Mimoza Kusari-Lila: "Mehr Frauen in die Balkan-Politik"

Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2016

Mimoza Kusari-Lila (41) ist seit 2013 Bürgermeisterin von Gjakova, einer Stadt im westlichen Kosovo - die albanisch-kosovarische Politikerin ist die erste und einzige Frau im Land, die ein solches Amt innehat. Von 2011 bis 2013 war sie stellvertretende Premierministerin der Republik Kosovo und Handels- und Industrieministerin.

Glauben Sie, dass es auf dem Balkan für Frauen einen Platz in der Politik gibt?

Mimoza Kusari-Lila: Ich vertraue darauf und glaube fest daran, dass es ein dringendes Bedürfnis gibt, dass Frauen im politischen Leben der Balkan-Länder präsenter und ausschlaggebender sind. Sie sind immer noch unterrepräsentiert und haben tolle Aussichten, die politische Landschaft in ihren jeweiligen Ländern zu verändern. Mit der allmählich steigenden Teilnahme von Frauen am politischen Leben sehen wir eine andere Einstellung zu politischem Einfluss im Alltag von Menschen.

Machen Sie sich Sorgen wegen der Diskriminierungen, die Frauen im Kosovo und in der ganzen Balkan-Region immer noch erfahren?

Mimoza Kusari-Lila: Ich mache mir mehr Sorgen um die öffentliche Wahrnehmung von Frauen in öffentlichen Ämtern. Die meisten Länder der Region haben Gesetze gegen Diskriminierung, aber die öffentliche Wahrnehmung ist die eine Sache, die sich ändern muss, wenn es um Erwartungen an Frauen in der Politik geht. Jedes Mal, wenn eine Politikerin in der Öffentlichkeit auftaucht, tendiert die öffentliche Diskussion dazu, sich auf ihre Schwächen zu konzentrieren, anstatt auf ihre Stärken und ihre Wirkung. Wir können nicht behaupten, dass Männer in der gleichen Position genauso scharf beobachtet werden. Ich möchte daran glauben, dass Frauen andere Frauen mehr unterstützen werden und das wird ein Wendepunkt in der positiven öffentlichen Wahrnehmung von Frauen im öffentlichen Leben sein.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Mimoza Kusari-Lila: Ich bin eine Feministin weil ich glaube, dass Frauen genauso viel leisten können wie Männer. Ich bin eine Feministin weil ich andere Frauen unterstütze, indem ich an ihre Fähigkeit glaube, die gläserne Decke zu durchbrechen. Ich bin eine Feministin weil ich glaube, dass keine Gesellschaft ohne eine fortschrittliche gesellschaftliche Rolle von Frauen vorankommen kann. Ich bin optimistisch, dass Geschlechterangelegenheiten betreffende Veränderungen heute schneller geschehen als früher.

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage im Kosovo ein?

Mimoza Kusari-Lila: Was wir gerade erleben, ist eine der schwierigsten Situationen, denen wir seit Ende des Krieges 1999 begegnet sind. Das Problem besteht darin, dass die Parteien dem Volk der Republik Kosovo nicht genug Lösungen präsentieren. Wenn man die arroganten Entscheidungen der Regierung in Betracht zieht, und die gewalttätige Reaktion der Opposition, gibt es wenig Hoffnung auf eine Lösung in den kommenden Wochen oder Monaten. Die aktuelle Situation bietet wenig Hoffnung für die sozioökonomischen Probleme und generell ist das Image des Kosovo beschädigt. Der Versuch, einen Dialog zu initiieren, bei dem die Beteiligten an einem Tisch sitzen und ihre Differenzen beilegen, ist gescheitert. Und darunter leiden die Menschen im Kosovo, genauso wie das Image des Landes.

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Daés Interview führte: Muhamet Hajrullahu 

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25 Jahre nach Ausbruch der Balkankriege will Balkans & Beyond originelle Geschichten erzählen und Gesichter der jungen Generation aus Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Serbien und Montenegro zeigen, eine Generation, die bereit ist zu vergeben aber nicht zu vergessen. Das Projekt wird von der Allianz Kulturstiftung und cafébabel Berlin getragen.