Millennials - Mehr als nur Instagram-Filter

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2017

Der Kolumnist Antonio Navalón fragt in seinem Artikel in der spanischen Tageszeitung El País, ob die Millennials politisch interessiert seien. Ob sie außer zahlreichen Instagram-Filtern überhaupt schonmal etwas erreicht hätten. Oh ja, lieber Herr Navalón, das haben sie. 

Der Anglizismus Millennial bezeichnet die Generation, die zwischen den 1980ern und der Jahrtausendwende geboren wurden. Seit wir in das neue Jahrtausend gestartet sind, taucht dieser Begriff immer öfter auf. Er wird verwendet, um Neuerungen zu feiern, aber auch als Zielscheibe für allerlei Vorwürfe.

Vergangenheitsverliebte beschreiben die enge Beziehung der Millennials mit den sozialen Medien als Abhängigkeit. Diese Beziehung sei vergiftet, hätte uns träge und zutiefst passiv gemacht. Vielleicht sogar verblödet.

Der neueste, in Spanien bekannt gewordene Fall ist der Artikel des Kolumnisten und Unternehmers Antonio Navalón in der Tageszeitung El País. Darin schimpft er auf eine ganze Generation, die in den letzten drei Jahrzehnten geboren wurde. Er glaubt, „das einzige, was sie interessiert, ist die Zahl der Likes, Kommentare und Follower in den sozialen Medien“. Und er fragt, „ob es überhaupt Sinn macht, mit ihnen zu diskutieren, obwohl sie doch sowieso nicht zuhören können“.

Mit seinem angestrengten Tunnelblick schafft es Navalón, nicht ein einziges fortschrittliches Projekt junger Menschen zitieren zu können. Die Zukunft in unseren Händen sieht er nahezu apokalyptisch: „Wenn die Millennials nichts wollen und unsere Zukunft sind, dann ist die Zukunft im Nirgendwo“, lautet sein Urteil. Alles, aber wirklich alles sieht er als einen sozialen und politischen Rückschritt. Er hält uns für Analphabeten was Gesellschaft und Verantwortung angeht und sieht uns sogar als Schuldige für die Präsidentschaft von Donald Trump.

Der Artikel hat bei uns in Spanien ein journalistisches Lauffeuer entfacht. Viele Kollegen, selbst aus seiner eigenen Redaktion, machten sich daran, die Jugend zu verteidigen. Der Name Antonio Navalón wurde über Nacht zum Trendig Topic; der Journalist in seinem Wikipedia-Eintrag lächerlich gemacht. Bis er beschloss, seine Aussagen öffentlich zurückzunehmen und zwar - Achtung, Trommelwirbel - über einen Social Media-Kanal: Twitter.

Trotzdem wollen wir zu seinen Aussagen Stellung nehmen. Vor allem, um entgegen seinen Vorwürfen klarzustellen, dass wir Millennials sehr wohl zuhören können. „Ich würde sehr gern nur eine einzige Idee der Millennials kennenlernen, die kein Instagram-Filter oder eine App ist“, bittet er in seinem Text. Dieser Wunsch wird gewährt, Antonio Navalón. Und nicht nur eine Idee - hier kommen gleich ein paar davon.

Millennials in Bewegung

Wenn ich mich mal schnell umschaue, kann ich beispielsweise von Pau erzählen. Ein junger Musiker, 23 Jahre alt und Student der audiovisuellen Medien. Letztes Jahr hat er ein Erasmus-Semester in Darmstadt in Deutschland gemacht. Dort traf er andere Musiker. Ihnen fielen die Nöte der Geflüchteten auf, die ins Land kamen. Also beschlossen sie, ein Benefizkonzert für diese Menschen zu veranstalten: „Wir sind besonders stolz darauf, dass wir sehr verschiedene Kulturen zusammengebracht haben: Vietnamesen, Türken, Kurden, Syrer, Spanier, Deutsche und noch mehr. Der Eintritt war auf Spendenbasis. Das Ziel war, dass wir durch die Musik zusammenkommen und versuchen, den Menschen das Ankommen in diesem Land zu erleichtern. Das Schönste war es zu sehen, wie sich aus den neu angekommenen und ortsansässigen Musikern eine Gemeinschaft gebildet hat.“

Da wäre aber auch noch Luz, eine 25-jährige Zeichnerin. Sie nutzt die sozialen Medien, um darauf aufmerksam zu machen, wie Menschen - insbesondere Frauen - als bloße Objekte behandelt werden. Unter ihrem Künstlernamen @LubaDalu verarbeitet sie Themen wie Feminismus, Politik und Gesellschaft. Die Zeichnungen teilt sie auf ihrem Instagram-Account. „Ich habe angefangen meine Arbeit in den sozialen Medien zu veröffentlichen, weil sie direkt und einfach zu nutzen sind. Man braucht ein Handy und eine Internetverbindung - zwei Dinge, zu denen ich Zugang habe. Meine Motivation ist das dringende Bedürfnis, etwas gegen die Ungleichheit zu tun, die unsere Gesellschaft dominiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass man bei der Erziehung und Verbreitung der Ideen ansetzen muss“, erklärt Luz.

Ich kann auch noch Dafne vorstellen. Eine der vielen Millennials, die ihre Uniausbildung mit sozialem Einsatz verbindet. In diesem Fall für die Rechte von LGTBI+, für die freie Kultur und für den Feminismus. Sie unterstützt finanziell und mit Artikeln die Medien, mit denen sie sich identifiziert. Außerdem versucht sie ihre Ernährung mit der Umwelt in Einklang zu bringen. „Wenn man einmal angefangen hat, sich der Welt um einen herum zu verpflichten, ist der natürliche Weg in Richtung Expansion“, erklärt sie die vielen offenen Punkte ethischer und sozialer Verantwortung, mit denen sie sich identifiziert.

Nach einer groben Skizzierung unserer Generation gefragt, sprudeln die Worte nur so aus ihr hervor: „Es fällt mir schwer ein konkretes Adjektiv dafür zu finden. Ich kenne Leute, die die sozialen Netzwerke dafür nutzen, um Kontakte zu knüpfen und damit außergewöhnliche Aktionen auf die Beine stellen. Die sind an der Hacker-Szene interessiert und der freien Software, sie surfen durchs Netz auf der Suche nach Information und erweitern mit kritischem Blick ihren Horizont. Diese Leute arbeiten auch mit anderen Generationen zusammen. Es geht darum, sich ständig weiterzuentwickeln und gegenseitig zu unterstützen.“

‘Glokal’ aktiv werden

Ein Beispiel für themen- und generationenübergreifende Zusammenarbeit bietet Lucía. Die junge Werbefachfrau gründete vor knapp einem Jahr zusammen mit vier Freunden die lokale Plattform SaveDreams in Ibi, einer Gemeinde mit etwas mehr als 20 000 Einwohnern, die weiter wachsen will. Die Plattform hat bereits Konzerte und Wettbewerbe organisiert. Das eingenommene Geld geht an Initiativen zum Tierschutz, Krankenverbände für Alzheimer oder Behindertenwerkstätten. Obwohl sie glaubt, dass die sozialen Netzwerke uns ein wenig festgekrallt und eingeschläfert haben könnten, beruhigt sie: „Wir sind eine Generation der Unangepassten und Mutigen. Das sehen wir bei allen jungen Menschen, die wie unsere Großeltern das Land verlassen haben, um sich woanders ein gutes Leben aufzubauen.“

Albert zum Beispiel. Auch wenn es nicht um sein Leben ging, sondern darum, das von anderen zu schützen. Nach seinem Studium der Umweltwissenschaften, beschloss er die Uni zu verlassen, die ihm zu weit von der Arbeit vor Ort entfernt war. Also ging er mit der Organisation Sea Shepherd auf die Färöer Inseln, um Meerestiere zu schützen. In diesem Fall, um den traditionellen Walfang in der Region zu verhindern.

Zurück in Spanien, bewarb er die Aktion in den verschiedenen sozialen Netzwerken. „Der Mehrwert, den diese Menschen haben, die hochmotiviert tausende von Kilometern reisen, um das Leben unschuldiger Tiere zu retten, ist unübertroffen. Diese Menschen können den Rest der Bevölkerung mit ihren Ideen erreichen, weil sie aus eigener Erfahrung ihre Eindrücke und Gefühle beschreiben. Auch wenn wir an den sozialen Netzen kleben: Als Social-Media-Manager der NGO glaube ich, dass wir es ohne diese Netzwerke nie geschafft hätten, so viele Menschen mit unserer Botschaft zu erreichen“, stellt Albert fest.

Was wollen sie also?

Nun, lieber Antonio Navalón, es sieht nicht so aus, als seien die jungen Leute uninteressiert - oder? Was wollen die Millennials also? Zunächst einmal wollen wir nicht alle über einen Kamm geschert und in einen Topf geworfen werden. Darüber hinaus wollen wir mit dem Planeten in Einklang leben, ein gerechteres Zusammenleben auf lokaler und globaler Ebene erreichen, Gleichberechtigung der Geschlechter oder sogar - warum nicht? - Geschlechtergrenzen auflösen.

Das ist unser Projekt: anpacken und aktiv werden. Und zwar im wirklichen Leben. Die sozialen Medien und die Online-Welt nutzen wir, um unseren Stimmen und Ideen mehr Gehör zu verschaffen. Wir brauchen niemanden der unsere Generation bechreibt. Unsere Geschichte schreiben wir lieber selbst.