Minimal DJ Phil Stumpf : "Paris ist zu teuer für eine wirkliche Underground-Kultur"

Artikel veröffentlicht am 4. September 2009
Artikel veröffentlicht am 4. September 2009
Der in Erlangen geborene Phil Stumpf, 35 Jahre, führt schon seit zehn Jahren ein Doppelleben in Frankreich: Tagsüber arbeitet der Wahlpariser als Anästhesist und nachts macht er als DJ und Minimal-Botschafter die Clubs der französischen Hauptstadt unsicher.

„Ein Glas Champagner, um gut in den Abend zu starten. Wir feiern die 66. Auflage des Minimal Dancin im Nouveau Casino (Club in der Pariser Rue Oberkampf, A.d.R.)“, begrüßt uns Phil Stumpf. Er ist immer noch ein wenig überrascht darüber, dass wir ihn interviewen wollen. Wir nehmen den Backstage-Bereich mit gedämpftem Licht in Beschlag, dessen Wände komplett mit Graffiti besprüht sind. Auch der Kühlschrank in der Ecke ist nicht verschont worden. Ein idealer Ort für Nachtschwärmer.

„Ein bisschen schizophren ist das alles schon“

Phils Doppelleben als DJ und Arzt interessiert mich sofort. Wie schafft er es, zwei so unterschiedliche Existenzen in Einklang zu bringen? Ist es heutzutage etwa nicht mehr möglich, nur von der Arbeit als DJ zu leben? „Doch doch, das ist schon möglich. Für mich war die Entscheidung sehr schwierig, denn Medizin und Musik sind eben beide meine Leidenschaft. Nach meinem Medizinstudium habe ich drei Jahre lang nur als DJ gearbeitet, denn ich wollte die Szene von Grund auf kennen lernen. Heute widme ich der Musik weniger Zeit. Denn ich kenne mich aus und weiß, was ich tun muss, um Platten aufzunehmen.“

Auch wenn die Arbeit als Anästhesist sehr anstrengend ist, gelingt es Phil tagsüber zu arbeiten und an den Wochenenden aufzulegen. „Nur durch diesen Lebensstil bleibe ich in Balance. Über der Arbeit neigt man nämlich oft dazu, den Spaß am Leben zu vergessen“, erklärt er. „Naja, zugegebenermaßen sind es schon zwei schizophrene Jobs, aber mit ein bisschen Organisation halte ich mir ein Wochenende im Monat frei, um im Ausland aufzutreten“. Wenn Phil Stumpf Vollzeit-DJ wäre, müsste er etwa zwei Mal pro Woche im Ausland arbeiten.

Foto ©York Wegerhoff

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Am. 12 September feiert die Minimal Dancin Reihe im Nouveau Casino ihr achtjähriges Bestehen mit Jaki Liebezeit, Burnt Friedman, John Tejada und Duplex 100.

Phil Stumpf ist voller Tatendrang. Das war schon immer so, bereits in den frühen Neunzigern spielte er in mehreren Indie-Bands, bevor er 1996 mit vier Freunden die Band OH gründete. Heute ist er Resident-DJ des Nouveau Casino, in dem wir uns gerade befinden. Gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Sam Rouanet organisiert er hier unter dem Decknamen Duplex 100 die legendären Minimal Dancin-Abende, die für Elektro-Fans inzwischen Kult geworden sind. Für den Herbst 2009 stehen die nächste Etappe des Festival Music-allemand im November in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris, Gigs in verschiedenen Clubs und ein Auftritt in Kosovo am 18. September im Rahmen der Veranstaltungsreihe DEUTSCH+MINIMAL an.

Dank dieser Events gilt Phil Stumpf in Frankreich als Botschafter des deutschen Minimal, einer Musikrichtung aus den Neunzigern, die aus der Elektro-Szene hervorgegangen ist und nach dem less is more Prinzip funktioniert. „Das Abenteuer begann 2001. Das Nouveau Casino suchte nach Resident-DJs, die etwas ganz Neues machen wollten. Sam und ich waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Damals war das wirklich die einzige Veranstaltung, auf der ausschließlich Minimal gespielt wurde.“ Die Behauptung, dass Phil der Pionier des Minimal-House in Frankreich sei, findet er jedoch leicht übertrieben.

„In Berlin oder New York findet man immer einen Weg, einen illegalen Club zu eröffnen“

Nach Frankreich hat es Phil Stumpf während des Studiums und - wie auch sonst - aufgrund der Liebe verschlagen. „Oft werde ich gefragt, warum ich nicht in Berlin, der Hauptstadt des Minimal House, geblieben bin. Dort ist einfach jeder DJ! Hier habe ich das Gefühl, Teil einer kleinen Familie zu sein, die den Wandel in der Elektromusikszene in den letzten Jahren stark beeinflusst hat. In Paris gibt es höchstens 50 DJs. Dieser etwas exotische Status, den ich hier genieße, gefällt mir.“ Aber in Paris werde es der Clubbing-Kultur nicht besonders leicht gemacht, erzählt Phil weiter. Denn es herrsche ein gewisser finanzieller Druck, der die Underground-Kultur daran hindere, sich zu entfalten. „Hier ist es nicht wie in Berlin oder in New York, wo man immer einen Weg findet, einen illegalen Club oder ein experimentelles Lokal zu eröffnen. Wenn in Paris ein neuer Club eröffnet wird, muss er sich sofort in eine Geldmaschine verwandeln, in etwas Professionelles und Anerkanntes.“ Die offene, unverkrampfte Einstellung der Deutschen, die einem Musiker genügend Raum für Experimente lasse, sowie manche Aspekte des Lebensstils vermisst Phil Stumpf in Paris.

Aber wie die meisten Leute, die in der französischen Hauptstadt leben und unaufhörlich über den dortigen Lebensstil murren, liebt auch er Paris und staunt jeden Tag über die Schönheit und Lebensqualität in dieser Stadt. „Es ist doch alles sehr charmant, trotz der Arroganz der Pariser, der fehlenden Grünflächen und der Umweltverschmutzung“, lacht er.

Ein DJ im Dschungel

Die besten Locations? Macht das Auflegen in Paris oder in Berlin mehr Spaß? „Ich habe immer wieder den Eindruck, dass man sich an den Orten, die von Events nicht unbedingt verwöhnt sind, am meisten amüsiert.“ Die besten Erinnerungen hat Phil Stumpf an Osteuropa, Russland und Sibirien, aber auch an Lateinamerika, wo er bei helllichtem Tag einen unvergesslichen Auftritt im Dschungel hinlegte. „In Berlin oder Paris sind die Leute wegen der Vielzahl an Events, bei denen jeden Samstag die besten DJs der Welt auflegen, gleichgültig geworden. In anderen Ländern herrscht wegen der geringen Zahl solcher Veranstaltungen viel mehr Enthusiasmus!“ Wie gut also, dass sich Phil Stumpf nicht auf die deutsche oder französische Hauptstadt festlegen muss.

Die besten Clubs in Europa laut Phil Stumpf: 

©www.stanislaszanko.com- Die Registratur, Blumstrasse 28, München, www.dieregistratur.de

- Robert Johnson, Nordring 131, Offenbach, www.robert-johnson.de

- Waagenbau, Max-Brauer-Allee 204, Hamburg, www.waagenbau.com

- Nouveau Casino, 109, Rue Oberkampf, Paris, www.nouveaucasino.net

- Batofar, 11 quai François Mauriac, Paris, www.batofar.org