Für mich ein äußerst glücklicher Zufall, denn es ist bisher mein einziger Bestseller geworden - allein in Rumänien sind über 150.000 Exemplare verkauft worden."

Cartarescus Roman wurde auch in Frankreich und Spanien herausgegeben. Bald wird er in Polen erscheinen. Warum schreibt ein ernsthafter Schriftsteller für eine Frauenzeitschrift? "Einerseits verbeuge ich mich auf diese Weise vor der besseren Hälfte der Welt, andererseits lasse ich dem weiblichen Teil meiner Seele freien Lauf. Das Prädikat Weiblichkeit trifft nicht nur auf Frauen zu, genauso wie die Männlichkeit nicht nur Männern vorbehalten ist. Ich mag Männer, die Weiblichkeit ausstrahlen und umgekehrt – auch Frauen, die typisch männliche Eigenschaften haben. In Künstlerkreisen trifft man oft solche Persönlichkeiten."

Cartarescu schreibt "ernste Bücher" und hat zugleich keine Angst vor leichteren, kommerziellen Formen. Gefragt, woran man ein gutes Buch erkennt, denkt er eine Weile nach und antwortet dann: "Gute Bücher verursachen einen Streik des Gehirns." Cartarescu hat auch eindeutige Ansichten zum Thema der Zugehörigkeit Rumäniens zur EU: "Die Franzosen können es sich erlauben, Euroskeptiker zu sein, wir nicht. Wir stehen vor der Wahl, entweder in Europa zu sein oder niemand zu sein. Europa hat die Chance, ein Super-Staat zu werden. Wir können von uns nicht mit Stolz behaupten, dass wir Rumänen sind, wenn wir im gleichen Atemzug nicht sagen, dass wir auch Europäer sind. Persönlich erfüllt mich Rumäniens EU-Beitritt mit Stolz. Ich habe es mir gewünscht und war glücklich, als der Wunsch in Erfüllung gegangen ist."